Die Farbe des Blutes im Perlenvorhang „Untitled (Blood, 1992)“ nannte der 1996 an Aids gestorbene Künstler Felix Gonzales-Torres diese Installation. Thomas Lohnes
+
Die Farbe des Blutes im Perlenvorhang „Untitled (Blood, 1992)“ nannte der 1996 an Aids gestorbene Künstler Felix Gonzales-Torres diese Installation. Thomas Lohnes

Retrospektive

Wie die Zeit vergeht. Und das Leben

Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zeigt eine große Retrospektive mit Installationen aus Uhren, Perlenvorhängen oder Lampen des auf Kuba geborenen US-amerikanischen Künstlers Felix Gonzalez-Torres.

Von Natalie Soondrum

Es ist der zu Zuckerkugeln geronnene American Dream. Der Traum vom Glück für jeden Einzelnen, das große Versprechen der US-amerikanischen Demokratie, findet sich nun eingelöst als ein Berg von in Zellophan verpackten Bonbons in einer Ecke des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt. Die Farben der Papiere sind die der US-Nationalfahne „Stars and Stripes“: rot, blau und weiß, oder vielmehr silbern. Das Publikum ist aufgefordert, zuzugreifen und Bonbons zu lutschen. Und das Aufsichtspersonal ist weniger da, um das Kunstwerk vor dem Publikum zu bewahren, als es den Besuchern immer wieder erneut zur Verfügung zu stellen, es füllt von Zeit zu Zeit den Bonbonberg wieder auf.

Objekte wie „Untitled (USA today)“ von 1990 haben den 1957 in Kuba geborenen und seit 1979 in New York lebenden Künstler Felix Gonzalez-Torres bekannt gemacht. Neu an seinen Arbeiten war der Rückgriff auf die Strategien der Minimal Art und der Konzeptkunst der sechziger und siebziger Jahre, die Torres jedoch um die Dimension des Sinnlich-Emotionalen erweiterte. Bei seinen „Candy spillings“ (Bonbon-Schüttungen) gehört zur Rezeption des Objekts das Anfassen und Einverleiben seiner Bestandteile.

Doch Torres ging noch weiter. Das Objekt ist bei ihm nicht mehr statische Materie, sondern Teil eines Prozesses, der vorübergehend als Kunst sichtbar wird. Die Bonbons werden gegessen, das heißt natürlich auch, dass ihre Zahl ständig abnimmt und das Werk noch während der Ausstellung „restauriert“ werden muss. Doch das ist nur die eine Seite, denn der Ausstellung selbst geht der Aufbau, die Installation der Objekte voraus: Torres konzipierte sie so, dass Kuratoren sie leicht und flexibel unterschiedlichen Gegenden und Gegebenheiten anpassen können. So gab er Instruktionen, dass die Bonbons von lokalen Herstellern bezogen werden sollten.

Torres geht es um maximale gesellschaftliche Partizipation auf allen Ebenen. Er machte dazu wenige spezifische Angaben, die dafür unbedingt zu beachten sind. Im Fall von „Untitled (USA today)“ ist das die Farbe des Zellophans und die Angabe eines Idealgewichts: Zu Beginn der Ausstellung sind es 136 Kilogramm Bonbons. Doch wie sie ausgebracht sind, ist den Kuratoren überlassen. Die Möglichkeiten, die diese Flexibilität mit sich bringt, sind im MMK eindrucksvoll demonstriert, denn ein paar Säle nach dem Bonbonberg findet sich „Untitled (USA today)“ in einer zweiten Version, als glänzender, rechteckig ausgebrachter Teppich. Und vom 18. März an will der britisch-deutsche Künstler Tino Seghal, dessen Arbeit laut eigener Aussage stark von Torres geprägt ist, die Ausstellung täglich neu verwandeln.

„Specific Objects without Specific Form“ heißt denn auch die große Gonzalez-Torres-Retrospektive mit selten gezeigten frühen Arbeiten des Künstlers, die nach Stationen im Wiels Contemporary Art Centre in Brüssel und der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel heute im Frankfurter Museum für Moderne Kunst eröffnet wird. Der Titel geht zurück auf eine anerkennende Bemerkung von Konzeptkünstler Lawrence Weiner zu Torres’ Arbeiten.

