Mit Temperament und Betörung: Radoslava Vorgic.
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Mit Temperament und Betörung: Radoslava Vorgic.

„La Giuditta“ in Wiesbaden

Komm her, geh weg

Und wieder Sturmgewehre: Alessandro Scarlattis „La Giuditta“ in der intimen „a tre“-Version in Wiesbaden.

Von Stefan Schickhaus

Das Plakat hatte für etwas Wirbel gesorgt, mehr Wirbel jedenfalls, als Plakate des Museums Wiesbaden in der Regel erzeugen. Um für die Ausstellung „Caravaggios Erben – Barock in Neapel“ zu werben, hatte das Museum im Herbst ein 400 Jahre altes Gemälde Artemisia Gentileschis auf Plakatgröße anwachsen lassen, darauf zu sehen die biblische Judith als Halsabschneiderin. Für Kinder kein förderlicher Anblick in Wiesbadens Stadtbild, so die Beschwerde etlicher Eltern.

Kinder oder auch Jugendliche waren ohnehin nicht im Premierenpublikum zu erblicken, als der identische Stoff – Judiths Despotenmord der drastisch-alttestamentarischen Art – in Wiesbaden auf die Opernbühne kam, wiewohl verortet in der Reihe „Junge Oper“. Gespielt wird das Oratorium „La Giuditta“ von Alessandro Scarlatti, Regisseurin Chris Pichler hat es für die Kleine Bühne des Staatstheaters operntauglich gemacht. Und das Museum Wiesbaden ist Kooperationspartner. Außerdem die Mainzer Musikhochschule und das Exzellenzprogramm Barock Vokal Mainz.

Das klingt nach viel Jugend und viel Personalaufwand, doch beides hält sich in Grenzen. Im Orchestergraben ein klein, aber fein besetztes Ensemble aus sieben Musikern, darunter so fantastische Alte-Musik-Kenner wie die Cembalistin Sabine Bauer; Christian Rohrbach hatte die musikalische Leitung. Auf der Bühne lediglich drei Protagonisten, denn man spielt die so genannte „La Guiditta a tre“-Fassung, eine verdichtete Version einer früher von Scarlatti vertonten großen „Giuditta“. Die hatte es 2007 in Mainz zu hören gegeben, mit einem noch ganz jungen Christian Rathgeber in einer Tenor-Nebenpartie. Jetzt sang Rathgeber den Holofernes, sehr klar, sehr wohlklingend, eine hervorragende Stimme für barockes Repertoire. In den Ausschmückungen war er betont sparsam, dieser Tyrann möchte nicht mit schnellen Tönen überwältigen. Das wollte auch Regisseurin Pichler herausarbeiten: Holofernes ist durchaus ein Liebender, wie auch Judith nicht ohne Gefühl ist für ihr Gegenüber. Komm her, geh weg, ein häufiges Bewegungsmuster an diesem Abend.

So ließ Pichler das Opernoratorium auch mit einer Art Liebeslied als Supplement-Arie enden, nicht mit Scarlattis originalem Triumph-Schluss. Ähnlich war auch Arila Siegert vor zehn Jahren nebenan in Mainz verfahren, auch sie hatte den Stolz über den Tyrannenmord durch ein abgeändertes Finale ins Grüblerische gekehrt.

Die Gegenparts zu Holofernes sangen die serbische Sopranistin Radoslava Vorgic, auch sie eine schon erfahrene Barocksängerin und kaum mehr ein Nachwuchstalent zu nennen, sowie Hyemi Jung als Nutrice. Die Koreanerin präsentierte sich an diesem Abend als eine faszinierende Vertreterin der Alt-Lage: Ungeheuer die Tiefe, warm die Höhe, bei diesem Spagat waren auffällige Registerbrüche naturgemäß kaum zu vermeiden. Hyemi Jungs Part ging unbedingt unter die Haut – wobei auch Radoslava Vorgic ein markantes Rollenprofil zeigte, mit Temperament und Betörung, wie es einer Judith so recht ansteht.

Chris Pichlers Regie hatte damit zu kämpfen, dass äußerlich wenig passiert, gerade im ersten Teil. So führte sie, obwohl die Musik nur so brandete, die Personen mit größter Langsamkeit über die Bühne, jede Bewegung einem Ritual gleich. Unberechenbarkeiten vermied sie – einmal abgesehen von dem tanzenden, halbnackten Soldaten, der ein Abendkleid anlieferte. Ansonsten: Faschistoider Ledermantel für den Herrscher (angepasst von der für die Kostüme zuständigen Claudia Weinhart), schon wieder Sturmgewehre für die Soldaten-Statisten, nichts Neues also. Die Industrie für automatische Opernwaffen kann es in Sachen Omnipräsenz eh bald mit der deutschen Rüstungsindustrie aufnehmen.

Ein Schwert brauchte es aber natürlich doch, ohne Schwert kein Kopf. Es wurden Melonen serviert, sie zu teilen das Werkzeug mitgeliefert. Die Tat selbst war geschickt ausgeführt, der Gummikopf danach aber hatte etwas unfreiwillig Komisches. Das Gentileschi-Plakat in Riesengröße im Wiesbadener Stadtbild hatte jedenfalls mehr Schockbild-Kraft als dieses Karnevals-Accessoire.

Staatstheater Wiesbaden: 2., 11., 26. Februar, 16. März. www.staatstheater-wiesbaden.de

Quelle: Frankfurter Rundschau

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