Virologin Sandra Ciesek empfiehlt nach einem Corona-Ausbruch in einem Pflegeheim, dann dort sofort die noch nicht betroffenen Personen zu impfen.
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Virologin Sandra Ciesek empfiehlt nach einem Corona-Ausbruch in einem Pflegeheim, dann dort sofort die noch nicht betroffenen Personen zu impfen.

Schutz für Ältere

Corona: Warum Top-Virologin Sandra Ciesek den Impfstoff für sicher hält

  • Sebastian Reichert
    vonSebastian Reichert
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Corona im Pflegeheim – wie können ältere Menschen vor dem Virus geschützt werden? Laut Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt könnte es neben Schutzmaßnahmen wie in Tübingen auch noch eine weitere Maßnahme geben, die selbst im Falle eines Sars-CoV-2-Ausbruches noch Leben retten könnte.

Fulda - Im NDR-Info-PodcastCoronavirus-Update“ antworten immer dienstags im wöchentlichen Wechsel Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, und Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, auf aktuelle Fragen zur Pandemie. In Folge 71 „Mehr Licht am Ende des Tunnels“ erklärte Ciesek unter anderem, warum sie die zugelassenen Corona-Impfstoffe für sicher hält.

Corona im Pflegeheim? Virologin Ciesek: So könnten ältere Menschen geschützt werden

Durch diese Argumente zur Impfstoff-Sicherheit lassen sich die Menschen überzeugen und die Impfbereitschaft nimmt dann zu, glaubt die Wissenschaftlerin. Zudem begründete sie im Corona-Podcast, warum es sinnvoll sein könnte, den Spielraum für die Gabe der zweiten Impfdosis auszureizen. Außerdem macht die 42-Jährige auch Aussagen dazu, wie man unsere Alten besser schützen kann – selbst wenn es schon zu einem Sars-CoV-2-Ausbruch in einem Pflegeheim gekommen ist.

Bei älteren Menschen ist das Risiko besonders hoch für schwere Covid-19-Verläufe. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts waren 86 Prozent der bislang in Deutschland an Covid-19 Verstorbenen durchschnittlich 82 Jahre alt. Während der Fall-Verstorbenen-Anteil bei Erkrankten bis etwa 50 Jahren unter 0,1 Prozent liegt, steigt er ab 50 Jahren zunehmend an und liegt bei Personen über 80 Jahren häufig bei über 10 Prozent.

NameProf. Dr. med. Sandra Ciesek
Geburtsdatum25. Februar 1978 (in Goslar)
MedizinstudiumUniversität Göttingen, Medizinische Hochschule Hannover
FachärztinMikrobiologie, Virologie, Infektionsepidemiologie, Innere Medizin, Gastroenterologie
AnstellungUniversitätsklinikum Frankfurt, Goethe-Universität Frankfurt
ForschungsschwerpunkteHepatitis C, Covid-19

Auch im Landkreis Fulda, wo es seit Tagen die höchste 7-Tage-Inzidenz in Hessen gibt, kam es zuletzt zu mehreren starken Corona-Ausbrüchen in Pflegeheimen – beispielsweise im Mediana in Fulda, im AWO-Altenzentrum in Großenlüder, im Haus Bethanien in Hünfeld und im Haus St. Katharina in Flieden. Neben Schnelltests und FFP2-Masken für das Pflegepersonal (Tübinger Modell) sowie der generellen Impf-Priorität für Altenheim-Bewohner gibt es nach Ansicht der Sandra Ciesek noch eine weitere Möglichkeit, ältere Menschen in Senioreneinrichtungen zu schützen.

Es sei „keine gute Idee, bei einem Ausbruch mit dem Impfen erst einmal abzuwarten“, sagte die Frankfurter Virologin im Corona-Podcast. „Ich halte es für extrem sinnvoll bei einem Ausbruch in einem Altersheim mit mehreren Infizierten, die nicht Betroffenen schnellst möglich zu impfen, um weitere Fälle zu verhindern. Das ist extrem wichtig.“ Ciesek betonte nochmals für den Fall eines Ausbruchs: „Ich würde dann empfehlen, alle Personen ohne Symptome sofort zu impfen.“

Eine erste Corona-Schutzwirkung sei etwa zwölf Tage nach der ersten Impfung gegeben, sagte Ciesek und forderte, „aktiv hinzugehen und zu impfen, anstatt abzuwarten., bis es keinen Fall mehr gibt“. Auch Senioren, die bereits eine Infektion mit dem Coronavirus überstanden haben, sollten möglicherweise zeitnah nochmals geimpft werden, erklärte die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt.