Spatarnische Werke

Letztlich sind die Arbeiten Torres’, die in der Kunstwelt so einflussreich werden sollten, spartanisch gehalten und geben durch kleine Interventionen zwar einen deutlichen Kommentar ab, aber keinen, der ins Gesicht springt. Torres’ Äußerungen zur Demokratie, den Versprechen und Lügen des US-amerikanischen Alltagslebens sowie zur Zeitbedingtheit der Kunst und des menschlichen Seins sind eher dezent und entfalten ihre Wirkung wie der Nachgeschmack eines edlen japanischen Sencha-Tees, unaufdringlich und diskret.

Typisch für Torres sind die beiden Uhren, die nun im Foyer des Museums hängen. „Untitled (Perfect Lovers)“ sind zwei batteriebetriebene Uhren, die im Laufe einer Ausstellung immer asynchroner werden, so dass man sich nicht mehr sicher sein kann, wie spät es wirklich ist.

Dann gibt es auch die „Stacks“, große Papierstapel in „unlimitierter Auflage“, deren einzelne Blätter natürlich zur freien Entnahme sind. Sie sind bedruckt mit Namen, Botschaften, die Hinweis geben auf die Härten des Emanzipationskampfes der Schwulen, Demokratieversprechen oder einfach nur die Vergänglichkeit des Augenblicks. Die Lichterketten der Arbeit „Untitled (For Stockholm)“ sind eine zwölfteilige Installation aus je 12,8 Meter langem weißen Kabel mit schlichten Porzellanfassungen, in die 15-Watt-Glühbirnen geschraubt sind. Das Licht schimmert matt und erzeugt eine heimelige Wärme und eine Art festliches Leuchten. Im MMK reflektiert die Fensterfront im dritten Stock die Lichter, was zusätzlich eine Atmosphäre verträumter Geborgenheit herstellt: Industriell erzeugte Befriedigung archaischer menschlicher Bedürfnisse.

Mit einer der Lichterketteninstallationen tritt diese Retrospektive hinaus in den öffentlichen Raum: Für die Dauer der Ausstellung wird „Untitled (America)“ den Paulsplatz in Frankfurt mit kleinen Lichtpunkten überziehen. Darüber hinaus hat das MMK sechs Billboards, große Plakatwerbeflächen, in Frankfurt angemietet, auf denen die Schwarz-Weiß-Fotografie einer geöffneten Hand „Untitled (For Jeff)“ zu sehen ist – das Plakat findet sich auch im Museum: Eine Werbung, die auf nichts verweist als auf das Bild selbst mit seiner Geste großzügiger Menschlichkeit, die Torres seinem ersten wichtigen Liebhaber widmete.

Eine andere Arbeit, wiederum ein „Candy spilling“, widmete Torres seinem langjährigen Lebensgefährten Ross Laycock: Das Gewicht des Kegels aus transparent verpackten weißen Bonbons mit blauer Spirale von „Untitled (Lover Boys)“ von 1991 beträgt idealerweise 161 Kilogramm. Das ist so viel, wie Felix einmal gemeinsam mit Ross auf die Waage gebracht hatte – der Freund starb im Jahr 1991 an Aids.

Kehrseite des möglichen Glücks

Das ist die Kehrseite des humorvollen, optimistischen Ausblicks auf das mögliche Glück: So wie der Bonbonhaufen in weiß, rot, blau, für demokratische Partizipation steht, steht er bei Torres auch für den Zerfall. Das Emblem der US-amerikanischen Flagge ist in kleine Stückchen zerbröselt und lässt sich nicht mehr zusammenfügen. Torres selbst fiel 1996 der Krankheit zum Opfer. In seiner kurzen, nur eine Zeitspanne von zehn Jahren umfassenden Schaffensperiode war er bereits ein Sterbender.

In einem der Räume des MMK zieht sich ein Band aus Jahreszahlen und Begriffen unterhalb der Decke um die Wände. Torres verwendete es als Selbstporträt, das er 1989 erstmals zeigte und dann fortlaufend erweiterte, so steht „1991 An easy death“ da oben. Die Kuratoren haben „2008 Obama“ hinzugefügt.

Museum für Moderne Kunst, Frankfurt, Paulsplatz, Goethe-Universität – IG Farbenhaus: bis 25. April. Ein Katalog soll erst im Laufe des Jahres hergestellt werden.
www.mmk-frankfurt.de

Quelle: Frankfurter Rundschau

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema