Bild aus La La La Human Steps "New work by Édouard Lock".
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Bild aus La La La Human Steps "New work by Édouard Lock".

La La La Human Steps

Kreisel auf Spitzenschuhen

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Ein Dauergezappel, wie man es noch nicht gesehen hat: In seiner Choreografie "New Work" lässt Édouard Lock die Ballerinen seiner Tanztruppe "La La La Human Steps" sich drehen, drehen, drehen. Ein Bewegungsrausch, aber kaum was fürs Herz.

Es gibt eine Frauenband, die sich „Chicks on Speed“ nennt. An sie und weniger an Schwarze Schwäne war zu denken beim Abend in Frankfurts Jahrhunderthalle mit der kanadischen Company La La La Human Steps: Choreograf Édouard Lock hat sein schlicht „New Work“ betiteltes Stück zwar sichtlich seinen Hochleistungsballerinen gewidmet, aber diese treibt er nun in ein anderthalbstündiges Dauergezappel, wie man es noch nicht gesehen hat.


Vor der Uraufführung am 5. Januar in Amsterdam war zu lesen, der Frankokanadier Lock habe sich von den „gewaltigen Emotionen“ zweier Barockopern inspirieren lassen, Purcells „Dido und Aeneas“ und Glucks „Orpheus und Eurydike“. Zwar spielen die vier Musiker auf der Bühne auch mal stark barock Angehauchtes von Gavin Bryars oder Blake Hargreaves, doch die Emotionen müssen irgendwo im Entstehungsprozess dieser Choreografie weitgehend verloren gegangen sein.


Vom ersten Moment an arbeiten sich die Tänzerinnen auf Spitze an einer furiosen, aber seltsam kalten, roboterhaften Choreografie ab. Die spärliche, schlaglichtartige Beleuchtung (Lock) nimmt ihnen zusätzlich ihre Individualität, und es nützt nichts, dass immer wieder mal zwei Leinwände runter fahren, auf denen dann zwei verschiedene junge und eine ältere Frau (die genauso gut eine der jungen in Maske sein kann) zu sehen sind, von nah, in schlichten weißen Männerhemden, ruhig sitzend und ins Publikum blickend. Diese Zwischenvideos (ebenfalls von Lock) stehen unverbunden neben dem Tanz und auch ihr Zweck oder ihr Thema sind rätselhaft.


Früher waren waghalsige Sprünge das Markenzeichen der Lock’schen Choreografien, jetzt wird vor allem gedreht, gedreht, gedreht. Oft fassen die Männer die Frauen an der Taille und lassen sie zuerst zur einen, dann zur anderen Seite kreiseln. Und wieder. Und wieder. Aber auch die Arme werden hochgeworfen, als versuchten die Tänzerinnen tatsächlich abzuheben. Und die Beine fliegen oder die Spitzenschuh bewehrten Füße trappeln sowieso unermüdlich. Bis sich die Tänzerinnen und Tänzer, oft in Dreiergruppen, auf den Boden werfen und die lässig lümmelnde Position des rechten Mannes auf Édouard Manets Gemälde „Das Frühstück im Grünen“ einnehmen. Für Sekunden meist nur, denn diese Choreografie darf aus irgendeinem Grund, den nur Édouard Lock kennt, nicht zur Ruhe kommen.


Es ist, als versuche hier ein Meister tänzerischer Geschwindigkeit, sich selbst zu übertreffen. Édouard Lock schickte seine Tänzer – und besonders Tänzerinnen – schon immer gern in einen Bewegungsrausch. Er hatte aber ein Gefühl dafür, dass die Artistik nur beeindrucken kann, wenn das Auge sich zwischendurch erholen, das Herz sich nähren darf.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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