feu_meyerhoff_160920
+
Joachim Meyerhoff.

Roman

Eine Rettung

  • vonCornelia Geißler
    schließen

Joachim Meyerhoff erzählt in „Hamster im hinteren Stromgebiet“ von seinem Schlaganfall.

Der Held, zugleich Ich-Erzähler des Buches und abzüglich gewisser künstlerischer Freiheiten identisch mit dem Autor, hat einen Schlaganfall erlitten. Schauplatz der Handlung ist das Allgemeine Krankenhaus Wien. Als er wieder aufstehen kann und nicht mehr im offenen Krankenhaushemdchen, sondern bereits im Bademantel durch den Flur humpelt, begegnet ihm eine bisher unbekannte Ärztin. Die kennt aber ihn, vermutlich aus dem Burgtheater. Auch Promis kann es erwischen, sagt sie, und er hört dabei Schadenfreude heraus. Sie macht mal eben den Lieblingstest zum Erkennen der neurologischen Grundfunktion. Joachim Meyerhoff kann zwar mühelos mit dem rechten Zeigefinger an seine Nase tippen, mit dem linken verfehlt er sie allerdings. „,Sie sind doch immer so ein ganz ein Lebendiger gewesen.‘ Na, danke, dachte ich, was war ich denn jetzt? Ein ganz ein Toter?“

Die demütigende Situation, dass jemand zufrieden registriert, wie man aus der Bahn geworfen wurde, hätte ein Pflasterstein auf dem Weg in eine fette Depression sein können. Ein kleiner, denn schwerer wog in dem Moment und Zustand für den Schauspieler natürlich die Tatsache, dass seine berufliche Existenz infrage stand, die davon abhängt, den Körper perfekt zu beherrschen. Ihn rettet zunächst sein Zweitberuf. Seit er begonnen hat, seine autobiografischen Bühnenprogramme in Romane zu verwandeln, begonnen 2007 mit „Alle Toten fliegen hoch“, behauptet er sich als Schriftsteller.

Er kann aus Trauer und Trauma nicht nur Kraft schöpfen, sondern sogar Humor ziehen, oft haarscharf an der Grenze zur Tragödie. Und so auch diesmal: Der Roman „Hamster im hinteren Stromgebiet“ umfasst die Zeit vom Schlaganfall bis zur Entlassung aus der Klinik. Ihn zu schreiben begonnen hat er just danach.

Es ist die Sprache, die ihm geholfen hat, und es ist natürlich das größte Glück in seiner Lage, dass sie ihm nicht abhandengekommen ist. Der Schlaganfall ereignete sich im Kleinhirn als Verstopfung einer Arterie im hinteren Stromgebiet – daher der nach Flusslandschaft klingende Teil des Buchtitels. Der Pfropfen ließ sich mit einem speziellen Medikament lösen. Mit Hilfe von Physio- und Ergotherapie, die im Krankenhaus begannen, wie Meyerhoff mit kuriosen Details schildert, kam die Beweglichkeit zurück. In Berlin, wo er seit der Spielzeit 2019/20 an der Schaubühne ist, ließ er in der akrobatisch fordernden Inszenierung von „Amphitryon“ keine Einschränkung erkennen.

„Nur ein Schlagerl“, sagen sie

Das Buch

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 320 S., 24 Euro.

Hatten die bisherigen Bücher ihre Komik auch aus der Distanz gewonnen, wenn es um seine Kindheit und Jugend ging, ist Meyerhoffs Erzählung diesmal sehr nah an der Gegenwart. Was er schildert, passierte vor zwei Jahren. Während der Nächte aber, da er aus Angst vor einer Wiederholung nicht schlafen will, begibt er sich gedanklich zurück, etwa zu einem desaströsen Mallorca-Urlaub.

In der Krankenhauswelt hilft ihm ein bisschen der Umstand, dass er mit seiner norddeutschen Prägung die wienerischen Bezeichnungen als verniedlichend erlebt. Statt „Ich auch“ sagt der Mitpatient „I – a“. „Das ist schon erstaunlich, befand ich, dass es eine Sprache gab, in die Tierlaute eins zu eins übernommen werden konnten.“ Ob die linke Seite „noch sehr bamstig“ sei, wird er nach der ersten Therapie gefragt, denn „das war ja nur ein Schlagerl“.

Und doch: Die wenigen Tage im Krankenhaus sind voller Düsternis. Der Früchtetee schmeckt wie „verflüssigte Depression“. Er wird Ohrenzeuge erbarmungswürdigen Röchelns von einem der Nachbarbetten, nur durch Vorhänge abgetrennt. Immer wieder hört er verzweifelte Sprechversuche eines Mannes mit Hirnblutung. „Shit, shit! Warum funktioniert das da oben nicht?“

„Hamster im hinteren Stromgebiet“ ist auch ein Buch über die Liebe, über die gescheiterte zur Mutter seiner Töchter, über die aktuelle zur Mutter seines Sohnes, aus deren Nachrichten Meyerhoff auch zitiert. Will man das alles so genau wissen?

Zu Herzen gehend und auch oft zu wildem Lachen anstoßend sind einige Anekdoten über seine Kinder, denen er innig zugetan ist. Am Anfang erleben wir die große Tochter in einer fulminanten Szene, da sie die tranigen Rettungssanitäter zwingt, die Zuweisung zu einem Krankenhaus zu verlangen. „Zeit ist Hirn“, den Slogan kennt selbst der lädierte Vater, dem Arme und Bein links den Dienst versagten. 18 Jahre alt ist die Tochter, mühelos kann sie die Rollenverteilung des sorgenden Menschen umkehren.

Tags darauf ruft deren elfjährige Schwester an und fragt: „Stirbst du?“ Sie schildert, wie sie in der Schule die ganze Zeit geweint habe. Den Kranken tröstet zwar ihre Nähe, doch „ich wusste eben auch, dass sie solche Momente genoss und es großartig fand, nach Hause gehen zu dürfen“. Da zeigt sich, wie schon bei anderem autobiografischen Erzählen, wie heikel es sein kann, direkt aus dem Leben zu berichten. Auch noch, wenn dieses Mädchen ebenfalls 18 Jahre ist, wird es lesen können, wie der Vater ihre Angst abwertet.

Das könnte Sie auch interessieren