Gregory Porter in der Alten Oper Frankfurt.
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Gregory Porter in der Alten Oper Frankfurt.

Alte Oper Frankfurt

"Seine Stimme füllte die Leere"

  • vonVolker Schmidt
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Gregory Porter singt Nat King Cole, aber spannender ist es, wenn er sich selbst treu bleibt.

Nat King Cole war der Vater, den Gregory Porter nie hatte. So hat es der Sänger – Markenzeichen: Ballonmütze und Schlauchschal, das bärtige Gesicht kaum zu sehen – für den „Guardian“ aufgeschrieben. Gregorys Mutter zog alleine acht Kinder auf, bis sie an Krebs starb; Gregory, der Jüngste, war 21 Jahre alt. „Einen Vater gab es in meinem Leben nicht – Nats Stimme füllte die Leere.“

Rechtzeitig für den weihnachtlichen Markt hat Porter ein Album mit Cole-Songs im üppigen Klang aufgenommen. Auf Tour steht er damit vor großem Orchester, in der Alten Oper ist es die Neue Philharmonie Frankfurt. Nat King Coles „Nature Boy“ – „das war ich“, sagt er in einer seiner knappen Ansagen. Und „I Wonder Who My Daddy Is“ von Nats Bruder Freddy Cole gewinnt vor diesem Hintergrund an Abgründigkeit.

Abgründe, Brüche sind allerdings selten an diesem Abend: streichersüffige Arrangements, fast nur langsame Nummern, und Porters gewaltiger Bariton im wohlklingenden Crooner-Modus. Den Bläsern fehlt zum Big-Band-Sound die Präzision, aber bei Titeln wie „Quizas, Quizas, Quizas“, „Mona Lisa“, „For All We Know“ oder „Miss Otis Regrets She’s Unable To Lunch Today“ steht ohnehin eher elegische Streicharbeit an.

Für den Swing hat Porter eine dreiköpfige Band dabei, die selten mehr als unterstützend wirken darf. Ein knappes, schnelles „L-O-V-E“ im schlanken, fingerschnippenden Trio-Arrangement zeigt, wie es anders sein könnte.

Porter hat sich für den Show-Business-Cole entschieden, zu dem der Bebop-Pianist in den 50er Jahren wurde, bleibt nah am Original, phrasiert wohlgefällig. Ein Genuss ist das allemal, das Timbre macht ihm so schnell keiner nach, und die Stimmgewalt des Zwei-Meter-Mannes wirkt bei allem Understatement beachtlich.

Was den Sänger aber ausmacht, kommt zu kurz: die Anklänge an Soul und Spiritual, die Ecken und Kanten, das auch mal leicht Knarzige in den hohen Lagen. Sein eigener Song „When Love Was King“ vom 2013er-Erfolgsalbum „Liquid Spirit“ ist Nat King Cole gewidmet, hat deshalb einen Platz im Konzert und gibt Porter Raum für seine wahren Qualitäten: ein gigantisches Repertoire an stimmlichen Ausdrucksmöglichkeiten, das aber meist nur durchschimmert.

Wie die Zugabe „No Love Dying“, ebenfalls von „Liquid Spirit“, zeigt „When Love Was King“ auch Porters beträchtliche Songwriter-Qualitäten: voll düsterer Omen das eine, gespickt mit märchenhaften bis messianischen Metaphern das andere, die harmonischen Wendungen stets geschmeidig, aber selten banal. Nat King Cole hat die Reverenz sicher verdient; spannender klingt Porter, wenn er sich selber treu bleibt.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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