Paris, um 1977: Hauptstadt der Stadtentwicklung.
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Paris, um 1977: Hauptstadt der Stadtentwicklung.

Centre Pompidou

Der Pionierbau

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Das Centre Pompidou in Paris feiert seinen 40. Geburtstag. 3,335 Millionen Besucher bewunderten das Bauwerk im vergangenen Jahr - unvorstellbar, wenn man diese Summe auf den Tag umrechnet.

Nicht nur die Kleidung auf dem Foto zu diesem Artikel weist das obendrein seltsam getönte Lichtbild als historisches Dokument aus. Paris, Ende der 70er Jahre: Im Hintergrund zu sehen sind Teile des historischen Paris, ruinöse Reste der Hauptstadtbebauung aus den Zeiten des Baron Hausmann, in denen die französische Metropole zur „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ aufstieg. Was mit Paris geschah, war ein Fortschritt, der auch auf einem radikalen Stadtumbau basierte.

Paris, 31. Januar 1977: Radikal war auch das, was Paris heute vor 40 Jahren mit dem Centre Pompidou widerfuhr. Geplant war es von Anfang an als Coup, weil es bei dem Museumsneubau nach dem Willen des französischen Präsidenten ging, Georges Pompidou. Auch einer seiner Nachfolger dann, François Mitterrand, hielt an dieser Tradition präsidialer Selbstdarstellung durch symbolträchtige Bauwerke fest. Prestige durch Baukunstwerke wurde in Paris zu einem Staatsakt und zu einem Synonym.

An die architektonische Attraktion musste sich Paris im Laufe der Jahre erst gewöhnen, zumal das Bauwerk ein Baustein war für den gewaltigen Stadtumbau auf dem Terrain der berühmten „Hallen“, des vormaligen „Bauchs von Paris“. Leichter fiel den enormen Touristenströmen die Gewöhnung an das neue Haus, geduldig stand man immer wieder Schlange, und nicht etwa bloß für ein Museum, sondern für eine „Museumsmaschine“. Erdacht von zwei Architekten, von Richard Rogers und Renzo Piano, war sie zu einer Zeit entstanden, als die Zukunftseuphorie noch half.

Es war für die beiden, den 39-jährigen Piano und den 44-jährigen Rogers, nicht etwa der Auftakt zu einer Karriere, sondern ein Katapultstart in ein zweites Architektenleben. Beide, der Genuese ebenso wie der Londoner, knüpften mit ihrem Röhrenbau, denn Rolltreppenröhren und Stahlstützen wurden der Fassade vorgehängt, an die High-Tech-Entwicklung an. Nicht diesem Beispiel, das dem Besucher die konstruktiven Elemente der Architektur bereits nach außen hin weithin sichtbar vorführte und sie auch im Innern ausstellte, ist der damals einsetzende Museumsboom bei jeder sich bietenen Gelegenheit gefolgt.

Ein Pionierbau ist das Centre Pompidou aber gleichwohl geblieben, und nicht etwa wegen seiner Dimensionen, sondern wegen seiner Multifunktionalität, darunter einer Bibliothek und einem Institut für elektroakustische Forschung (Ircam). Nicht nur als Ausstellungsmaschine wurde das Haus konzipiert, sondern auch als Ort für Konferenzen oder Konzerte.

Es ist beim Centre Pompidou in Paris nicht geblieben, global fand das Prinzip Museumsmaschine Anwendung, obendrein setzte das Centre Pompidou Dependancen in die Welt. Seine Sammlung ist nicht nur so etwas wie ein Aushängeschild für Paris, vielmehr auch ein Fundus, mit dem das Stammhaus seine Ableger bespielt, Häuser in Metz, Malaga und demnächst in Brüssel.

Das Haus in Metz, so heißt es, soll Finanzsorgen haben. Die Filiale in Malaga, als monumentaler Glaswürfel direkt angedockt an die Flaniermeile des Hafens, soll dem Stammhaus in Paris dafür, dass es Werke für Ausstellungen zur Verfügung stellt, jährlich etwa 1,5 Millionen Euro zahlen. Es trägt nicht von ungefähr den Namen „Centre Pompidou provisoire“, hat es doch die Räume des Kulturzentrums „El Cubo“ für nur fünf Jahre bezogen.

Im Mai 2010 wurde das Centre Pompidou in Metz eröffnet. Bei dem Bauwerk des Japaners Shigeru Ban, auch er ein Pionier wie zuvor schon Piano und Rogers, handelt es sich um einen einmal mehr sehr zeitgenössischen Baukunstkörper.

Überzeitlich, nicht wie eine Erscheinung auf dem internationalen Laufsteg der Architekturmoden, wirkt die Attraktion in Paris, das Centre Beaubourg, wie es auch genannt wird, was eine höfliche, distinguierte Beschreibung ist. Es gibt auch die abschätzige: „La Raffinerie“, was allerdings dem in der Tat hochraffinierten Bauwerk nicht gerecht wird.

Viel erklärt sich heute, nach 40 Jahren, aus einem vibrierenden Optimismus, der in den späten 1970er Jahren noch nicht abgeklungen war. Das Museum ist auch so etwas wie eine Allegorie der Mentalitätsgeschichte. Es hat als Haus, als Institution, Krisen erlebt – und überstanden.

Im Vergleich zu 2015 stieg die Zahl 2016 um neun Prozent auf 3,335 Millionen Besucher an. Man kann diese Summe auf den Tag umrechnen – und es ist unvorstellbar. Kaum zu glauben, auch angesichts von Terroranschlägen und Terrorangst. Was auch immer man in diesem Museum zu sehen bekommt, es geschieht auch, indem man sich gegenseitig auf den Füßen steht. Und doch, bei dem Museum, zur Eröffnung gleich einem Staatsakt gefeiert, beharren die Besuchermassen heute auf einem Statement.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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