Marion Eichmann vor „Kreuzberg Merkezi“.
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Marion Eichmann vor „Kreuzberg Merkezi“.

Ausstellung

Großstadtdschungel aus Papier

  • vonIngeborg Ruthe
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Marion Eichmann ist eine Ausnahmeerscheinung in der europäischen Kunstszene. Ihre wandfüllenden Bilder und Tableaus schneidet sie geradezu manisch, zugleich spielerisch.

Sie steht vor dem Merkezi in Berlin-Kreuzberg, der wurde Anfang der Siebziger am Kotti erbaut, zwölf Etagen und 367 Wohnungen, zumeist wohnen hier türkische Familien. Die Fassade bildet zum Platz hin einen leichten Winkel. Vorgelagert sind 15000 Quadratmeter Fläche für Gewerbe, für Handel und Wandel, zwei Parkhäuser, multikulturelle Restaurants und Imbisse.

Marion Eichmann steht jedoch nicht vor dem Original des heute von der Gewobag verwalteten Stadtquartiers, das in Berlin als sozialer Brennpunkt und für Parallelgesellschaften bekannt ist. Sie steht in ihrer eigenen Merkezi-Welt, klar strukturiert aus Papier Karton, Farbe. Diese wahrlich einzigartige Künstlerin hat das urbane Wahrzeichen des quirligen und ethnien-bunten Berliner Stadtbezirks noch einmal geschaffen, als ästhetische und zugleich spielerische, lebenswerte Utopie aus Formen, Farben, Oberflächen Strukturen und Dimensionen.

Nicht werten, zeigen

Doch Eichmann wertet nicht. Sie zeigt in ihrer Fantasie nur einen „idealen“ Merkezi, wo alles in der Balance zu sein scheint. Das komplexe Werk füllt eine ganze Wand der Kreuzberger Galerie Tammen. Und es sieht so aus, als laufe die junge Frau direkt aus dem gelb-schwarz-rot-blauem, seitlich auch rosa Ensemble heraus. Das ist riesig und seine geometrischen Formen hat sie akribisch geschnitten, gerissen, und geklebt. Kaum zu glauben, dass Maria Eichmann diese riesige Assemblage allein mit ihren beiden Händen schaffen konnte. Aber das hat sie!

Und an den anderen Wänden hängen weitere Motive – von Tankstellen, vom New Yorker Times Square, von Stadtszenen aus Istanbul und Tokio, von Spielotheken, Automaten und Blumenauslagen, von Mülltonnen und Waschmaschinen, Caféhäusern und Mc Donald-Läden, von Stadttunneln und Verkehrszeichen. All das Alltägliche, Unscheinbare tritt hervor, entstanden aus der Großstadt-Faszination Eichmanns heraus.

Oft sind die Motive durchsetzt mit den Leitfarben Rot, Gelb, Blau. Als würde sie mit diesem Color, oft hinterlegt mit Schwarz oder Weiß, dauernd die Avantgarde der Moderne befragen: Mondrian, Bart van der Leck, Barnett Newman. Und Malewitsch.

Marion Eichmann stammt aus Essen, Jahrgang 1974. Mit ihren hippiehaften Künstler-Eltern reiste sie schon als Kleinkind durch die Welt. Kaum konnte sie einen Stift halten, hat sie bereits alles gezeichnet, was sie sah. Und wenn andere kleine Mädchen mit Puppen hantierten, schnitt und riss sie sich ihre überbordende und grenzenlose Spielwelt selbst zurecht, tauchte darin ein. Papier und Stifte waren eigentlich überall zu haben. Eichmann studierte in den 90er Jahren in Berlin, erst an der UdK, dann an der Kunsthochschule Weißensee. Da zeigte sich schon: Sie ist anders als andere Künstler, entgrenzter und zugleich überlässt sie nichts dem Zufall. Das brachte Förderpreise.

Bestricken und beschneiden

Eichmann hatte in der Weißenseer Modeabteilung eine alte Strickmaschine entdeckt und wieder zum Laufen gebracht. Für ihre Abschlussarbeit strickte sie den ganzen Raum, das Mobilar und auch sich selber in gelb-schwarze Wellenmuster ein. Ein japanischer Modedesigner war fasziniert, holte sie aus dem Stand in den Fernen Osten. Bald aber stellte sie fest, dass diese Szene nicht die ihre war. Sie hielt sich dann meist in Cafés von Tokio auf, fertigte da unentwegt farbenfrohe Scherenschnitte von den anwesenden Gästen, klebte sie zu Schichten übereinander, mit witziger und fast dreidimensionaler Wirkung.

Zurück in Berlin wurde sie gleichsam zu einer eigenwilligen Ur-Ur-Enkelin von Matisse. Sie schneidet seither mit anscheinend leichter Hand und virtuosem Gestus groß- wie kleinformatige Architekturen, Stadtszenen, Geschäfte aus farbigem Malkarton. Und grandiose dreidimensionale Blumensträuße.

Galerie Tammen, Hedemannstr. 14 in Berlin-Kreuzberg: bis 29. August. Mehr, auch zu anderen aktuellen Ausstellungen – etwa einer großen Retrospektive in der Galerie Stihl in Waiblingen: www.marioneichmann.com

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