Ein natürlicher Lebensraum der Buddha-Statuen ist das Hochgebirge, hier das in den Außenbezirken von Kathmandu.
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Buddhismus

Die Skepsis wurde am Himalaya geboren

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Das systematische Infragestellen von Vorurteilen gibt es nicht erst seit der Aufklärung. Christopher I. Beckwith sieht die Ursprünge im Buddhismus.

Der 1945 geborene Christopher I. Beckwith ist Professor für Central Eurasian Studies an der Indiana University in Bloomington, Indiana (USA). Er ist Autor zahlreicher Artikel in Fachzeitschriften zur Entwicklung der Sprachen, die zwischen Kaukasus und Japan gesprochen und geschrieben wurden. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen „Warriors of the Cloisters: The Central Asian Origins of Science in the Medieval World“ (Princeton 2012), „Empires of the Silk Road: A history of Central Eurasia from the Bronze Age to the Present“ (Princeton 2009) und das für ein genaueres Verständnis der chinesisch-tibetischen Auseinandersetzungen unumgängliche „The Tibetan Empire in Central Asia: A history of the struggle for great power among Tibetans, Turks, Arabs, and Chinese during the Early Middle Ages“ (Princeton 1987). Keines der Bücher ist in deutscher Übersetzung zugänglich.

Gerade ist – wieder bei Princeton University Press – sein neuestes Buch erschienen: „Greek Buddha: Pyrrho’s Encounter with Early Buddhism in Central Asia“. Beckwith versucht darin mit philologischer Akribie nachzuweisen oder doch plausibel zu machen, dass der Begründer der griechischen Skepsis, Pyrrhon von Elis (360–270 v. u. Z.), die zentralen Formulierungen seiner Philosophie aus Indien, das er im Tross Alexander des Großen bereiste, mitgebracht hatte.

Die Überlieferung sowohl der griechischen wie auch der buddhistischen Tradition ist schwierig. Es gibt keine Texte, weder von Pyrrhon noch von Buddha. Cicero erwähnt Pyrrhon in seinen Gesprächen in Tuskulum, geht dort ein auf seine Lehren. Diogenes Laertius berichtet von gymnastischen Übungen, die Pyrrhon praktiziert habe: eine Art Yoga. Die wichtigste Quelle aber zu Pyrrhons Philosophie ist ein Passus in der „Vorbereitung auf das Evangelium“ von Eusebius von Caesarea (260–340 n. u. Z.).

Die ältesten datierbaren indischen Überlieferungen von Buddhas Lehren sind im sogenannten Pali-Kanon erhalten. Es handelt sich um meist auf Palmblätter geschriebene Texte, die erst im 6. oder 7. Jahrhundert aufgeschrieben sein sollen. Die meisten Forscher gehen allerdings davon aus, dass große Teile oder doch längere Passagen daraus auf viel, viel ältere mündliche Überlieferungen zurückgehen.

Nicht die Mehrheitsmeinung der Zunft

Christopher Beckwith nimmt den Leser mit in die ja nicht nur philologischen Abgründe dieser Traditionen. Er stellt Pyrrhon zugeschriebene Sätze neben buddhistische und taoistische. Beckwith beginnt mit dem möglicherweise ältesten Beleg, einer Pyrrhon zugeschriebenen Passage: „Was die Pragmata (Dinge, Taten, Themen, Fragen) angeht, so sind sie alle adiaphora (nicht mittels eines logischen Kriteriums von einander zu unterscheiden) und sie sind asthatmeta (ohne festen Standpunkt) und anepikrita (nicht zu unterscheiden, nicht entscheidbar). Darum sagen uns weder unsere Sinneseindrücke noch unsere Ansichten, Theorien, Überzeugungen (doxai), was wahr oder was falsch ist; darum sollten wir uns nicht auf sie verlassen. Wir sollten adoxastous, frei von Überzeugungen sein, und aklineis, weder der einen noch der anderen Seite zugeneigt sein, und auch akradantous ‚standhaft‘ sein in unserer Weigerung, uns zu entscheiden. Von jedem Einzelnen sollten wir sagen, dass es nicht mehr ist, als es nicht ist, oder aber, dass es ist und nicht ist, oder aber, dass es weder ist noch nicht ist.“

Der Leser, der ein wenig ins Schwindeln gekommen ist, nehme sich die Zeit und lese die Sätze noch einmal. Und dann noch einmal. Klar werden sie ihm immer noch nicht sein. Über ihre Bedeutung ist viel gestritten worden in den vergangenen eintausend Jahren. Was meint Pyrrhon mit Pragmata? Christopher I. Beckwith schlägt vor, darunter die Frage nach der Bewertung unserer Handlungen zu verstehen. Also nicht Dinge, sondern allem voran unser Verständnis von Gut und Böse. Beckwith steht mit dieser Interpretation der Pyrrhonschen Theorie zwar nicht allein da, befindet sich aber in einer Minderheitenposition.

Sie ermöglicht ihm, den griechischen Begriff als eine Übersetzung des aus der buddhistischen Tradition vertrauten Begriffs der dharmas zu lesen. Von ihnen heißt es in der Lehre des Buddha sie seien anitya (wechselhaft), duhkha (instabil) und anatman (ohne eine ihnen innewohnende Selbstidentität). Das sind wie bei Pyrrhon drei negative Eigenschaften und es sind die gleichen wie bei ihm: anatman zum Beispiel ist, so Beckwith, exakt das, was Pyrrhon mit adiaphora bezeichnet. Die von Pyrrhon begründete antike Skepsis, die uns lehrt, moralischen Entscheidungen keine absolute Wahrheit zuzusprechen, ist bis in einzelne Formulierungen identisch mit den Lehren des frühen Buddhismus.

Ebenso wie seine Pyrrhon-Interpretation stützt Beckwith auch seine Darlegung der frühbuddhistischen Lehren nicht auf die Mehrheitsmeinung der Zunft. Christopher I. Beckwith geht auf den 270 Seiten seines Buches auf komplizierteste philosophische, philologische, auch sprachgeschichtliche Fragen ein. In zahllosen Anmerkungen setzt er sich mit Interpretationen der von ihm kritisierten Ansichten detailliert auseinander. Der Wert des Buches und der Arbeit seines Verfassers liegt natürlich genau in diesen Details. Die sind für den Laien oft nicht nachzuvollziehen.

Die sprachhistorische Ableitung etwa, die auf zwei Seiten aus Lao-Tse, dem von Brecht verehrten chinesischen Weisen, nach ein paar Lautverschiebungen im Altchinesischen Gautama, also Buddha, macht, wirkt auf den Leser, der zum Beispiel noch nie gehört hat, dass Lao-Tse auch Lao Tan genannt wurde, eher komisch. Aber am Ende blickt er durch seine Missverständnisse, durch all sein Unverständnis hindurch auf ein riesiges Panorama, das Bild einer Europa und Asien verbindenden Tradition großer kritischer Philosophie von Sarnath aus westwärts bis Elis und ostwärts bis Kaifeng. 9000 Kilometer Luftlinie.

Sie ist hervorgegangen aus der Auseinandersetzung mit Zoroaster. Der iranische Prophet hatte wohl um 600 v. u .Z. einen Monotheismus kreiert, bei dem der Himmelsgott Ahura Mazda die Welt geschaffen und den Menschen das Gesetz gebracht hatte, von dessen Befolgung Glück und Elend des Menschen in dieser Welt und im Jenseits abhingen. Der frühe Buddhismus, so Beckwith, schaffte nicht nur den Himmelsgott ab, er erklärte auch, in moralischen Fragen gebe es keine unverrückbaren Gesetze, sondern nur das sorgfältige Abwägen von Für und Wider in jedem Einzelfall. Es gibt keine Richtschnur, keine Prinzipien, die einem diese Arbeit abnehmen könnten.

Beckwith betont immer wieder diesen Punkt: Der frühe Buddhismus sagt nicht, dass es nicht gut und nicht böse gibt. Er vertritt vielmehr die Ansicht, dass wir keine absoluten Maßstäbe haben, keine in jeder Situation anwendbaren Kriterien, um zu erkennen, was jeweils gut und was jeweils böse ist. Es gibt keinen Text, den wir nur lesen und anwenden müssten, um in der jeweiligen Lage uns für das Richtige entscheiden zu können. Nichts ist per se gut oder böse. Ob das eine oder das andere es ist, hängt von der jeweiligen Konstellation ab, von der Rolle, die es in einem Gesamtbild von Sachverhalten und Absichten spielt.

