Der Fotograf Will McBride, hier im Oktober 2014 in der neuen Räumen der Galerie C/O Berlin, ist im Alter von 84 Jahren gestorben.
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Der Fotograf Will McBride, hier im Oktober 2014 in der neuen Räumen der Galerie C/O Berlin, ist im Alter von 84 Jahren gestorben.

Will McBride ist tot

Will McBride: Ein Amerikaner in Berlin

  • vonIngeborg Ruthe
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Dauerverliebt in diese Stadt: Zum Tode des charismatischen Fotografen und Wahl-Berliners Will McBride.

Im herben Schwarz-Weiß seiner kontrastscharfen, dazwischen poetisch graugekörnten, immer erzählerischen Bilder scheinen alle Farben dieser Welt zu stecken. Was besagt: Der Fotograf Will McBride war auch ein Maler. Er hatte daheim, in Missouri, noch bei Norman Rockwell, dem „amerikanischen Spitzweg“, Unterricht genommen. Idyllisch indes geriet keines seiner Bilder, nicht die Fotos und auch nicht die späten Gemälde ab den Siebzigern, nachdem er die Kamera beiseite gelegt hatte und im italienischen Sonnenlicht eher im Stile Edward Hoppers malte. Als Spätwerk.

McBride, in St. Louis/Missouri geboren, kam 1955 als Student nach West-Berlin. Fasziniert von den Brüchen, den Freiräumen und dem experimentellen Geist der zerstörten und zerteilten Stadt, wollte er bleiben: Also schrieb er sich an der Freien Universität ein.

Er war fasziniert von der Lebendigkeit Berlins, das ihm bis zum Mauerbau ungeachtet aller Konflikte den Aufbruch in eine neue Zeit zu verkörpern schien. Mit der Kamera erforschte er ihre Hälften und beobachtete die Mühen des Wiederaufbaus. Dabei gelangen ihm authentische, intime, dynamische Aufnahmen vom Aufbruch einer neuen Generation. Eine, die sich von Schuld und alten Zwängen zu befreien suchte, einen neuen, freieren Lebensstil erzwang.

Für das Magazin „Life“ hielt er vor allem die Jugendkulturen fest: Musikclubs, spielende Kinder zwischen Panzern, das Strandbad Wannsee im Sommer. Seine Motive fand er im Ost- und im Westteil der Stadt. Es sind empathische, subjektive Dokumente, mitunter schien der Übermut der Situation geradezu von ihm selbst ausgelöst worden zu sein.

McBrides Bilder bekamen durch das Magazin „Twen“ und das alle prüden Mitbürger provozierende Aufklärungsbuch „Zeig Mal!“ enorme Aufmerksamkeit. Es war ein Skandal und es wurde zum Kultbuch: Darin nämlich zeigte er seine nackte hochschwangere Braut. Nichts an seiner Bildsprache aber, nehmen wir allein die Menschen, auf die er geradezu obsessiv neugierig gewesen ist, war jemals zudringlich.

Er hat sich auch nie eingebildet, objektiv zu sein. Sein Kamera-Blick war ausschließlich subjektiv, dann, wenn er die Ruinen der zerbombten Stadt, aber auch den Wiederaufbau fotografierte, die erwachende Lebenslust, die Liebenden, Tanzenden, Feiernden in den Clubs, die konsum- und ungestüm lebenshungrige Nachkriegsgeneration von West-Berlin und gelegentlich auch die im grauen Osten der Stadt. Er fühlte sich als einer von diesen Jungen, „befreit von den Korsetten der verordneten Sitten, der freudlosen Arbeit und der ungefragten Autorität“, sagte er unverblümt in „Twen“.

Nun ist Will McBride, einer der charismatischsten Fotografen der Welt, am 29. Januar in seiner Wahlheimat Berlin gestorben. Seine Familie war bei ihm. Enge Freunde konnten noch Abschied nehmen. Es ging ihm schon schlecht an seinem 84. Geburtstag. Das war am 10. Januar, an richtiges Feiern, so wie er es früher gern krachen ließ, war nicht mehr zu denken. Letzten Herbst stand er – von der unheilbaren Krankheit gezeichnet und doch auch beglückt – noch in der neuen Berliner C/O-Fotogalerie im Amerika Haus vor all den Bildern, die längst Ikonen-Status haben: die Porträts von Weltstars des Films, der Kunst und Literatur, auch Straßenszenen, aus den USA oder dem Berlin der Nachkriegsjahre.

McBride betrieb hemmungslosen Schönheitskult: Swinging Berlin, die jungen Männer mit Haartollen, Jeans, Kreppsohlen, die Mädchen mit wippenden Pferdeschwänzen oder kurzgeraspelten Haaren, mit Ballerinas, Petticoats, Miniröcken.

Und da sah man auch die Aufnahmen am Brandenburger Tor, Westseite, mit Kennedy, Brandt, Adenauer – McBrides Lieblingsfeind, der „Sittlichkeitsprediger vom Rhein“ – in der Staatskarosse. Schon 2000, im Millenniums- und Gründungsjahr der C/O Fotogalerie, stand Will McBride dicht an der Seite der Initiatoren um Stephan Erfurth. Ihn begeisterte der Versuch, etwas noch nie Dagewesenes zu wagen: einen vom Staat und von institutionellen Strukturen unabhängigen Ausstellungsort für Fotokunst. Er steuerte zum Start seine Einzelschau bei. Und wiederholte dieses Bekenntnis vor gut drei Monaten im Amerika Haus. Die Fotos belegten sein „dauerhaftes Verliebtsein in Berlin“.

Viele der Motive füllen auch das Fotobuch „Berlin im Aufbruch“ aus dem Lehmstedt Verlag. Es ist sozusagen sein Vermächtnis, die Quintessenz seiner Fotokunst. Es ist eine Liebeserklärung an Berlin, für ihn „die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten“.

Will McBride: Berlin im Aufbruch. Fotografien 1956-1963. Lehmstedt Verlag. Leipzig 2013, 168 S., 120 Abbildungen, 29,90 Euro.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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