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Deutsche Experten sicher: Chinas Null-Covid-Politik ist gescheitert

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Von: Sven Hauberg

Corona-Test im Shanghaier Bezirk Huangpu: Die Stadt befindet sich seit Anfang April im Lockdown.
Corona-Test im Shanghaier Bezirk Huangpu: Die Stadt befindet sich seit Anfang April im Lockdown. © Jin Liwang/Xinhua/Imago

Mit seiner Null-Covid-Politik gehe China den falschen Weg, glaubt der Virologe Hendrik Streeck. Shanghai verschärft unterdessen seine Maßnahmen.

München – Es klingt nach einer schier unmöglichen Aufgabe: Durch Lockdowns und Massentests will China in Millionenstädten wie Shanghai und Peking jede einzelne Person aufspüren und isolieren, die sich mit dem Coronavirus infiziert hat. Und obwohl sich die hochansteckende Omikron-Variante auch in China weiter ausbreitet, hält die Regierung an ihrer Null-Covid-Politik eisern fest.

Deutsche Experten wie Lothar Wieler halten diese Strategie für sinnlos: „Fakt ist: Nach meinem Verständnis ist dieses Virus nicht auszurotten“, sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts am Freitagabend bei einem Kongress der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Wieler betonte, er sehe keinen Grund für die sehr restriktiven Maßnahmen. „Es ist infektionsepidemiologisch alleine nicht verständlich, was da passiert.“ Auf dem Kongress erklärte auch die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek, dass sie nur wenig von der chinesischen Null-Covid-Strategie halte. Lockdowns machten nur Sinn, wenn man die dadurch gewonnene Zeit nutze, um für die Phase danach vorzusorgen. Das könne etwa durch Impfungen geschehen. Sie sehe aber nicht, dass das derzeit passiere, so Ciesek.

Chinas Corona-Strategie: Virologe Streeck glaubt, das nur Impfen hilft

Der Virologe Hendrik Streeck glaubt ebenfalls, dass China nur durch ein Vorantreiben der Impfkampagne aus den Dauer-Lockdowns herauskommen könne. „Die Null-Covid-Strategie kann China nicht durchhalten“, sagte Streeck in einem Interview mit dem Fachdienst China.Table. Vor dem Auftreten der Omikron-Variante habe diese Strategie zwar „gut funktioniert“, heute aber sei das anders: „Selbst, wenn es gelänge, die Reisen nach China komplett einzuschränken, können Katzen über die Grenze laufen, Mäuse oder Rehe. In all diesen Tieren können wir das Virus nachweisen, sodass es fast unmöglich ist, so ein Virus einzudämmen.“

Nur Impfen könne China nun helfen, und da sei das Land mit dem selbst entwickelten Sinovac-Vakzin gut aufgestellt: „Der Sinovac-Impfstoff ist zum Beispiel gar nicht so schlecht“, so Streeck. Zwar sei das Vakzin von Biontech besser, Sinovac biete aber nach einer dritten Impfung ebenfalls einen guten Schutz vor einem schweren Corona-Verlauf.

Corona in China: Fauci erklärt Strategie für „überhaupt nicht sinnvoll“

Ähnlich hatten sich in der vergangenen Woche bereits Frank Ulrich Montgomery, der Vorsitzende des Weltärztebundes, und der US-Virologe Anthony Fauci in der Talkshow von Sandra Maischberger geäußert. „Einen Lockdown zu verhängen und nichts anderes zu machen, ist überhaupt nicht sinnvoll. Man muss die Zeit des Lockdowns nutzen, um die Bevölkerung zu impfen und zu boostern“, sagte Fauci am Mittwoch. Allerdings seien die derzeit in China eingesetzten Totimpfstoffe nicht so gut wie die Vakzine, die in der EU und in den USA eingesetzt würden, und auch die Impfquote unter älteren Menschen sei zu niedrig. Montgomery sagte in der Talkshow, „die ‚Null-Covid-Strategie‘ ist gescheitert. Immer wieder Lockdown, das geht nicht.“

In Shanghai verschärft die Regierung unterdessen teilweise die Corona-Maßnahmen. Der Lockdown, der Anfang April über die gesamte Stadt verhängt worden war, wurde zwar in einigen Stadtvierteln wieder gelockert. Nun aber soll in Bezirken, in denen neue Fälle nur bei Menschen entdeckt wurden, die unter Quarantäne stehen, ein neuer, noch härterer Ansatz ausprobiert werden: Die Bewohner dürfen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen, zudem wird der Zugang von Lieferdiensten und medizinischem Personal zu den betroffenen Gebieten für mehrere Tage eingeschränkt.

Coronavirus in China: Shanghai verschärft Maßnahmen

„Wir dürfen uns nicht zufriedengeben und müssen den Kampf gegen das Virus fortsetzen, bis die Pandemie vollständig eingedämmt ist“, hieß es dazu in einer Erklärung der Lokalregierung des Stadtbezirks Wanli, aus der die South China Morning Post am Montag zitierte. In der 25-Millionen-Einwohner-Stadt Shanghai haben sich seit Anfang März gut 600.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert; laut Daten vom Montag stieg die Zahl der symptomatischen Fälle zuletzt wieder an.

Auch in Peking werden immer mehr Corona-Fälle gemeldet, allerdings bislang auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Am Montag wurden nur 49 neue Fälle innerhalb von 24 Stunden registriert, obwohl auch Peking seine etwa 22 Millionen Einwohner regelmäßig testet. Trotzdem machte die Stadt am Montag mehrere Stadtparks dicht. Zuvor waren bereits viele Geschäfte und mehrere U-Bahn-Stationen geschlossen worden; auch hatten die Behörden das Arbeiten von Zuhause aus angeordnet.

Corona in China: Auch die Weltwirtschaft leidet

Die strikten Anti-Corona-Maßnahmen, die China auch in vielen anderen Städten durchsetzt, wirken sich längst auf die Weltwirtschaft aus. Am Montag meldete der chinesische Zoll, dass das Exportwachstum auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahren gefallen ist. Die Exporte legten demnach im April in US-Dollar berechnet nur noch um 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zu. Es ist das langsamste Wachstum seit Juni 2020. Die Importe blieben mit Null-Wachstum unverändert. Auffällig stark ist der Handel mit Deutschland eingebrochen. Die chinesischen Importe deutscher Waren fielen um 9,8 Prozent. Aber auch Chinas Exporte nach Deutschland sackten ungewöhnlich stark um neun Prozent ab. Mit der Europäischen Union verzeichnete China immerhin noch ein Exportplus von 7,9 Prozent. Aber die Importe aus Europa fielen nach den Daten um 12,5 Prozent.

Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping hatte sich in der vergangenen Woche erstmals zum Lockdown in Shanghai geäußert. Bei einem Treffen des Ständigen Ausschusses des Politbüros sagte Xi, China werde „den Test der Zeit bestehen“. Außerdem müsse man jeden Versuch bekämpfen, die chinesische Corona-Politik infrage zu stellen. (sh/dpa)

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