Die Frankfurter Oper.
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Die Frankfurter Oper.

Oper Frankfurt inszeniert „Calisto“

Melancholie der Bärin

Francesco Cavallis Barockoper „Calisto“ ist derzeit im Bockenheimer Depot zu sehen - brillant umgesetzt von der Oper Frankfurt.

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Musiktheater als allseits erotisierter, von Sinnenlust durchtränkter traurig-heiterer Bilderbogen – derlei gab es vor Mozart nirgendwo schärfer als bei Francesco Cavalli und in seiner bekanntesten Oper „La Calisto“ (1652). Man könnte bei diesem ingeniösen Plot (der Kombination zweier antiker Mythen) und dem Libretto von Giovanni Faustini auch an eine Offenbachiade denken, an menschlich-allzumenschliche Turbulenzen im Fabelkleid einer „göttlichen“ Operette.

Der von der Nymphe Calisto entzückte Jupiter verwandelt sich, um an die Begehrte heranzukommen, in die gestrenge Jagdgöttin Diana. Da diese bald auch selbst auftritt, kommt es zu burlesken Verwicklungen. Entgegen ihrem Ruf zieht Diana einen Schwarm bizarrer Liebhaber hinter sich her, darunter den lyrischen Endimione. Juno, Jupiters Gattin, leitet mit rachedurstigen Tiraden das ernüchternde Ende der Geschichte ein. Jupiter hatte seinen Spaß, bestraft aber wird Calisto: in ein Bärenfell gesteckt, von den Furien geprügelt. Erst sozusagen nach 1968 konnte ein so schonungslos frivoles Theater auf breiter Front goutiert werden.

Im Bockenheimer Depot hatte diese große Produktion der Oper Frankfurt (in Zusammenarbeit mit dem Theater Basel) ihre umjubelte Premiere. Der Raum gestattet eine Optik abseits jeder Guckkasten-Gewohnheit. Stéphane Laimé hatte zwei gegenüberliegende Tribünen gebaut, auf denen das männliche und das weibliche Publikum getrennt saßen – diskreter Hinweis auf die Geschlechterspannung im Stück und Junos jeweils an eine der Parteien gerichtete Sentenzen. In der Mitte gab es einen schmalen Steg, auf dem sich die Darsteller, die vorwiegend überall (auch unter den Zuschauern) agierten, oft begegneten. Ein Wasservorhang teilte immer wieder diese Spielfläche und sorgte für zauberhaft-verwischte Konturen.
Der Regisseur Jan Bosse entfesselte die personenreiche Komödie antik (elf Einzelrollen und der Furienchor des Ensemble Barock vokal Mainz) bis hin zum wilden Klamauk.

Tolldrastisch geht es da zu wie bei Boccaccio oder Fellini. Doch der Spaß wird gegen Ende ins Allegorische abgebogen: die theatralisierte Einsicht, dass Lust und Übermut ihren Preis haben: Bezahlt wird mit Melancholie und Resignation. Nichts wirkt rührend-melancholischer als ein Bär auf der Bühne. Und die Entrückung der Bärin Calisto in den Sternenhimmel hat denn all die trauernde Verklärtheit eines gnadenlosen Abschieds vom Erdenglück. Antik-barocke Weisheit, weiser als jeder Naturalismus. Bosses Inszenierung versichert sich beim Schluss-Clou der Mitwirkung der Zuschauer: Mithilfe in der Pause ausgegebener Taschenlämpchen imaginieren sie den gestirnten Himmel.

So blieb die Balance zwischen den Extremen in dieser brillanten Wiedergabe gewahrt. Und die Darsteller hatten zudem das Vergnügen, mit raffiniert in Frage gestellten Geschlechteridentitäten umzugehen. Luca Tittoto als Jupiter assoziierte in Gehaben und Haartracht einen noch voll im Saft stehenden Silvio Berlusconi; stimmlich wechselte er mühelos zwischen sonorer Männlichkeit und durchdringendem Falsett-Sopran. Baritonal geschmeidig der Merkur von Daniel Schmutzhard. In gerüsteter Dramatik die Dianastimme von Jenny Carlstedt. Der die komische Alte Linfea ergötzlich verkörpernde Countertenor Flavio Ferri-Benedetti erwies sich erneut als alterfahrener Vertreter dieser Kunst. Sanfter und schmelzender der Altist Valer Barna-Sabadus als fragiler, schwärmerischer Endimione. Brenda Rase gab ihrer koloraturenreichen Junopartie jene Art von bestimmender Autorität, die, über alles operettenhaft männliche Bramarbasieren hinaus, als glaubhaft schicksalslenkend erscheint.

Ganz besonders anrührend aber die Titelrolle mit der jungen Christiane Karg, einer Stimme von klarem, zugleich hellem und warmem Timbre, der Töne der Leidenschaft ebenso fähig wie überzeugend in Leid und Verzicht. Karikaturistische Momente unbeschwerter Naivität verlieren sich nach und nach. Ein durchgängiger Bestandteil der Aufführung der feuerrote Amor (Kostüme: Kathrin Plath), die zierliche Pantomimin, Flöten- und Geigenspielerin Anna Fusek.

Fast ins Unmerkliche hinein versteckten sich die Sorgfalt und Feinnervigkeit der musikalischen Wiedergabe unter der (vom Cembalo aus) scheinbar völlig entspannten Leitung von Christian Curnyn und mit zu beiden Seiten des Spielstegs symmetrisch postierten Instrumentalisten des Opern- und Museumsorchesters. Der Wirbel der Personage tendierte des öfteren auch zur Vermischung mit dem Orchester, ohne dessen Klangzuverlässigkeit erschüttern zu können.

Noch mehr bei Monteverdi als bei Händel, bleibt Cavallis Musik in ständiger Bewegung, löst sich der bereits erkennbare Konflikt zwischen Ariosem und Rezitativischem immer wieder auf; ebenso schwerelos, wie sich aus rüpelhafter Drastik die Poesie der Stille und nachhorchenden Besinnlichkeit ergibt. „Calisto“ – in so lebhafter Darstellung ein Opern-Solitär.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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