Am Frankfurter Flughafen starten und landen etwa 100 verschiedene Fluggesellschaften.
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Am Frankfurter Flughafen starten und landen etwa 100 verschiedene Fluggesellschaften.

Schon 2026 auf Vorkrisenniveau?

Durch Corona fast 700 Millionen Euro Verlust - Fraport-Chef aber optimistisch: „Menschen wollen wieder fliegen“

  • Daniela Petersen
    vonDaniela Petersen
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Die Pandemie bedeutet für die moderne Luftfahrt die größte Krise ihrer Geschichte. Die Passagierzahlen am Frankfurter Flughafen gingen 2020 um 80 Prozent zurück. Dr. Stefan Schulte, der seit 2009 Vorstandsvorsitzender der Fraport AG ist, blickt dennoch zuversichtlich in die Zukunft.

Frankfurt - 70,6 Millionen Passagiere hatte der Frankfurter Flughafen 2019. Im Krisenjahr 2020 waren es nur noch 18,8 Millionen. 4000 Arbeitsplätze mussten gestrichen werden. Im Interview spricht Dr. Stefan Schulte über das Corona-Jahr 2020, das das Unternehmen Fraport gebeutelt hat.

Viele haben um diese Zeit im Jahr ihren Urlaub längst gebucht. Doch auch 2021 werden die Pläne durch Corona durcheinandergewirbelt. Haben Sie als Flughafenbetreiber den Sommer schon abgeschrieben?
Wir wünschen uns alle, dass das Impfen schneller geht. Aber immerhin nehmen wir langsam Geschwindigkeit auf, das ist positiv. Wenn wir so weitermachen, dann bleibe ich optimistisch, dass wir im Sommer zumindest noch eine gewisse Reisewelle in Europa erleben werden.
Werden Sie selbst in den Urlaub fliegen?
Ich werde sicherlich ein, zwei Wochen im Sommer auf Mallorca sein. Ich mag die Insel sehr, sie bietet so viel Unterschiedliches von Fahrradtouren und Wandern in den Bergen bis hin zu Kultur und Geschichte in Palma.
Sie als über 60-Jähriger sind bereits geimpft. Was halten Sie davon, dass manche Länder wie Israel überhaupt nur Geimpfte ins Land lassen?
Wir werden unterschiedliche Entwicklungen in den nächsten zwölf Monaten sehen. Das hängt immer ein bisschen damit zusammen, wie die Inzidenz in dem jeweiligen Land ist, welche Erfahrungen ein Land bisher in der Pandemie gemacht hat und welche Prioritäten es setzt. Im Grundsatz können wir uns darauf einstellen, dass wir beim Reisen in der nächsten Zeit entweder geimpft sein oder einen Test vorlegen müssen. Das wird nicht für jede Destination gelten, aber für viele. (Bleiben Sie mit unserem Corona-News-Ticker für Hessen auf dem Laufenden.)

