Vorwiegend hellblau: Knuddeln in „Love Hurts In Tinder Times“.
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Vorwiegend hellblau: Knuddeln in „Love Hurts In Tinder Times“.

Schaubühne Berlin

Nöte und Wonnen des Rumspielens

Ein seminaristisches Musical über die Unerschöpflichkeit der Liebe an der Berliner Schaubühne: „Love Hurts In Tinder Times“ von Patrick Wengenroth.

Von Ulrich Seidler

Da steht „Realisation: Patrick Wengenroth“ auf dem Schaubühnen-Programmzettel von „Love Hurts In Tinder Times“, nicht „Regie: Patrick Wengenroth“. Was für eine schöne Aufgabe, die Realisation, zumal im Theater. Und es hat dann tatsächlich den Anschein, als würde etwas verwirklicht und ausgelebt, was bis dahin höchstens in Gedanken oder Träumen stattgefunden hat.

Nicht nur, dass Wengenroth persönlich mit halsbrecherischen Pfennigabsätzen und von den Lasten verdrießlicher Weisheit in elegante Schräge gezogenem Kopf den Abend mit einer düster-baladesken Version des Pet-Shop- Boys-Hits „Love is a Catastrophe“ eröffnet und sich so einen Auftritt verschafft, den weniger kühne Persönlichkeiten höchstens vor dem Spiegel im gut verriegelten Badezimmer wagen würden. Nein, auch die drei Spieler des Abends – die vertrackte Kunst-Elfe Lise Risom Olsen, der fleischliche Poet Andreas Schröders und der mit stählerner Empfindsamkeit begabte Best-Age-Adonis Mark Waschke – erhalten Gelegenheit, Hemmungen und Grenzen zu überwinden sowie Spielfreuden zu erkunden, die in anderen Zusammenhängen locker den Tatbestand des öffentlichen Ärgernisses erfüllen würden.

Jedenfalls sind schon die zu engen achselschweißfleckigen Pullover der aufgeräumt die Bühne enternden Herren augenschädigend, so dass man fast erleichtert ist, als diese Kleidungsstücke abgeworfen werden. Es fallen schnell auch die anderen Hüllen und die drei Splitternackten gehen zu einer knuddeligen Body-Paint-Session über – eine unschuldige und doch veritable Sauerei vor allem in Hellblau. Sie ziehen einander durch die Farbe, reiben sich aneinander, quetschen ihre Vorderseiten mit Betonung des Genitalbereichs auf Leinwände und lassen erst von ihrem Tun, als der Pizza-Liefer-Service kommt.

Was dann folgt, sind vor allem monologische Gedankenspaziergänge, oft mit improvisierten Passagen, die sich mit dem zu überwindenden monogamen Konzept der Liebe beschäftigen: Erinnerungen an Schülerknutschereien, herausposaunte Utopien und Wunschträume von fantasievollen Sexualpraktiken, die zum Beispiel auf die Überwindung der Feststofflichkeit von Menschenfleisch zielen. Doch, das hat was: „Wenn unsere Körper Wolken wären. Dann könnten wir uns mit anderen Wolken zusammentun. Rumspielen.“

Reflektiert werden aber auch die moralischen Bedenken, es gibt zum Beispiel eine durchaus stichhaltige Kritik an der Freiheit, den Jammer des Zurückgewiesenen, den Versuch, das Müssen abzuschaffen und die Eifersucht als Geschenk zu begrüßen.

Für alles bietet der Fundus der Popmusik hübsche Beispiele, die das Seminar immer wieder zum Musical erheben und auflockern. Begleitet werden die vier von dem Musiker Matze Kloppe, der als Wiedergänger des frühen Dieter Bohlen mit toupiertem Schopf, 80er-Jahre-Freizeitanzug sowie Umschnall-Keyboard auftritt und die gebotenen Coverversionen von Peggy Lee über Whitney Housten bis George Michael auf eine so mechanische wie groovige Karaoke-Spur setzt. Sehr bereichernd, dieser Abend. Vor allem für Leute, die Spaß an Problemen haben.

Schaubühne, Berlin: 3. bis 8. Februar. www.schaubuehne.de

Quelle: Frankfurter Rundschau

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