Karin Beier, Intendantin des Schauspiel Köln.
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Karin Beier, Intendantin des Schauspiel Köln.

Deutsches Schauspiel Hamburg

Was mache Stuth?

  • vonPeter Michalzik
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Wer Karin Beier Intendantin am Deutschen Schauspiel Hamburg? Seit Friedrich Schirmer überstürzt das Haus verlassen hat, ist in der Politik um die erste Kulturpersonalie Hamburgs ein Gerangel ausgebrochen. Kultursenator Reinhard Stuth (CDU) möchte nämlich Bürgermeisterkandidat Olaf Scholz (SPD) ausstechen.

Im Theater ist die Bundesliga kleiner als 18 Mannschaften, auch wenn Deutschland hier mit Österreich und der Schweiz in einer gemeinsamen Liga spielt: So viele 1a-Häuser wie Bundesliga-Mannschaften gibt es nun mal nicht. Die Trainer-, Verzeihung, Intendantensuche gestaltet sich entsprechend eng. Das war schon immer so. Bisher führte das eher zu stiller Hinterzimmerpolitik, keine Namen, bevor alles unter Dach und Fach war, auf dass niemand vorzeitig verbrannt werde und der oder die Beste geholt werden könne.


In Hamburg, wo sie etwas anderes unter Kulturpolitik zu verstehen scheinen, stürmten jetzt der noch amtierende Bürgermeister Christoph Ahlhaus und der Noch-Kultursenator Reinhard Stuth öffentlich nach vorne: Man habe eine neue Intendanz, verkündete Ahlhaus. Man freue sich, dass man Karin Beier ein Angebot machen konnte, sekundierte Stuth.
Denkt da jemand an Matthias Sammer, der auch schon beim HSV war, bevor es dann doch nichts wurde? Hamburg lockt, aber unterschrieben ist noch nichts. So ist es nicht ausgeschlossen, dass Hamburg bei der zur Zeit am heißesten gehandelten Kulturpersonalie, „wer wird Intendant des Deutschen Schauspielhauses?“, mal wieder ein sauberes Eigentor schießt. Dabei war es doch richtig, sich schnell um die Nachfolgefrage zu kümmern, seit Friedrich Schirmer überstürzt das Schauspielhaus verlassen hat.


Aber wie, fragt man sich, kann man so ungeschickt sein, einen Namen vor der Zeit und ohne Not in der Öffentlichkeit zu lancieren? Die Antwort ist einfach: Als durchzusickern begann, dass Olaf Scholz, SPD, der sich schon jetzt als kommender Bürgermeister Hamburgs fühlen darf, Beier nicht ganz uncharmant findet, wollte die jetzige CDU-Regierung sich wenigstens noch die Personalie Beier auf die untergehende Fahne schreiben – wenn man schon sonst so vieles im Schauspielhaus versiebt hatte. Ätsch, die haben aber wir geholt, könnte man sich vier Oppositionsjahre lang trösten. So wird die Intendantenfrage zum Spielball kleinlicher politischer Interessen.

Entstanden ist so ein Gerangel, bei dem öffentlich über Bande gespielt wird – ein Getrickse, in das sich jetzt auch der Kölner Kulturdezernent Georg Quander einschalten musste. Er äußert sich, als ginge es um einen Abwerbeversuch, wenn nicht eine feindliche Übernahme. Er spricht von einem rechtsgültigen Vertrag bis 2014, den Beier mit Köln habe. „Der wird eingehalten.“ Dabei würde sie nur ein Jahr früher gehen und noch zweieinhalb Jahre in Köln sein. Aber so spricht gemeinhin der Bundesliga-Manager, kurz bevor er die Ablöse kassiert. Und so steht jetzt also der 1. TC Köln gegen den HTV, und die Öffentlichkeit fungiert dabei als Druckmittel.


Für die einzige wirklich interessante Frage sind diese überflüssigen, aber für die Öffentlichkeit immerhin unterhaltsamen Spiele bedeutungslos. Die Frage lautet: Ist Karin Beier die Richtige? In Hamburg beteuert zur Zeit jeder, sie sei die beste Wahl, wie bei einem Trainer, den man unbedingt haben will. Unabhängig davon: Dass sie eine sehr, sehr gute Wahl ist, daran gibt es keinen Zweifel. Köln hat sie im Griff (siehe FR vom 26.11.10), künstlerisch wie institutionell. Ihre Erfolge der letzten Zeit sind herausragend. Die Eigenschaften, die sie für die Aufgabe qualifizieren, sind zahlreich: Künstlerische Qualitäten als Regisseurin, Durchsetzungskraft und Verbindungen als Intendantin, Augenmaß, Urteilsvermögen und Charme.
Am Montag tagt der Aufsichtsrat des Deutschen Schauspielhauses, der formal den Kultursenator beauftragen muss, Verhandlungen mit Beier aufzunehmen. Der eigentlich entscheidende Partner für Beier ist ab 20. Februar wahrscheinlich die SPD, nicht mehr die CDU. Mit dem wahrscheinlichen Wahlsieger SPD müssen die Beschlüsse gefasst werden, die ab 2013, wenn Beier nach Hamburg käme, tragen müssten.


Eigentlich ist also noch gar nichts passiert. Die Öffentlichkeit weiß jetzt, dass Karin Beier ein Vertragsangebot aus Hamburg vorliegen hat. Gut. Der HTV macht sich ohne Not erpressbar, indem er das öffentlich macht. Nicht so schön, aber gut fürs Theater. Die Hamburger können jetzt nicht mehr zurück, und Beier kann die Bedingungen diktieren. Da gibt es ja noch die Sparbeschlüsse vom vergangenen Jahr. Ansonsten muss Beier nur warten. Die Zeit spielt für sie: In Köln, wo sie den Neubau mit immer neuen Ideen verschleppen, wo sie nach Monaten immer noch mit der absurden Idee laborieren, Kinderoper und Studiobühne zusammenzulegen. Die Stadtregierung zeigt sich nicht sehr kooperativ mit ihrer erfolgreichen Intendantin. Das macht den Weggang leichter. Den Druck auf Köln wird Hamburg erhöhen.


Und in Hamburg erinnert man sich daran, dass man auch im Theater schon mal einen Fall Sammer hatte. Dort hatte man den Intendanten Matthias Hartmann für das Schauspielhaus verkündet. Es war vor der Entscheidung für Friedrich Schirmer. Hartmann ging dann aber doch nach Zürich. Je länger das Hamburger Spiel jetzt dauert, desto nervöser dürften die Hamburger ob der unangenehmen Erinnerung werden. So gibt es also nur eine Schlussfolgerung: Man sollte jetzt möglichst schnell den Sack zumachen, wie man in der Bundesliga sagt.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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