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Anke Sevenich als verarmte Erna in Martin Mosebachs „Das Leben ist eine Kunst“.

Projekt

Drei in Bedrängnis

  • vonAndrea Pollmeier
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Texte von Martin Mosebach, Lars Brandt und Zsuzsa Bánk zum Abschluss der Reihe „Stimmen einer Stadt“.

Wer in Frankfurt lebt, ist offenbar mit steigenden Mieten, einer destruktiven Bau-Lobby und einer alles übertönenden Macherideologie konfrontiert. Diese vertrauten Zuschreibungen haben jetzt Martin Mosebach, Lars Brandt und Zsuzsa Bánk im Rahmen des von Schauspiel und Literaturhaus initiierten Projekts „Stimmen einer Stadt“ erneut befestigt. Sie waren – wie zuvor bereits sechs andere Autorinnen und Autoren – aufgefordert, eine Person der Stadt in einem monodramatischen Text zu porträtieren. Die Ergebnisse zeigen auf je unterschiedliche Weise, wie sehr der Einzelne durch frappierend ähnliche Faktoren in Bedrängnis gerät. Für die Uraufführung in den Kammerspielen gestaltete Philip Bußmann die Bühne und die Videoeinspielungen, Mareike Wehrmann war für die Kostüme verantwortlich.

Büchner-Preisträger Mosebach hat in seinen Romanen vielfach das gesellschaftliche Leben in und um Frankfurt beschrieben, in „Das Leben ist eine Kunst“ nutzte er jetzt erstmals die Perspektive einer einzelnen Figur, um das sozial prekäre Dasein im Bahnhofsmilieu zu fokussieren. Äußerst reduziert hat Anselm Weber das Stück inszeniert und den Bewegungsraum ganz auf das Bett, den letzten gebliebenen Schutzraum, reduziert. Hier residiert die verarmte Erna Klobig als – mit aufgespanntem Regenschirm – weibliches Pendant zu Carl Spitzwegs Bild vom armen Poeten. Ausschließlich von diesen 1,20 x 2 Metern aus spricht die von Anke Sevenich anregend facettenreich gestaltete Erna ihr fiktives Gegenüber an, das Publikum bleibt stets im Blick.

Mit nur wenigen Mitteln wird die Grammatik der Prosa, die Ernas Redestrom strukturiert, in Theatersprache übertragen. Der Schirm, der gegen Wassertropfen schützen soll, ist mal auf mal zu gespannt, und je nach Stimmungslage wird ein transportables Radio eingeschaltet. Die Lieder geben der Sehnsucht nach der eigenen Freiheit Ausdruck. Die Messing-Gitter an Kopf- und Fußenden des Bettes wirken gelegentlich wie eine Fensterbrüstung, von der aus programmatische Erklärungen oder – im durchscheinenden Gewand mit Pfauendekor – verlockende Angebote erfolgen.

Die Strategien für das Überleben in einer von gesellschaftlichem Status und ökonomischen Zwängen geprägten Welt sind vielfältig. Gesteuert werden sie von Politikern, die je nach politischer Couleur eine Klientel begünstigen. Diese Personengruppe rückt Lars Brandt in seinem Kommunalpolitiker-Porträt in den Blick. Auch „Die Gräten“ wurde unter Webers Regie uraufgeführt. Bijan Zamani spielt die Figur, die Brandt zufolge nicht auf einer Einzelbegegnung basiert, sondern den – bedrückenden – Zusammenschnitt vielfältiger Erfahrungen im politischen Milieu spiegelt.

Der Sozialpolitiker wirkt unsicher, spricht oft gegen die an der Wand aufgestapelten Umzugskartons oder Richtung Boden. Selten richtet er sich selbstbewusst auf, meist dann, wenn er im Brustton der Überzeugung seine visionären Ziele erläutert oder am Telefon Anweisungen erteilt, die jedoch ergebnislos bleiben. So fragt er nach einem Sozialbericht, der nicht zu finden ist, und den er für einen bevorstehenden Termin benötigt. Enttäuschend blass bleibt diese Person, alle Negativbilder vom hoffnungsvollen und doch aussichtslosen Idealisten scheinen hier zusammengetragen zu sein.

Diesen Eindruck verstärkt die Inszenierung. Rastlos schreitet Zamani auf und ab, Dramatik soll durch real eingespielten Theaterdonner aufgebaut werden. Man ahnt, am Willy-Brandt-Platz wäre aus der Textvorlage des Brandt-Sohnes erheblich mehr herauszuholen. Das Thema scheint zu nah an die eigene Realität herangerückt zu sein. Das Stück endet mit einer Projektion des Kammerspiel-Schriftzugs auf einen durchscheinenden Vorhang und schließt so den Bogen zur aktuell geführten Debatte um die Neugestaltung der Theateranlage.

Den Abschluss der Projektreihe und des Abends bildet das erste Theaterstück der in Frankfurt lebenden Autorin Zsuzsa Bánk. In „Alles ist groß“ entwickelt sie das Porträt eines Grabmachers. Ihre rhythmisch-poetische Sprache realisiert Nils Kreutinger in der Regie von Kornelius Eich überzeugend präzise. Die Bühne ist karg ausgestattet, das Licht zunächst warm, der Grabmacher trägt zum schwarzen Jackett keck eine leuchtend-orangene Weste.

Erst später wird sich diese Umgebung, in der alltagsphilosophische Gedanken über Leben und Tod Raum finden können, wandeln. Wenn die Ideologie der Macher den Ton angibt, wird nicht nur das Licht greller und die Farbe der Kleidung tiefschwarz. Auch die Gedanken an den Tod werden weggedrängt und das Leben des Menschen, der die Toten begräbt, an den gesellschaftlichen Rand verschoben.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: am 26. September noch einmal alle drei Stücke, ansonsten Einzel- und Zweierabende, derzeit alles ausverkauft. www.schauspielfrankfurt.de

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