Clémentine Deliss ist die neue Leiterin des Museums für Weltkulturen in Frankfurt
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Clémentine Deliss ist die neue Leiterin des Museums für Weltkulturen in Frankfurt

Museum der Weltkulturen Frankfurt

Rabe trifft Kojote

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Auftakt zur neuen Gesprächsreihe "Expeditionen" des Museums der Weltkulturen in Frankfurt: Leiterin Clémentine Deliss hat sich zwei Freunde eingeladen: Den Künstler und dreifachen Documenta-Teilnehmer Lothar Baumgarten und den Ethnologen Michael Oppitz. Und es durfte auch gelacht werden.

Was man braucht, um auf Reisen zu gehen, an den Amazonas und in den Himalaya: Auf der Bühne der Frankfurter Kammerspiele stehen drei Stühle und ein Tisch, darauf drei Gläser und eine Flasche Rotwein. Sanftes Licht fällt von der Decke. Mehr ist nicht nötig, denn die Reise findet in den Köpfen statt. Clémentine Deliss, die neue Leiterin des Museums der Weltkulturen, hat sich zwei Freunde zum Gespräch eingeladen: Den Künstler und dreifachen Documenta-Teilnehmer Lothar Baumgarten und den Ethnologen Michael Oppitz, bis zur Emeritierung Leiter des Zürcher Völkerkundemuseums. Auf einem projizierten Bild stehen die Kumpel unter Palmen, jugendlich, im weißen Anzug, lässig, mit Zigarre im Mund – eine Aufnahme von 1968, Tropenhaus in Berlin.


Und ab geht die Reise. 90 Minuten lang, mit rasch wechselnden Bildern, ein wenig unstrukturiert, aber mitreißend. Als junge Männer planten Baumgarten und Oppitz schon „einen berühmten Film, den wir nie gedreht haben“, im englischen Pitt Rivers Museum, „einer Konserve des kolonialen Sammelns“ (Baumgarten). Da gingen sie rein, unter den Indianer-Masken eines Raben und eines Kojoten – um sich dort über die antiquierte Präsentation aus dem 19. Jahrhundert lustig zu machen, ethnologische Funde fein säuberlich aufgereiht in Reih und Glied, natürlich in gläsernen Vitrinen. Der nie gedrehte Film sollte damit enden, dass „der Rabe in einen Bentley steigt“.


Schon ein schwerer Insider-Seitenhieb. Denn Baumgarten war Beuys-Schüler – „und Beuys fuhr damals Bentley!“ Baumgarten suchte in der deutschen Kunst-Szene die Provokation. Hatte immer „Hammer, Nagel, Feuerzeug und den Scherenschnitt eines Flugzeugs“ dabei. Schlich sich in Ausstellungen, um den Umriss des Bombers an die Wand zu flämmen – als „Statement gegen Napalm in Vietnam“.


„Das wurde relativ schnell langweilig.“ Doch dann gingen die Freunde, getrennt voneinander, auf Reisen. 1977/78 besuchte Baumgarten 18 Monate lang die Yanomami-Indianer, „eine schriftlose Gesellschaft“, in der die mündliche Überlieferung wichtig war. Oppitz kontert mit Fotos eines Bergvolks aus dem Himalaya. Der Gesang und „die Trommel als Äquivalent des Buches“ geraten zum Mittel der Überlieferung, jeder Sänger verfügt über einen zweiten als „Echo“ – auf dem Foto aber ist das Echo sanft entschlummert.
Lachen, Raunen im Publikum, das sich gut unterhält. Oppitz wandert nach Art des „Dinner for One“ mit der Rotweinflasche von Glas zu Glas, der gute Tropfen geht bedenklich zur Neige.


Doch dann wird es noch ernst. Der Wissenschaftler wettert gegen eine „akademische Ethnologie“, die ihre „Radikalität“ verloren hat, die nur noch „ein Mittel ist, um theorielastige Karrieren zu fördern an der Universität“. Direktorin Deliss wendet sich gegen die überkommene Präsentation ethnologischer Objekte im Museum: „Meist mit dunklem Hintergrund, das finde ich höchst problematisch“. Das also ist der Auftakt zur neuen Gesprächsreihe „Expeditionen“ des Museums der Weltkulturen. Am Ende lädt Deliss den Raben und den Kojoten ein, ihren berühmten Film bei ihr im Museum zu drehen. Gelächter.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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