Corona: Fraport-Chef trotz Riesen-Verlust optimistisch – „Leute wollen fliegen“

Noch nie zuvor in den vergangenen Jahrzehnten erlebte die Reisebranche einen solchen Einbruch. Wie äußert sich das bei Fraport?
Für die moderne Luftfahrt ist es die größte Krise ihrer Geschichte. Auch wir als Unternehmen blicken auf ein extrem herausforderndes Jahr zurück. Einen Flughafen zu betreiben, ist extrem kapitalintensiv. Wir haben eine große Infrastruktur zu erhalten, und unser Geschäft ist sehr personalintensiv. Um die Krise durchzustehen, müssen wir uns neu ausrichten. (Lesen Sie hier: Urlaub trotz Corona? Reisebüros im Kreis Fulda nennen beliebteste Reiseziele in Osthessen)
Wie sieht das konkret aus? Welche Sparmaßnahmen wurden eingeleitet?
Wenn man so heftig getroffen ist und nur noch weniger als 20 Prozent der Passagiere hat, dann muss man die Kosten dramatisch runterfahren, um die Liquidität zu sichern. Wir haben alle Ausgaben auf den Prüfstand gestellt. Und wir haben über eine Milliarde Euro an Investitionen rausgenommen oder sehr weit nach hinten geschoben.
Wo wurde der Rotstift angesetzt?
Ganz konkret haben wir zum Beispiel Spenden und Sponsoring massiv reduziert. Aber wir haben auch Teile der Infrastruktur vorübergehend außer Betrieb genommen, etwa das gesamte Terminal 2. Durch das geringere Verkehrsvolumen konnten wir auch die Kosten für Instandhaltungen und Wartungen reduzieren und geplante Ersatzbeschaffungen im Fuhrpark aufschieben. Die Büroflächen werden wir reduzieren, Mieten und Leasingkosten ebenfalls. Wir sind da wirklich mit dem Rotstift durchgegangen und haben alle laufenden Ausgaben, Sachaufwendungen und Betriebsaufwendungen geprüft. So konnten wir 100 bis 150 Millionen Euro pro Jahr einsparen.
Sie haben aber auch Mitarbeiter entlassen.
Ja, leider mussten wir ein Personalabbauprogramm auflegen und 4000 Arbeitsplätze streichen. Es hat aber alles sozialverträglich funktioniert, wir kamen ohne betriebsbedingte Kündigungen aus. Das war auch deshalb möglich, weil wir vieles durch Kurzarbeit aufgefangen haben. Unsere Belegschaft hat da voll mitgezogen, dafür sind wir sehr dankbar. 80 Prozent unserer Beschäftigten sind schnell in Kurzarbeit gegangen, mit 50 Prozent Quote im Durchschnitt. Die machen sich natürlich auch Sorgen, einige sind seit einem Jahr in Kurzarbeit. Das ist eine Belastung.

Frankfurt Flughafen: Fraport verschiebt Eröffnung von neuem Terminal auf 2026

Zur Person

Dr. Stefan Schulte (61) arbeitet seit 2003 für Fraport und ist seit 2009 Vorsitzender des Vorstands der Fraport AG. Zu seinem Ressort gehören die Bereiche „Akquisitionen und Beteiligungen“, „Projekt Ausbau Süd“, „Unternehmensentwicklung, Umwelt und Nachhaltigkeit“ sowie „Unternehmenskommunikation“. Der gelernte Bankkaufmann wurde in Wuppertal geboren. Nach einem BWL-Studium promovierte er an der Universität in Köln. Zum 1. Juli 2018 hat Schulte die Präsidentschaft bei der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) übernommen.

Der Ausbau Süd kostet in etwa vier Milliarden Euro. Die Eröffnung des Terminal 3 wurde zwar auf 2026 verschoben, aber an den Plänen selbst halten Sie ja fest. Kann man sich eine solche Investition momentan überhaupt leisten?
Wir versuchen zweigleisig zu fahren, denn wir dürfen auch die langfristige Perspektive nicht aus den Augen verlieren. Einerseits müssen wir das Unternehmen noch effizienter aufstellen und Kosten rausnehmen. Und andererseits wollen wir gleichzeitig in wichtige Zukunftsprojekte investieren. Das Terminal 3 ist solch ein Zukunftsprojekt.
Fraport-Chef Dr. Stefan Schulte möchte 2026 wieder auf Vorkrisenniveau sein.
Wofür braucht Frankfurt ein Terminal 3?
Der Flughafen war vor Corona stark an der Belastungsgrenze. 2019 hatten wir 70,6 Millionen Passagiere. Das war schon sehr eng. Wir sind zuversichtlich, dass auch nach Corona die Nachfrage wieder da sein wird. Alle Prognosen, die wir derzeit sehen, gehen davon aus, dass die Menschen wieder fliegen wollen. Als Erstes wird der Urlaubsverkehr zurückkommen, gerade zu den europäischen und internationalen Destinationen. Und auch das meiste an Geschäftsreisen wird wiederkommen. Deswegen werden wir ein Terminal 3 von der Kapazitätsseite her brauchen. Wir denken langfristig, uns geht es darum, dass wir auch in 20 oder 30 Jahren noch eine attraktive Infrastruktur hier in Frankfurt anbieten können.
Durch Corona haben viele Firmen gemerkt, dass Online-Meetings ganz gut funktionieren. Glauben Sie wirklich, dass die Geschäftsreisen wieder so stark ansteigen?
Natürlich wird ein Teil des Geschäftsreiseverkehrs fehlen, und die Erholung wird hier länger dauern als bei privaten Flugreisen. Aber die Prognosen von Marktforschungsinstituten gehen davon aus, dass wir im Business-Bereich wieder rund 80 Prozent des Vorkrisenniveaus erreichen werden. Und von dort aus wird es langfristig weiteres Wachstum geben.
Worauf fußt Ihr Optimismus?
Wenn man einen globalen Konzern mit Niederlassungen in der ganzen Welt hat, dann kennt man die Beschäftigten irgendwann nicht mehr. Gerade auf Managementebene muss man sich auch mal persönlich treffen, um die Identität des Unternehmens zu erhalten. Das geht nicht nur virtuell. Oder auch wenn man Märkte erschließen, neue Kunden gewinnen oder wichtige Zulieferverträge abschließen möchte, dann braucht man den persönlichen Kontakt vor Ort.

