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Artemisia Gentileschi malte „Judith und Holofernes“ um 1620. Das Ölbild hängt in den Uffizien von Florenz.

Artemisia Gentileschi

Mit diesem Messer will ich dich töten

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Warum heute noch aktuell ist, was ein 400 Jahre altes Gemälde über Gewalt an Frauen erzählt: Zu Artemisia Gentileschis Gemälde „Judith und Holofernes“.

Ein Bild wie aus einem Splatterfilm: Es zeigt, der biblischen „Buch Judit“-Geschichte folgend, Judith („die Jüdin“), die mithilfe ihrer Magd Abra den assyrischen Feldherrn Holofernes enthauptet. Seine Truppen hatten den ganzen Nahen Osten verwüstet, auch die von ihm belagerte jüdische Stadt Betulia war bereit, sich zu ergeben. Da ging die reiche, schöne Witwe Judith vor die Tore der Stadt zu ihm in sein Zelt, bezirzte ihn und half ihm, sich zu betrinken. Als er eingeschlafen war, nahm sie, während ihre Magd Holofernes aufs Bett drückte und an der Gegenwehr hinderte, das Schwert des Feldherrn und riss ihm damit den Hals auf.

Roland Barthes, der französische Entdecker der „Mythen des Alltags“, meinte, die beiden Frauen wirkten wie „Arbeiter, die dabei sind, ein Schwein zu schlachten“. Da hatte er recht. Jemanden so umzubringen, ist harte Arbeit. Es verlangt Kraft und höchste Konzentration. Das Blut muss aus der Halsschlagader wie eine Fontäne spritzen, sonst hat der Getroffene zu viel Zeit zur Verteidigung. Artemisia Gentileschi (1593–1654) zeigt das. Sie zeigt auch, wie Judith den Kopf des Holofernes beiseiteschiebt, um auch mit dem nächsten Schnitt gut an die Halsschlagader zu kommen. Bei einem Schwein wäre das nicht möglich gewesen.

Am Ende werden die Frauen dem Feldherrn den Kopf abschneiden, den Leichnam im Zelt liegen lassen, den abgeschlagenen Kopf in einen Sack stecken und im Schutz der Dunkelheit aus dem Lager der Assyrer fliehen. Den Kopf des Holofernes werden sie auf die Stadtmauer spießen. Die assyrischen Truppen werden entsetzt die Flucht ergreifen.

Diese Geschichte, einer der zahlreichen hellenistischen Romane, aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert, spielte später eine riesige Rolle. Hier hatte Gott nicht nur durch eine Frau gesprochen. Er hatte sie auch tun lassen, was kein Mann tat. Judith rettete das Volk Israel. Im „Buch Judit“ heißt es: „Brandschatzen wollten sie mein Gebiet, die Jugend morden mit scharfem Schwert, den zarten Säugling am Boden zerschmettern, die Kinder als Beute verschleppen, als billigen Raub die Mädchen entführen. Doch der Herr, der Allmächtige, gab sie preis, er gab sie der Vernichtung preis durch die Hand einer Frau. Ihr Held fiel nicht durch die Kraft junger Männer, nicht Söhne von Riesen erschlugen ihn, noch traten ihm hohe Recken entgegen. Nein, Judit, Meraris Tochter, bannte seine Macht mit dem Reiz seiner Schönheit.“

Darum geht es noch heute: Sex und Gewalt. Darum erinnert ein 400 Jahre altes Gemälde an einen Splatterfilm. Darum erinnert die 2000 Jahre alte Geschichte, die es erzählt, bis heute auch an die Gewalt, die Frauen angetan wird. In der Literatur, in der Bildenden Kunst, in der Philosophie – seit der Frührenaissance kam man kaum noch ohne Judith aus. Scarlatti und Vivaldi liebten den Stoff. Eine Frau kann einen Mann überwältigen. Sie braucht dazu die Waffen einer Frau und die des Mannes. Sie muss sie beide nicht nur haben. Sie muss auch mit beiden umgehen können.

Judith konnte das. Das macht bis heute ihre Faszination aus. Als Artemisa Gentileschis Zeitgenosse, der holländische Arzt Johan van Beverwijck 1639 in seinem Buch „Van de wtnementheyt des vrouwelicken Geslachts“ die Frauen als das stärkere, das klügere und bessere Geschlecht anpries, da durfte auf den 680 Seiten, die das belegen sollten, Judith natürlich nicht fehlen.

Das Bild, das wir hier zeigen, hängt in den Uffizien. Es entstand irgendwann zwischen 1614 und 1620. Artemisia Gentileschi wurde in Rom geboren. Sie war die Tochter des berühmten Malers Orazio Gentileschi (1563–1639), der bei Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610), einem der größten Revolutionäre der Kunstgeschichte, gelernt hatte. Das Judith-Thema hat Artemisia Gentileschi immer wieder bearbeitet. In Neapel hängt fast das gleiche Bild noch einmal. Es wird derselbe Moment gezeigt, nur hat Judith dort statt eines gelben ein blaues Kleid an.

Auf anderen Bildern sieht man Judith mit ihrer Magd das abgeschlagene Haupt des Holofernes aus dem Lager bringen. Aber es gibt keine härtere, keine wahrhaftigere Darstellung der Ermordung des Holofernes als diese. Es ist sicher nicht falsch, das damit in Zusammenhang zu bringen, dass Artemisia Gentileschi 1611 von einem Freund und Kollegen ihres Vaters, vom Landschaftsmaler Agostino Tassi, vergewaltigt worden war. 1612 kam es zum Prozess. Acht Monate dauerte er, nicht der Täter wurde gefoltert, sondern das Opfer. Agostino Tossi stritt alles ab, wurde zwar für schuldig befunden, kam aber bald wieder frei und hatte 1621 als Lehrling einen der großartigsten Maler des 17. Jahrhunderts: Claude Lorrain.

