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Yvonne Adhiambo Owuor. Foto: Maurice Weiss/Ostkreuz

Kenia

Yvonne Adhiambo Owuor „Das Meer der Libellen“: Das Meer in ihr

  • Marie-Sophie Adeoso
    vonMarie-Sophie Adeoso
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Die kenianische Autorin Yvonne Adhiambo Owuor umspannt mit ihrem neuen Roman „Das Meer der Libellen“ den Indischen Ozean – von Ostafrika nach China und zurück.

Pate, die Heimat Ayaanas, ist klein und überschaubar, auch beengend – eine Insel im Lamu-Archipel vor der Küste Kenias. Jeder scheint hier das siebenjährige Mädchen zu kennen, das mit seiner alleinerziehenden Mutter Munira aus dem sozialen Gefüge der Inselgemeinschaft fällt, aber selbstbewusst seine Wege sucht. Das bereits vor Sonnenaufgang im Meer badet, sich treiben lässt, denn: „Unter Wasser brauchte sie die Dinge nicht zu benennen, um sie zu kontrollieren.“

Doch so klein Pate auch ist, unsichtbar auf den großen Karten und Globen der Welt, so im wahrsten Sinne weltumspannend ist die Geschichte Ayaanas, die Yvonne Adhiambo Owuor in ihrem zweiten Roman erzählt, „Das Meer der Libellen“. Während ihr äußerst lesenswerter Debütroman „Der Ort, an dem die Reise endet“ den Staub des Originaltitels „Dust“ im trockenen Norden Kenias aufwirbelte, gibt der indische Ozean mit seinen wechselnden Gezeiten Owuors neuem Buch Rhythmus, Motivik und Handlungsorte vor – die Insel Pate dient nur als Ausgangspunkt für eine globale Coming-of-Age-Geschichte, die ihre Protagonistin Ayaana bis nach China und in die Türkei und zurück führen wird, und umgekehrt die Welt in Form globaler Konflikte nach Pate bringt.

Ayaana zieht es von klein auf ans Meer, sie trägt, so heißt es, das Meer in sich – und ihre Meeresverbundenheit schlägt sich nicht nur in ihrer Beziehung zu dem alternden Seemann Muhidin nieder, den sie sich als Vaterfigur ausguckt, sondern prägt auch ihren weiteren Lebensweg, den der Roman über rund zwei Jahrzehnte begleitet. Adhiambo Owuor hat sich dabei, so eine im Buch vorangestellte Anmerkung der Autorin, von der wahren Geschichte einer jungen Kenianerin inspirieren lassen: 2005 reiste sie mit einem Studienstipendium nach China, nachdem DNA-Tests belegt hatten, dass sie die Nachfahrin eines Seefahrers aus der Ming-Dynastie war. Von den Details des Lebenslaufes dieser jungen Frau, Mwamaka Sharifu, entfernt sich Yvonne Adhiambo Owuor zwar ausdrücklich – gleichwohl wird auch Ayaana als „Nachfahrin“ des Admirals Zheng He, der im 15. Jahrhundert einen Schiffbruch überlebte und auf Pate strandete, nach China reisen.

Die 1968 geborene Owuor, die im Interview berichtete, dass sie als Sechsjährige erstmals den Indischen Ozean sah und sich ihm seither stark verbunden fühlt, hat ihre Faszination für das Meer nahezu jeder Seite ihres Buches eingeschrieben. Das Meer gibt Ayaana und vielen weiteren Personen des Romans eine Identität und ein Zuhause, ohne dass es seiner zerstörerischen Naturgewalt beraubt würde. Ayaana fährt selbstredend per Schiff nach China, findet einen Seelenverwandten in einem sehr viel älteren chinesischen Kapitän, studiert Nautik.

Zugleich wird der Ozean im Zuge der Handlung auch Menschen vorübergehend oder dauerhaft verschlingen, unwillkommene Gäste und globale Probleme an die Küste Pates tragen. Das folgt in seiner Grundmetaphorik einer bezwingenden Logik, die die komplexen Verwicklungen unserer globalisierten Welt aufzeigt und beispielsweise auch daran erinnert, dass der gegenwärtigen Präsenz Chinas auf dem afrikanischen Kontinent historische Verbindungen vorausgegangen sind.

Das Buch:

Yvonne Adhiambo Owuor: Das Meer der Libellen. Roman. A. d. Engl. v. Simone Jakob. Dumont Buchverlag. Köln 2020. 608 S., 24 Euro.

Es ist etwa überaus spannend geschildert, wie Ayaana in China mit der Herausforderung umgeht, sich als „Nachfahrin“ in chinesische Geschichte, Sprache, Kultur einarbeiten und diese als eine Art Kulturbotschafterin repräsentieren zu müssen, und dabei zugleich alleine in der Fremde ihre eigene Identität nicht zu verlieren.

Jedoch überfrachtet Owuor ihre an Orten, Sprachen und Namen ohnehin reiche Romanhandlung dadurch auch mit einer weltpolitischen Gemengelage, die immer wieder von der Entwicklung Ayaanas ablenken. Da tobt ein Tsunami, da lauern Piraten am Horn von Afrika, da fallen die Schatten islamistischen Terrors und des US-amerikanischen „Kriegs gegen den Terror“ auf Pate, da irren Söldner und Folteropfer durch die Handlung und gerät Ayaana auf einem Abstecher aus Xiamen nach Istanbul plötzlich auch noch in dubiose Kreise einer türkischen Upperclass, die skrupellos Profit schlägt aus Syrienkrieg und Flüchtlingselend.

Eine konsequente Identifizierung mit der Hauptfigur erschweren diese Volten beim Lesen ungemein – auch weil die Erzählstimme mal ganz nah bei dem Mädchen verweilt und dann wieder kapitelweise an andere Orte der Welt, zu anderen, neuen Namen in teils anderen Zeiten entschwindet. Und auch, weil Owuors Sprache, die in ihrem Debütroman einen oft atemberaubenden Sog und poetische Wucht zu entfalten vermochte, in ihrem neuen Buch zuweilen zu Pathos und überbordend-sinnlicher Metaphorik neigt – etwa im andauernden Beschreiben unzähliger Gerüche.

Der erfreulichen Fokussierung auf eine junge, afrikanische Weltentdeckerin zum Trotz bleibt der Roman außerdem an vielen Stellen doch sehr tradierten Rollenmustern verhaftet, die nicht immer einleuchten mögen. Man hätte, um es deutlich auf den Punkt zu bringen und – Achtung! – das Romanende vorwegzunehmen, der so eigensinnigen wie zielstrebigen Ayaana mehr gewünscht, als nach ihren realen wie metaphorischen Ozeanquerungen im letzten Kapitel in den Hafen der Ehe einzufahren.

Die Autorin ist am heutigen Samstag, 17.26 (!) Uhr, zu Gast beim „Internationalen Zuhause-Kulturfestival“ (Start um 9.30 Uhr) der Reihe „Bookfest digital“. Zu sehen auf buchmesse.de

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