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Hunderte Millionen reisen durchs Land: China droht gigantische Corona-Welle

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Von: Sven Hauberg

China hoppelt ins Jahr des Hasen – während im ganzen Land wohl Hunderttausende an Corona sterben. Staatschef Xi verbreitet dennoch Zuversicht.

München/Peking – Die Botschaft, die Xi Jinping am vergangenen Mittwoch an seine Landsleute schickte, war so simpel wie eindeutig: Keine Sorge, wir haben alles unter Kontrolle, versicherte Chinas Staats- und Parteichef seinem Volk. Das Staatsfernsehen zeigte Xi, wie er in der Großen Halle des Volkes in Peking stand und per Videoschalte zu alten Menschen in einem Pflegeheim sprach, mit Bahnangestellten redete und die „Volksmassen auf dem Lande“ grüßte, wie die Nachrichtensprecherin erklärte.

Hunderte Millionen reisen durchs Land: China droht gigantische Corona-Welle

„Wie ist die Lage bei euch?“, fragte Xi den Direktor eines Krankenhauses im nordchinesischen Harbin. Der hatte freilich nur Gutes zu berichten. „Die Zahl der Akut- und Schwerkranken nimmt ab, die Stationen und Betten sind ausreichend, und die Medikamente sind gut vorbereitet“, sagte der Mediziner.

Dann kann sie ja kommen, die größte Völkerwanderung des Jahres.

Am 22. Januar startet China ins Jahr des Hasen. Hunderte Millionen Menschen reisen dieser Tage quer durch die Volksrepublik, viele von ihnen von den Städten aufs Land, zu den Eltern und Großeltern. Im Gepäck: das Coronavirus, das seit Wochen mit Lichtgeschwindigkeit durch China rast und wohl schon einen großen Teil der Bevölkerung angesteckt hat, seitdem Peking Anfang Dezember nach fast drei Jahren und quasi über Nacht sämtliche Corona-Beschränkungen aufgehoben hatte. In der chinesischen Tradition steht der Hase für Frieden, Wohlstand und – welch bittere Ironie - für ein langes Leben.

Offiziell begann die Reisewelle zum chinesischen Neujahrsfest bereits am ersten Januar-Wochenende, die Behörden zählten 40 Prozent mehr Reisende als noch im Vorjahr. Bis Mitte Februar werden nach Schätzungen von Chinas Transportministerium 2,1 Milliarden Reisen gemacht werden. Mehr als eine halbe Million Menschen überqueren derzeit jeden Tag die chinesische Grenze, die meisten davon in Richtung Hongkong und Macau. Das sind zwar deutlich weniger als vor der Pandemie, als jeden Tag rund zwei Millionen Grenzübertritte gezählt wurden – aber doch doppelt so viele wie noch in den vergangenen Monaten.

Nach den Beschränkungen der letzten Jahre können viele Chinesen nun zum ersten Mal seit Langem wieder mit ihren Verwandten feiern. Eigentlich ein Grund zur Freude. Der wichtigste chinesische Feiertag, er dürfte aber auch zum Superspreader-Event werden und zu massenhaft Todesfällen führen.

Frau mit Hasen-Dekoration in China
Am 22. Januar beginnt in China das Jahr des Hasen. © afp

Vor wenigen Tagen hatte Chinas Nationale Gesundheitskommission erstmals neue Todeszahlen vorgelegt. Demnach starben zwischen 8. Dezember und 12. Januar knapp 60.000 Menschen an oder mit dem Coronavirus. Gezählt wurden allerdings nur Todesfälle, die innerhalb medizinischer Einrichtungen aufgetreten sind. Angesichts von mehr als 36.000 Krankenhäusern in China eine Zahl, die stark geschönt sein dürfte. Einem Reuters-Bericht zufolge wurden Ärzte in mehreren Krankenhäusern aufgefordert, Covid-19 als Todesursache zu verschweigen, berichtet Merkur.de.