Es gibt keinen Gott, der dem Menschen die Arbeit des Abwägens, der Reflexion abnimmt. Ganz unabhängig von der Frage, ob es einen Gott gibt. Sie wird in den Texten des frühen Buddhismus nicht gestellt. Einer der großen Dialoge der europäischen Philosophiegeschichte fand statt zwischen Napoleon und dem Physiker Laplace. „Herr Laplace, warum kommt in ihrer Darstellung der Himmelsmechanik Gott nicht vor?“ „Diese Hypothese brauchte ich nicht.“ Ein vergleichbarer Wortwechsel findet sich in keinem der Zwiegespräche der buddhistischen Tradition.

Auch eine Umformulierung von Napoleons Frage, „Warum verzichten Sie bei der Erörterung moralischer Fragen darauf, Gott zu erwähnen?“, kommt jedenfalls in den von Beckwith herangezogenen von ihm für frühbuddhistisch gehaltenen Texten nicht vor. Gott hat in ihnen keinen Auftritt. Man wird davon ausgehen müssen, dass das eine bewusst eingenommene Position ist. Es hat, so erklärt Beckwith, mit seiner Entstehung zu tun. In einer von unterschiedlichsten mit einander streitenden Religionen erschütterten Umgebung bezieht der frühe Buddhismus Stellung, in dem er keine bezieht. Beckwith schildert die Auseinandersetzungen um die Gründung des persischen und des skythischen Reiches.

Nie die einzige Welt

Kyros der Große eroberte Assyrien – wir erinnern uns wie hymnisch im Alten Testament über ihn gesprochen wird, weil er den Juden die Heimkehr nach Jerusalem ermöglichte –, fast den ganzen Nahen Osten und drang bis zum Indus vor. Seine Truppen drangen tief nach Zentralasien ein. 530 soll Kyros im Kampf gegen ein skythisches Volk gefallen sein. Über Kyros’ persönliche Glaubensvorstellungen ist so gut wie nichts bekannt. Er scheint die der von ihm unterworfenen Völkerschaften nicht angetastet zu haben.Beckwith weist darauf hin, dass die von Karl Jaspers beobachtete Achsenzeit in jene Epoche fällt, in der das Perserreich und die die Steppen beherrschenden Skythen einen großen Raum schufen, in dem Waren und Ideen über ganz Eurasien zirkulierten. In seiner Mitte entstand der Buddhismus. Dessen früheste Zeugnisse, so Beckwith, liegen uns vor nicht etwa in lokalen Überlieferungen der legendären Geburts- und Predigtgegend an der nepalisch-indischen Grenze des Siddhartha Gautama, sondern in griechischen und chinesischen Texten.

Das sind nicht etwa Geschichten über Buddha, Buddha wird nicht einmal genannt. Es sind Überlegungen, die denen Buddhas entsprechen. Was bei Pyrrhon mit Adiaphora und in den buddhistischen Texten mit Anatman gemeint ist, das sieht man wieder, wenn man zum Beispiel im zweiten Kapitel des Chuangtzu in der Übersetzung Richard Wilhelms liest: „Die Begrenzungen sind nicht ursprünglich im Sinn des Daseins begründet. Die festgelegten Bedeutungen sind nicht ursprünglich den Worten eigentümlich. Die Unterscheidungen entstammen erst der subjektiven Betrachtungsweise.“

Die Alte Welt war nie eine einzige, aber sie war über Jahrhunderte ein Raum, in dem ein reger Austausch stattfand. Der war niemals herrschaftsfrei, aber immer wieder zirkulierten dort Gegenstände und Fertigkeiten, Künste und Argumente. Und mit ihnen Handwerker, Künstler und Philosophen. Und immer mit dabei die Kritiker, die skeptischen Bezweifler unserer Ansichten und des Status quo.

Christopher I. Beckwith: Greek Buddha: Pyrrho’s Encounter with Early Buddhism in Central Asia. Princeton University Press 2015. 304 Seiten, 29,90 US-Dollar.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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