„Szenen einer Ehe“ in Wiesbaden: Zerknirscht, aber unbelehrbar
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„Szenen einer Ehe“: Unter Puppenköpfen - Weiser und Gerber.

Staatstheater

Zerknirscht, aber unbelehrbar

  • vonStefan Michalzik
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Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ am Staatstheater Wiesbaden.

Ingmar Bergmans Theaterstück „Szenen einer Ehe“, nach dem Drehbuch des gleichnamigen Spielfilm von 1973 von dem schwedischen Regisseur selbst bearbeitet und 1981 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt, kann man einesteils für angestaubt halten. Das Motiv der bürgerlichen Ehe und das Wesen der Liebe zwischen Brüchigkeit und Selbstbetrug scheint inzwischen bis zum Überdruss durchdiskutiert – und doch zeigt es seine Zählebigkeit für den Menschen in unserer Zeit. Kaum jemand, der in den zermürbenden Dialogen nicht Situationen der eigenen Beziehungen wiedererkennen dürfte.

Sybille Weiser und Tom Gerber in den Rollen der langjährigen und dem äußeren Anschein nach abgeklärten Eheleute Marianne und Johan sind die wichtigste Trumpfkarte der Inszenierung von Ingo Kerkhof am Staatstheater Wiesbaden. Wie „nah am Leben“ und zugleich stilisiert sie diese beiden arrivierten Mittelständler spielen, er Universitätsdozent, sie beziehungsreich Scheidungsanwältin, das ist souverän akzentuierte Schauspielkunst und für sich betrachtet einnehmend.

Protokoll des Fortgangs

Der neutral weiße, wie aufgeklappt wirkende Raum des Ausstatters Dirk Becker enthebt das sparsame Mobiliar eines unbotmäßigen szenischen Naturalismus. Nur Tisch und Stuhl, dazu eine Reihe von Requisiten; Bettzeug am Boden markiert das eheliche Schlafzimmer. Immer wieder steigen die beiden Schauspieler kurz aus den Rollen aus und referieren protokollartig den Fortgang.

Die Ehe ist an sich gescheitert. Johan mit einer – na klar! – beträchtlich jüngeren Frau ausgeschert. Zerknirscht selber über das Leid, das er Marianne antut, dann wieder ohne Erbarmen. Marianne schliddert zwischen Verzweiflung, Selbstbehauptung und Neuorientierung.

Gänzlich lassen voneinander können sie aber nicht; noch über einem Treffen zur Durchsicht des Scheidungskontrakts schwebt die Möglichkeit der Verführung, tatsächlich aber kommt es zu einem Ausbruch von Gewalt. Am Ende die beiden versöhnlich umarmt als greise Schwellköppe, da wird die Kitschgrenze überschritten.

Wie das alles in Wiesbaden binnen zweidreiviertel Stunden mit Pause durchdekliniert wird, das ist konventionell und in diesem Fall insgesamt eher gelungen, wenn auch das Handwerk sehr deutlich offenliegt.

„Wie könnt ihr es wagen!“

Mehrfach taucht Tom Gerber mit der Puppe eines kleinen Jungen auf. Dieser führt Auszüge aus der „Wie könnt ihr es wagen!“-Rede Greta Thunbergs wie auch des Pippi-Langstrumpf-Liedes im Mund. Zwar macht die Erosion der Ehe den Mann zu einem abwesenden Vater und es kommt zu einer Entfremdung zwischen ihm und den Kindern.

Die Elterngeneration hält an ihren ökologisch zweifelhaften Lebensgewohnheiten fest und wählt Parteien, die gewährleisten, dass nicht daran gerüttelt wird. Der Inszenierung gelingt es allerdings nicht, eine tiefergreifende Verbindung zwischen der einen und der anderen Sache kenntlich zu machen, weshalb diese „Aktualisierung“ aufgepfropft wirkt.

Staatstheater Wiesbaden, Kleines Haus: 18., 20., 27. September, 2. 7., 9., 11., 16. Oktober. www.staatstheater-wiesbaden.de

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