Das in London ansässige Unternehmen Airfinity, das medizinische Datenanalysen anbietet, rechnet damit, dass die Zahl der täglichen Todesfälle Mitte kommender Woche auf 36.000 ansteigen könnte. Analysen hätten gezeigt, „dass sich das Virus schneller in ländlichen Gebieten ausgebreitet hat, was zum Teil auf die Menschen zurückzuführen ist, die zum chinesischen Neujahrsfest verreisen“, teilte Airfinity mit. „Unsere Prognose geht von einer erheblichen Belastung des chinesischen Gesundheitssystems in den nächsten zwei Wochen aus, und es ist wahrscheinlich, dass viele behandlungsfähige Patienten aufgrund überfüllter Krankenhäuser und mangelnder Versorgung sterben könnten“, sagte Airfinity-Chef Matt Linley.

Analysten rechnen mit 36.000 Corona-Toten in China – am Tag

Chinas Vizepremierminister Liu He erklärte am Dienstag beim Weltwirtschaftsforum in Davos, die Regierung sei davon überrascht worden, wie schnell sich das Virus verbreitet. „Das haben wir nicht erwartet“, so Liu. Er versicherte gleichzeitig, in China habe sich „das Leben wieder normalisiert“. Jetzt gehe es vor allem darum, sich um die ältere Bevölkerung zu kümmern und erkrankte Menschen zu behandeln, betonte Liu. „Wir haben genügend Vorräte“, sagte er in Bezug auf Medikamente.

Im Falle des Covid-Medikaments Paxlovid scheint das allerdings nicht zu stimmen. Paxlovid kann die Hospitalisierungsrate von Hochrisikopatienten um 90 Prozent senken, heißt es in Studien. In China wurde das Medikament bereits vor rund einem Jahr zugelassen, von den Behörden allerdings kaum bestellt, weil aufgrund der geringen Corona-Fälle kein Bedarf bestand. Das rächt sich jetzt: Berichten zufolge müssen Patienten in chinesischen Krankenhäusern teils mehrere hundert Euro berappen, um an das Medikament zu kommen. Zudem ist offenbar ein Schwarzmarkt entstanden, auf dem Paxlovid tausend Euro und mehr kostet.

Bislang weigert sich China außerdem, ausländische mRNA-Impfstoffe einzusetzen. Offenbar aus Nationalstolz werden nur Made-in-China-Vakzine verimpft, die Experten zufolge nicht ganz so wirksam sind wie die westliche Konkurrenz. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte Moderna-Chef Stephane Bancel am Mittwoch in Davos, er sei mit der chinesischen Regierung in Gesprächen über die Lieferung des Impfstoffs seines Unternehmens. Details nannte Bancel allerdings nicht. Bislang ist der Impfstoff von Biontech als einziges ausländisches Vakzin in China zugelassen – allerdings nur für deutsche Staatsbürger, die in dem Land leben.

Chinas Staats- und Parteichef Xi versucht dennoch, Zuversicht zu verbreiten. „Wir befinden und noch immer in einer schwierigen Lage“, sagte er am Mittwoch in seiner Ansprache zum chinesischen Neujahrsfest. „Aber das Licht ist in Sicht, und Beharrlichkeit bringt uns den Sieg!“ Xi betonte, seine Null-Covid-Politik habe dem Land „wertvolle Zeit“ gegeben, um sich auf die jetzige Corona-Welle vorzubereiten.

Chinas Staatschef Xi: „Licht ist in Sicht“

Vor allem ältere Chinesen über 80 sind allerdings derzeit nicht ausreichend geschützt, mehr als die Hälfte von ihnen hat die dritte Impfdosis, die bei den chinesischen Vakzinen den vollen Schutz bietet, noch nicht bekommen. Sie sind die leichtesten Opfer für das Virus. Das weiß auch Xi Jinping. „Ich mache mir vor allem Sorgen um die ländlichen Gebiete und um die Landwirte“, sagte er. „Die medizinischen Einrichtungen sind in den ländlichen Gebieten relativ schwach, sodass die Prävention schwierig und die Aufgabe mühsam ist“. Warum er allerdings Dutzende Milliarden Dollar ausgegeben hat, um seine Bevölkerung regelmäßig auf das Virus zu testen, gleichzeitig aber viel zu wenig Geld ins Gesundheitssystem gesteckt hat, das behält er lieber für sich.

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