Artemisia Gentileschi beschrieb im Prozess den Tathergang der Vergewaltigung so: „Als wir an der Tür waren, stieß er mich ins Zimmer und schloss hinter uns zu. Mit einem Schlag auf die Brust warf er mich aufs Bett, dann fuhr er mit seinem Knie zwischen meine Schenkel und stopfte mir mit einem Taschentuch den Mund, damit ich nicht schreien konnte. Jetzt schob er mir die Röcke hoch, was ihm Mühe bereitete, fuhr mit dem zweiten Knie zwischen meine Beine und steckte sein Glied in meine Scham. Dann ließ er meine Hand los und begann zu stoßen. Beim Hineinstecken spürte ich ein starkes Brennen und einen Schmerz. Ich leistete Widerstand, konnte aber keine Hilfe herbeirufen, weil er mir immer noch den Mund zuhielt. Ich zerkratzte sein Gesicht, riss ihm Haare aus und versetzte seinem Glied, bevor er es hineinsteckte, einen so kräftigen Hieb, dass ein Stückchen Fleisch abging. Doch ließ er sich nicht beirren und fuhr mit seinem Treiben fort. Er stieg erst von mir herunter, als er seine Sache erledigt hatte. Als ich frei war, rannte ich zur Tischschublade, nahm ein Messer heraus, stürzte auf Agostino los und schrie: ,Mit diesem Messer will ich dich töten, denn du hast mich geschändet!‘“

Artemisia Gentileschi sprach offenbar so detailliert, wie sie malte. Ihre Worte stellen die Szene so deutlich vor uns wie ihr Bild es mit dieser anderen Szene tut. Man kann diese Zeilen aber nicht lesen, ohne dass das Gefühl der Vergeblichkeit der Weltgeschichte aufkommt.

Was ist von einem Zivilisationsprozess zu halten, der sich zwischen einem römischen Maleratelier um 1600 und einem Filmatelier in Hollywood um 2000 keinen Millimeter bewegt hat? Es ist schlimm genug, dass wir der #MeToo-Debatte bedurften, um nicht mehr über die Besetzungscouch zu witzeln, sondern die sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz als solche zu benennen.

Aber natürlich liest man den Satz „mit diesem Messer will ich dich töten“ ganz anders, wenn man sich ansieht, wie auf dem Gemälde von Artemisia Gentileschi Judith Holofernes bearbeitet. Man denkt daran, dass die Kunst dazu dienen kann, uns Handlungen beschreiben zu lassen, die zu tun wir uns nicht trauen. Man muss sich nur vorstellen, wie oft sie die Szene gemalt hat. Schicht über Schicht. Mit immer neuen Korrekturen: „der Mord als schöne Kunst betrachtet“.

Aber Judith ist eine Romanfigur, Holofernes auch. Dieser Mord hat niemals stattgefunden. Er ist ein Werk der Fantasie. So wie Artemisia Gentileschi nicht gemalt hat, was sie mit Agostino Tossi tat, sondern allenfalls das, was sie sich in ihren wüstesten Fantasien vorstellte, mit ihm zu tun. Aber sie bedurfte keiner eigenen Fantasien. Der Bilder- und Geschichtenvorrat dient uns allen ja zur Verarbeitung der Realität. Die Tradition hatte auch Artemisia Gentileschi vorgearbeitet. Sie musste nichts erfinden. Es gab diese Geschichte, die auch damals schon seit ein paar Jahrhunderten immer wieder gemalt worden war. Aber bei ihr sieht das Bild anders aus. Es ist höchst effektives, bestens ausgeleuchtetes Theater und es ist zugleich realistisch bis in jeden einzelnen Blutstropfen hinein. Es ist das Produkt – das glauben wir zu sehen – einer großen Empfindung.

Artemisia Gentileschi zog nach dem Prozess erst einmal um, nach Florenz. Sie heiratete, bekam zwei Töchter, malte für große Häuser und hohe Auftraggeber. Schon 1616 nahm die Accademia dell’Arte del Disegno in Florenz sie auf. Als erste Frau. 1623 zog die Familie nach Rom. Dort lebten sie im Haus des Liebhabers von Artemisia Gentileschi, des Grafen Francesco Maria Maringhi. 1630 zog sie weiter in das dreimal größere Neapel, das damals eines der Zentren europäischer Kultur war. Die spanischen Habsburger regierten in Neapel. Aber es kam ständig zu Volksaufständen und Rebellionen. So zog die Künstlerin von Auftrag zu Auftrag, nach London, Genua und Venedig. Sie starb im Alter von sechzig Jahren als eine berühmte Malerin in Neapel.

Die Nachwelt begann bald, sie zu übersehen. Erst 1916 lenkte der italienische Kunsthistoriker Roberto Longhi mit einem Aufsatz von 80 Seiten über „Gentileschi, padre e figlia“ die Aufmerksamkeit wieder auf Artemisia Gentileschi. Allerdings vor allem als Caravaggio-Nachfolgerin. Erst die Frauenbewegung der 70er Jahre öffnete der Öffentlichkeit die Augen für die ganz einmalige Statur von Artemisia Gentileschi. Inzwischen sind die Prozessakte und ihre Briefe veröffentlicht und es gibt mehrere Dutzend Monografien über sie in den wichtigsten europäischen Sprachen. „Judith und Holofernes“ war zuletzt in zwei thematisch unterschiedlichen Wechselausstellungen zu sehen, 2015 im Frankfurter Städel, ein Jahr später im Museum Wiesbaden. Die Londoner National Gallery wird ab dem 3. Oktober „Artemisia“ eine große Ausstellung widmen.

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