Fraport- Chef Schulte: Vorkrisenniveau bis 2026

Wann wird Fraport das Niveau von 2019 wieder erreichen?
Wir gehen derzeit davon aus, dass wir im Jahr 2026 wieder das Vorkrisenniveau haben werden. Das dauert also schon einige Jahre. 2019 hatten wir 70,6 Millionen Passagiere, 2020 waren es noch ganze 18,8 Millionen. Das ist schon sehr heftig. Zwar konnten wir in der Fracht Zuwächse verbuchen, aber der finanzielle Erfolg unseres Unternehmens hängt nun mal stark an den Passagieren. Das kann die Fracht nicht im Ansatz ausgleichen.
Wie hoch ist der Einnahmeverlust des Unternehmens?
Der Konzernumsatz ging 2020 um mehr als die Hälfte auf rund 1,5 Milliarden Euro zurück. Das operative Ergebnis sank um ungefähr eine Milliarde. Das heißt, wir haben 2020 noch ein knapp positives operatives Ergebnis vor Rückstellungen gehabt, wo wir normalerweise bei über einer Milliarde liegen. Unterm Strich haben wir beim Nettoergebnis einen Verlust von fast 700 Millionen Euro verbucht.
Kann man sich als Firma einen solchen Verlust leisten? Hatten Sie so viel angespart?
Ja, wir haben immer konservativ geplant und hatten dadurch gewisse Rücklagen. Und wir haben sehr schnell sehr hart reagiert, um die Kosten runterzubringen. Gleichzeitig haben wir Liquidität aufgenommen, seit Beginn der Krise fast fünf Milliarden Euro an Fremdverschuldung. Nur so konnten wir zahlungsfähig bleiben. Darunter war eine Anleihe von mehr als einer Milliarde Euro, die sehr gut nachgefragt wurde. Man glaubt an den Frankfurter Flughafen, und ich glaube auch daran. Wir können heute sagen, dass wir auf jeden Fall durchfinanziert sind bis ins Jahr 2023 hinein.

Video: Aktie im Fokus - Corona wirft Fraport 2020 weit zurück

Sie haben sich auch Klimaziele gesetzt.
Wir möchten unseren CO2-Fußabdruck – also das, was wir hier als Fraport AG hier am Standort Frankfurt verbrauchen – bis 2030 auf 80.000 Tonnen reduzieren. Das entspricht einem Rückgang um mehr als die Hälfte gegenüber dem Wert von 2019. Bis 2050 möchten wir CO2-frei sein, also kein CO2 mehr ausstoßen.
Wie wollen Sie das erreichen?
Wir werden einerseits den Energieverbrauch reduzieren, etwa durch eine effizientere Klimatisierungstechnik in den Gebäuden, durch die Umstellung der Befeuerung auf LED und durch mehr alternative Antriebe im Fuhrpark. Aber wir setzen auch bei der Stromerzeugung an: Wir nutzen Photovoltaik und Solaranlagen direkt hier am Flughafen, und wir wollen künftig Strom aus neuen Offshore-Windkraftanlagen beziehen.
Wie hoch ist der Stromverbrauch denn?
Er entspricht in etwa dem Stromverbrauch einer Stadt wie Heidelberg.

Online erscheint eine gekürzte Fassung des Interviews mit Fraport-Chef Dr. Stefan Schulte. Das komplette Interview finden Sie in der Mittwochausgabe der Fuldaer Zeitung sowie im E-Paper.

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