Julia Riedler im Wartesaal.
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Julia Riedler im Wartesaal.

"Exil"

Irgendwo dazwischen

  • vonK. Erik Franzen
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Stefan Pucher theatralisiert Lion Feuchtwangers Roman "Exil" unter dem Titel "Wartesaal" in den Münchner Kammerspielen.

Was bleibt, ist der Wartesaal als Kulisse, ein bedrückender Zwischenort der Entwurzelten, Erinnerungsraum mit Gegenwartstopping. Ursprünglich wollte Stefan Pucher die legendäre Wartesaal-Romantrilogie  von Lion Feuchtwanger auf die Bühne der Münchner Kammerspiele bringen. Von dieser hellsichtigen Meister-Erzählung über den heraufziehenden und existierenden Nationalsozialismus ist schließlich eine stark gekürzte Fassung des Romans „Exil“ zu sehen — unter dem Titel „Wartesaal“. Geschildert wird die Geschichte des in den 1930er Jahren aus München ins Pariser Exil geflohenen Komponisten Sepp Trautwein, der sich als Redakteur einer Exilanten-Zeitschrift für die Freilassung seines von den Nazis verhafteten Kollegen einsetzt.

In der blau-grünen, kalten Industriefliesen-Hölle eines Untergrund-Bahnhofs (Bühne: Barbara Ehnes) gibt es eine Besonderheit: eine auf circa 1,50 Meter Höhe scheinbar schwebende, nach vorn oder hinten fahrbare Raumkiste, die manchmal zusätzlich bespielt wird — als Wohnort des Protagonisten Trautwein oder Redaktionsstube der „Pariser Nachrichten“. Zuweilen wird sie aber auch verblendet zum Großbildschirm. Dann sieht man weiterhin den unteren Teil des Hauptraums, mit den Körpern der Schauspieler, während ihre Köpfe, live aufgenommen von Kamerafrau Ute Schall und riesig über dem Realgeschehen projiziert, ein eigenständiges schwarz-weiß-Film-Leben führen.

Pucher und sein Team steuern nah an der Textvorlage entlang, mit ihrem pädagogischen Impetus und den humorvollen Überzeichnungen im Detail. Samouil Stoyanovs Trautwein ist ein in die politische Journalistentätigkeit verirrter Künstler mit naiv-bajuwarischer Körperlichkeit und voller Gefühl: Den überraschenden Erfolg seines Widerstands gegen die Okkupation belegt die Nervosität des NS-Umfelds. Sein ganzes Können spielt Stoyanov aus, als Trautwein zerbricht, minutenlang in sich verkrochen, während die Bühnenhandlung fortschreitet. 

Opfer sind sie irgendwie allesamt, die zwangsweise fremden Deutschen im Ausland. Insbesondere Sepps Ehefrau Anna. Maja Beckmann nimmt die Zuschauer im zweiten Teil der dreistündigen Aufführung mit ihrer so unaufgeregt-distanzierten wie schaudern machenden Selbstmord-Schilderung gefangen. Wer kommt hier ohne tiefe Kratzer raus? Den Gegenspielern Trautweins öffnen sich Spielräume. Egal ob Nazi-Militär Heydeberg (böse-ironisch Jochen Noch), ob deutscher Legationsrat „Spitzi“ (fein over the top mit Dental-Ruine Jan Bluthardt) oder Publizist Erich Wiesner alias Friedrich Sieburg, den Daniel Lommatzsch akkurat zuckend als feinsinnigen Machtgewinnler ohne Gewissen zeigt: Sie zeichnen alle drei mit dickem Stift Selbstportraits als widerliche Witzfiguren und als Bösewichte.

Nach der Pause und mit der Zuspitzung der schwelenden Dramen nehmen Rhythmuswechsel und Tempo zu, das ganze Geschehen wird eindringlicher. Daran hat nicht zuletzt Julia Riedler großen Anteil, die zwischen der weiblichen Hauptrolle der Salondiva Lea de Chassefierre und zwei weiteren Nebenrollen hin und her pendelt.

Für Distanz sorgt immer wieder Annette Paulmann, im glänzenden lila Hosenanzug. Als zusätzlich eingefügte Erzählerin nimmt sie die Position einer ab- und aufgeklärten Mutter Courage ein und führt souverän durch den am Ende vom Publikum umjubelten Abend. Ja, „Exil“ ist ein Stück des 20. wie auch des 21. Jahrhunderts. Allein das existenzielle Unbehaustsein mit all seinen dramatischen Folgen passt ins Hier und Jetzt. Selbst wenn die ungewohnt ruhige Handschrift Puchers irritiert — der unaufgeregte, überlegte Zugang passt zur Vorlage. 
An deren Ende zumindest ein kleines Glück: Trautmanns Einsatz für den verhafteten Kollegen hat sich ausgezahlt, Fritzi Benjamin wird freigelassen. Als Pianist schlüpft Stoyanov aus seiner Rolle, das Ensemble formiert sich um ihn und intoniert gemeinsam „Klein Sterbelied“ von Else Lasker-Schüler. „So still bin ich, all Blut rinnt hin“. Ist das Leben nicht mehr als eine Kulisse für den Tod?

Quelle: Frankfurter Rundschau

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