Corona-Virologe Hendrik Streeck aus Bonn warnt vor hohen Infektionszahlen und einer vierten Pandemie-Welle im Herbst 2021.
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Corona-Virologe Hendrik Streeck aus Bonn warnt vor hohen Infektionszahlen und einer vierten Pandemie-Welle im Herbst 2021.

Warnung vor vierter Welle

Corona-Experte Hendrik Streeck erwartet keine Herdenimmunität - „Bin sehr skeptisch“

  • Sebastian Reichert
    VonSebastian Reichert
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Corona-Experte Hendrik Streeck aus Bonn sagt, dass es wohl keine Herdenimmunität durch Impfungen geben werde. Der Bonner, der sich im Video-Interview auch zu Morddrohungen gegen ihn äußerte, hat zudem einen Tipp im Umgang mit Impfverweigerern.

Bonn - Corona-Virologe Hendrik Streeck aus Bonn hat vor einer vierten Welle der Covid-Pandemie in Deutschland gewarnt. „Im Herbst werden die Infektionszahlen steigen“, sagte der Experte im Videocast-Interview „19 - die Chefvisite“ (Folge 146). Niemand könne vorhersagen, wie sehr, aber: „Ich halte es für sinnvoll, dass wir uns auf einen starken Anstieg vorbereiten.“

Corona-Forscher Hendrik Streeck verglich im Interview mit dem DUP Unternehmer-Magazin, einer Plattform für Digitalisierung und Nachhaltigkeit, die zeitliche Abstimmung der Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie mit dem Wechsel der Sommerreifen auf die Winterreifen. „Gelassen bin ich nicht“, betonte der Virologe vom Universitätsklinikum Bonn.

Corona: Experte Hendrik Streeck erwartet keine Herdenimmunität

Auch zur Gefährlichkeit der Delta-Variante des Coronavirus (B.1.617.2) im Vergleich zur Alpha-Variante (B.1.1.7) äußerte sich Hendrik Streeck. „Alle bisherigen Daten deuten daraufhin, dass es eine erhöhte Übertragungswahrscheinlichkeit gibt“, sagte der Virologe im Gespräch mit Verleger Jens de Buhr und Professor Jochen A. Werner, Chef am Universitätsklinikum in Essen.

Wie Hendrik Streeck ausführte, würde das Aufkommen der gefährlicheren Delta-Variante des Coronavirus aber nicht unbedingt bedeuten, dass ein erneuter Lockdown angeraten ist. „Impfen, Abstand, Masken, Einhalten der AHAL-Regel - das wirkt auch gegen die Delta-Variante“, sagte der Bonner Virologe.

NameProf. Dr. med. Hendrik Streeck
Geburtsdatum7. August 1977 in Göttingen (Niedersachsen)
MedizinstudiumHumboldt-Universität (Charité – Universitätsmedizin Berlin), Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
FacharztMikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie
AnstellungUniversitätsklinikum Bonn
ForschungsschwerpunkteHIV, Covid-19

Danach gefragt, ob Impfungen gegen das Coronavirus nicht bald zu einer Herdenimmunität führen würden, erklärte Hendrik Streeck: „Ich bin sehr skeptisch, dass wir eine Herdenimmunität erreichen werden. Von dem Begriff müssen wir uns verabschieden.“ Streeck weiter: „Impfungen bieten einen Primärschutz gegen schwere Verläufe, nicht gegen die Weitergabe des Virus.“

Auch Geimpfte mit hoher Antikörperreaktion könnten sich mit dem Virus infizieren und es an andere weitergeben. „Nur seltener“, hatte Streeck zum selben Thema der Deutsche Presse-Agentur (dpa) gesagt. Das Robert Koch-Institut schreibt dazu, dass die in Deutschland verwendeten Impfstoffe Infektionen in „erheblichem Maße verhindern“ und „das Risiko einer Virusübertragung stark vermindern“.

Für eine Herdenimmunität müssten allerdings theoretisch auch Kinder geimpft werden, erklärte Streeck gegenüber der dpa. „Aber deshalb jetzt alle Kinder zu impfen, hielte ich für den falschen Ansatz.“ In Bezug auf Corona-Impfungen für Kinder hatte Virologe Hendrik Streeck zuletzt zur Vorsicht geraten und sich mit einem Rat an die Ständige Impfkommission (Stiko) gewandt.

Hendrik Streeck wies zudem in Bezug auf den Effekt der Corona-Herdenimmunität darauf hin, dass die Immunantwort mit der Zeit nachlassen dürfte. „Wie stark der Effekt ist, wird man erst im Herbst bemessen können.“* Statt von einer erhofften „Herdenimmunität“ in Deutschland auszugehen, nannte der Virologe allerdings einen möglichen „Herdeneffekt“, der den Anstieg der Infektionszahlen dämpfen kann.

Video: Herdenimmunität illusorisch - Streeck befürchtet starke vierte Welle

Virologe Hendrik Streeck äußerte sich im „19 - die Chefvisite“-Interview zudem zum Hass, der ihm im Internet begegnet. „Am Anfang habe ich das laufen lassen“, sagte der Mediziner in Bezug auf Hetzkommentare in den sozialen Medien. Inzwischen zeige er einschlägige Fälle an: „Wenn es um Morddrohungen oder Exekutionsaufforderungen geht, gebe ich das sofort an die Polizei weiter.“

Im Corona-Videocast nahm Hendrik Streeck auch Stellung zum Umgang mit Impfverweigerern. „Ich habe Verständnis dafür, dass das Impfen Sorge macht - gerade, wenn ein Impfstoff so schnell entwickelt worden ist. Aber dann fehlt es einfach an Aufklärung“, sagte der Covid-Experte, der als Beispiel die Wirkung eines mRNA -Impfstoffes nannte. Ärmel hoch und impfen lassen - diese bloße Aufforderung reiche bei Impfverweigerern nicht aus. Aufklärung sei vielleicht bislang zu kurz gekommen. *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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