Der Schriftsteller Nick Hornby und sein Bild.
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Der Schriftsteller Nick Hornby und sein Bild.

Buch

Mein Sohn, der Pornostar

Ein Porträtbild aus unendlich vielen kleinen Brustwarzen und andere schön schrullige Erzählungen aus einem kleinen Land von Nick Hornby

Von Ulrich Sonnenschein

Nick Hornby ist ein durchweg sympathischer Erzähler. Er hat es über die Jahre geschafft, seine einfachen Geschichten aus dem englischen Alltag in der Balance zwischen anspruchsvoller Popkultur und emotionaler Komödie anzusiedeln.

Dabei nimmt er seine Figuren ernst, sich selbst hingegen nicht. Ironie gedeiht am besten in der Gesellschaft von Selbstironie und so sind seine Geschichten zwar schrullig, aber immer nachvollziehbar. Selten gibt es einen Ausflug in die Welt der Phantastik und da machen die Geschichten in diesem schmalen Erzählungsband eine deutliche Ausnahme.

Wunderbare Momentaufnahmen

Ein Videorekorder, der das Programm der Zukunft zeigen kann, ist da ebenso erstaunlich, wie das titelgebende „kleine Land“, das so klein ist, dass alle männlichen Bewohner in der Nationalmannschaft spielen müssen und trotzdem 30:0 gegen San Marino verlieren.

Die anderen Geschichten jedoch sind wunderbare Momentaufnahmen, Geschichten in denen es tatsächlich um etwas geht, das dem großstädtischen Einerlei seine Besonderheit garantiert. Da findet eine Mutter im Briefkasten eine DVD mit einem Film, in dem ihr Sohn die Hauptrolle spielt. Dass es sich dabei um einen Pornofilm handelt, den die hämische Nachbarin nicht ohne schnippischen Kommentar eingeworfen hat, bringt den Tagesablauf der Familie nur kurzfristig durcheinander.

Wie schnell man dann im Gespräch zu nüchternem Pragmatismus zurückkehrt, ist beachtlich. „Was ist, wenn sie’s rausfindet? fragt die Mutter besorgt, „dann muß ich mir ne neue Freundin suchen, nehm ich mal an“ antwortet der Sohn lapidar.

Versteckte Provokationen

Ähnlich unaufgeregt geht es in „Nippeljesus“ zu. Diese Geschichte ist schon mehrfach erschienen, als Hörbuch und als Theaterstück, und erzählt von einem Bild und einem Disco-Türsteher, der die Nachtarbeit satt hat. Sein neuer Job führt ihn in ein Museum, dort muss er ein Bild bewachen, das den Kopf von Jesus im Großformat zeigt. Erst wenn man näher herangeht stellt man fest, dass dieses Porträt aus unendlich vielen kleinen Brustwarzen besteht, die die Künstlerin pointilistisch aufgeklebt hat.

Eine versteckte Provokation. Deshalb der besondere Schutz. Doch es sind nicht die Mechanismen der Provokation, auf die die Geschichte abzielt, sondern die Frage nach der Rezeption von Kunst ganz allgemein. Denn nach anfänglicher Skepsis findet der Wachmann Gefallen an dem Bild, nicht zuletzt, weil ihm die Künstlerin etwas mehr als sympathisch ist.

Er verteidigt die Machart, eben weil man erst wissen muss, was man sehen wird, bevor man sich entschließt näher an das Bild heranzugehen. Dann aber wird ein Anschlag auf das Bild verübt und die Künstlerin freut sich gleichzeitig über das Versagen des Wachmannes.

Kleine verkappte Romane

Damit ist ihr nachhaltiger Ruhm garantiert. Mit dieser künstlerischen Kalkulation aber ist sein Wohlwollen für das Bild dahin. Kunst, so Hornby, existiert nie nur für sich. Sie bleibt immer eingebunden in den banalen Lebenskontext des Betrachters.

Fußball, Popmusik, Skateboardfahren oder Todessehnsucht – Nick Hornbys Romane schaffen bestimmte Situationen, um ihre Charaktere darin zu entwickeln. In den Erzählungen geht es weniger um die Entwicklung als vielmehr um ein Zurechtkommen mit dem, was einem so passiert. Es sind kleine verkappten Romane, sondern in ihrer Kürze hinreichend erzählt. Und die Situationen, die Hornby sich ausdenkt sind in jedem Fall besondere. Schade nur, dass sich der Verlag für sein Übergangsbuch bis zum nächsten Roman auf lediglich vier kurze Geschichten beschränkt hat.

Nick Hornby: Small Country. Deutsch von Ulrich Blumenbach, Clara Drechsler und Harald Hellmann. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 159 S., 16,99 Euro.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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