Christa Wolf und Lew Kopelew.
+
Christa Wolf und Lew Kopelew.

Christa Wolf

"Wir stritten uns übrigens etwas"

  • vonMartin Oehlen
    schließen

Lob, Spannung, Vorsicht: Der vielseitige Briefwechsel zwischen der Schriftstellerin Christa Wolf und dem Russen Lew Kopelew.

Der Beginn war nicht frei von Spannungen: „Wir stritten uns übrigens mit K. etwas über die Mauer“, schreibt Christa Wolf nach dem Abend im Juli 1965, als sie Lew Kopelew im Haus von Anna Seghers in Ostberlin kennengelernt hatte. Der Schriftsteller-Kollege aus Moskau stellte nämlich fest, „auf die Dauer gesehen sei die Spaltung eines Volkes ein tragischer Unsinn und sei keine Perspektive“. Das war nicht das, was die junge Christa Wolf hören mochte. Gleichwohl beendet sie ihre Erinnerung an diese erste Begegnung mit den Worten: „Wir fuhren um Mitternacht nach Hause, an der Grenze entlang, die von auf- und abschwenkenden Scheinwerferbündeln hell erleuchtet war, und dachten und sagten, dass es eine recht merkwürdige Welt ist, in der wir leben. Und dass wir sehr weit davon entfernt sind, etwas Echtes darüber zu Papier zu bringen.“

Das ist der Auftakt zu dem Briefwechsel zwischen Wolf und Kopelew, zwischen der Starschriftstellerin der DDR und dem Germanisten aus Moskau, der nach seiner Ausbürgerung im Jahre 1981 die deutsche Staatsbürgerschaft annahm und in Köln lebte. Christa Wolf hat Kopelew einige Male in Köln getroffen, und auf dem Kölner Westfriedhof hielt sie 1997 die Totenrede auf den Freund. „Er hatte einen absoluten Sinn für Anstand und Menschlichkeit“, sagte sie damals.

Die politisch-ideologischen Ansichten der beiden Autoren blieben auch über die Jahre hinweg durchaus verschieden. Kopelew sah sich früh „als das schwärzeste Schaf“ der Sowjetunion. Er durfte nicht publizieren, nicht öffentlich auftreten. Wolf hingegen war gewiss nicht immer eines Geistes mit der Staatsführung, doch hielt sie der DDR die Treue.

Als der Staat am Ende war, sprach Kopelew von der „glorreichen deutschen Revolution“. Wolf hingegen wirkte in einem Brief vom 26. Juni 1990 verbittert. Statt eines „dritten Wegs“, den sie befürwortet hatte, habe „der Irrationalismus nun voll die DDR erreicht“. Der Staat werde vom Westen, also von der Bundesrepublik kolonisiert. Dem alten Regime weine sie keine Träne nach. Doch sei es ihr Irrtum gewesen, mit genügend Reformkräften im Lande zu rechnen. Auch dies noch: „Der Hass der Deutschen aus den beiden Teilen Deutschlands gegeneinander wird noch erst ausbrechen.“ Ihr Fazit: „Mir geht es bei all dem nicht gut.“

Kopelew formulierte wenige Monate später, in einem Weihnachtsbrief an Freunde und Verwandte, dass Christa Wolf bei einem Treffen einen „angeschlagenen Eindruck“ gemacht habe. Sie sei getroffen von der „Verratskampagne“, in deren Verlauf einige Schriftsteller, die aus der DDR ausgewiesen worden waren, sowie Kollegen aus dem Westen begonnen hätten, die einst – er setzt das Adjektiv in Anführungszeichen – „privilegierten“ Schriftsteller der DDR zu verunglimpfen.

Weshalb die Verbindung zwischen Wolf und Kopelew nie abgebrochen ist, bis auf eine unerklärliche Pause zwischen 1978 und 1984, schildert Tanja Walenski in ihrem vorzüglichen, behutsamen und inspirierten Nachwort. Sie verweist auf die Erfahrung von Vertreibung und Entwurzelung, die beide teilten. Zudem war da das gemeinsame Lebensthema „Buch und deutsche Sprache“ sowie die „Sehnsucht nach Menschlichkeit“. In diesem Briefwechsel, auch das schreibt Walenski, bleiben bis zum Fall der Mauer politische Kommentare weitgehend ausgespart. Das freie Wort wurde auf dem Postweg gemieden. So ist es ein bezeichnendes Phänomen für die real existierende Unfreiheit, dass dem einen oder anderen kritischen Wolf-Brief die Anmerkung beigefügt ist: „Nicht abgeschickt“.

Kopelew brachte die Briefpartnerin zumindest mit seinen Zeilen nie in politische Verlegenheit. Jedenfalls schrieb er ihr nicht mit der Klarheit, in der er sich Heinrich Böll anvertraute. In einem Brief vom 1. Dezember 1976 teilte er seinem Kölner Freund mit, die Ausbürgerung von Wolf Biermann sei „eine kapitale Idiotie der DDR-Bonzen. Was da für eine selbstbescheißend blöde Menschenart in unseren sogenannten sozialistischen Ländern entstanden ist.“

Nein, so etwas bekam Christa Wolf nicht zu lesen. Bestimmend ist hingegen Kopelews Bereitschaft, das Werk der Schriftstellerin, das er so sehr schätzte, zu preisen. Was sie gut gebrauchen konnte. Gerade das Lob von einem, der wusste, in welch rigiden Zusammenhängen diese Werke entstanden. Im Februar 1975 teilt Wolf dem Freund mit, das Manuskript für den Roman „Kindheitsmuster“ abgegeben zu haben: „Auch Du kommst kurz drin vor, als Ermutiger.“ Und noch im Jahre 1995, nachdem Kopelew sie für den „Zauber“ ihrer Sprache gerühmt hat, antwortet sie: „Lieber Lew – ach, wie kannst Du loben!“

Quelle: Frankfurter Rundschau

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema