Gefangen in einer Haus-in-Haus-Konstruktion.
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Gefangen in einer Haus-in-Haus-Konstruktion.

"Faust" in Darmstadt

Mefisto unter Halbautomaten

Faust wird hier fast zu einer Randfigur: Karsten Wiegand inszeniert Charles Gounods Oper im Staatstheater Darmstadt.

Von Bernhard Uske

Charles Gounods Faust-Oper ist mit Darmstadt auf besondere Weise verbunden, fand hier doch im Großherzoglichen Hoftheater am 15. Februar 1861 die deutsche Erstaufführung des zwei Jahre zuvor in Paris uraufgeführten Werks statt. Die Zentralstellung des Schicksals der jungen, unschuldigen Frau ist hier, ganz im Sinne des sentimental-affinen Romantizismus attraktiv durchgeführt und gut anschlussfähig für zeitgenössische Gemütslagen.

Faust wird dabei fast zu einer Randfigur, derweil Méphistofélès das bitterböse Arrangement für die Empathieauslösungen der Rezeption stiftet. Das Ganze eine Mischung aus bukolischem Sittengemälde mit mörderischem Einzelschicksal samt verzweifelter Liebe bei schlussendlicher Erlösung. Von letzterem möchte man in Zeiten erhöhten Negativitätsbedarfs in aller Regel nichts wissen und so war es auch bei der Neu-Inszenierung am jetzt Staatstheater genannten Opernhaus Darmstadts, wo der Intendant des Hauses, Karsten Wiegand, seine schon ältere Arbeit aus Berlin reaktiviert hat.

Zuletzt, beim „Ist gerettet!“, quält sich die in den letzten Zügen liegende Marguerite in blutgetränkter Gewandung vor den Tischen einer sich freundlich zuprostenden Festgesellschaft. Überhaupt gibt hier alles Gesellschaftliche, Massenbewegte Anlass, spezifische Formen kollektiven Zwangsverhaltens vorzuführen. Die Choreographie von Otto Pichler hat der Walzer tanzenden, tändelnden, zechenden, marschierenden Bevölkerung markante, mechanische Bewegungsvollzüge geschaffen, die, zu den jeweils höchst süffigen und zupackenden Intonationen Gounods, Beschädigten-, Versehrten- und Zerrütteten-Gesten beisteuern.

So liegt über allem ein Schleier pathologischer Bestimmung, was allerdings ästhetisch höchst reizvoll ist und artistisch geformt vonstatten geht. Eine Gesellschaft von Aufzieh-Puppen, Halbautomaten und von Ticks Beherrschten. Dazwischen Mefisto als alerter, süffisanter Akteur, gut gekleidet vom Dinnerjackett bis zum Schwarz der zeitgenössischen Halbseidenheit und Kreativität. Umfangen ist das Geschehen von einer Haus-in Haus-Konstruktion (Bühne: Bärbl Hohmann): Fausts Studierzimmer und Gretchens Raum sind als kleine, puppenstubenartige Häuschen auf die Bühne gestellt, die von einem metallisch reflektierenden, bühnenhohen Kasten, in dem sich das sonstige Handlungsgeschehen abspielt, begrenzt wird. Bis zu dem finalen Moment, wo sich auch dieser hebt und den Blick auf die dahinter Feiernden bösen Guten kurz freigibt. Wunderbare Farbreflexionen gelingen auf der Bühnenwandhaut, wie überhaupt die Lichtbestimmungen der Personen in dem metallischen Gehäuse, das sich höchst differenziert wandelt, hervorragend ist (Licht: Nico Göckel). Dazu sind alle Bewegungszüge der Akteure wunderbar mit Tempo und Fluss der Musik koordiniert – eine Augenweide!

Eine für die Ohren ist das, was aus dem Orchestergraben erklingt. Erster Kapellmeiser Michael Nündel entfaltet mit dem blendend disponierten Orchester einen feinen, schlanken, biegsamen, dann auch wieder hart rhythmisierbaren Gounod-Klang, der das Weiß-Gipserne, das der französischen Romantik anhaften kann, sofort vergessen lässt. Bei dem zum Einsatz kommenden, schwachen Streicherdruck meint man manchmal fast, eine historisierende Attitüde zu erleben.

Sängerisch ist der Abend sehr beachtlich: besonders der auch in seiner Rolle grandiose Mefisto Adam Palkas mit kalt-glühendem Feuer in der Stimme, die sehr schöne Stimme Katharina Persickes als Marguerite und der gewollt oder ungewollt recht tölpelhaft wirkende Philippe Do sind die ersten Namen in einem Ensemble, das, was auch den Chor anbelangt, keine Wünsche offen lässt.

Staatstheater Darmstadt: 8., 18. 2.; 10.3.; 14.4.; 4., 12., 19. 5.;
www.staatstheater-darmstadt.de

Quelle: Frankfurter Rundschau

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