Eine solche zweite Reaktion mit dem Coronavirus könnte ein weiterer Trigger für eine Immunreaktion sein. Allerdings fügte die Virologin an, dass eine solche von ihr empfohlene Impf-Vorgehensweise im Fall von Ausbrüchen in Pflegeheimen noch nicht komplett durch Studien gedeckt sei. „Aber weil Covid-19-Verläufe bei älteren Menschen so fatal sein können, muss man da relativ pragmatisch vorgehen, um einen Impfschutz bei den Gefährdeten aufzubauen.“

Corona-Impfstoffe: Virologin Ciesek spricht über Sicherheit

In Folge 71 des Podcasts zeigte sich Sandra Ciesek zudem überzeugt davon, dass die Impfbereitschaft zunehmen wird. Die Virologin klärte über die bisher in Europa zugelassenen Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna – noch nie zuvor zugelassene mRNA-Impfstoffe – auf, dass diese nur den Bauplan für einen kleinen Teil des Virus in den Körper schleusen, um so die Bildung von Antikörpern anzuregen.

„Es ist ausgeschlossen, dass so ein komplett vermehrungsfähiges Virus entstehen könnte“, sagte die Frankfurter Virologin in Bezug auf die Sicherheit der Impfstoffe. „mRNA und DNA sind nicht kompatibel.“ Es gebe auch so viel mRNA in den Zellen. Da passiere auch kein Einbau in das Erbgut. Das sei theoretisch zwar nicht völlig ausgeschlossen, sei aber im Prinzip nur unter Laborbedingungen denkbar.

Video: Coronavirus: Virologin hält Risikogruppen-Strategie für irrsinning

Auch zur verhältnismäßig kurzen Entwicklungszeit der Impfstoffe, die viele Menschen skeptisch werden lässt, nahm Sandra Ciesek Stellung. Bei der Zulassung der Corona-Impfstoffe gab es keine Sonderregelung, sagte die Expertin. „Man hat keinen Kompromiss gemacht bei Sicherheit oder Verträglichkeit.“ Die schnelle Entwicklung führte sie auf mehrere Faktoren zurück: auf das Zurückgreifen auf Coronavirus-Vorarbeiten, auf die neue Impfstoff-Technologie, auf die Optimierung von bürokratischen Prozessen (Überlappen von klinischen Phasen, Rolling Review) und auf weltweit gemeinsame (finanzielle) Anstrengungen.

Corona: Schwere allergische Reaktionen sind „extrem selten“

Auch in puncto (unerwarteten und schweren) Nebenwirkungen bei der Impfung gegen das Coronavirus gab die Expertin Entwarnung. Nur bei wenigen Studienteilnehmern seien überhaupt Nebenwirkungen aufgetreten. Die erwartet man aber auch klassischerweise generell bei Impfungen. „Sie sind ein Zeichen dafür, dass das Immunsystem aktiviert wird“, sagte Ciesek. Seltene schwere unerwartete Nebenwirkungen seien in den Studien und auch in der angelaufenen Massenimpfung nicht aufgetreten. „Man hätte sie längst gesehen.“

Zu mitunter schon beobachteten schweren allergischen Reaktionen (anaphylaktischer Schock, Anaphylaxie) auf die Impfung gegen das Coronavirus sagte die Virologin, dass diese „extrem selten“ seien. Bei einer ersten Studie der amerikanischen Seuchenschutzbehörde CDC zu allergischen Reaktionen auf den Impfstoff von Biontech/Pfizer gab es bei 1,89 Millionen Impfungen 21 schwere allergische Reaktionen. Zu anaphylaktischen Reaktionen, die zudem bei jeder Impfung und Medikamentengabe möglich sind, kommt es „fast nur bei Menschen mit entsprechender Allergiker-Vorgeschichte“. „Die allergischen Reaktionen sind gut behandelbar. Im Gegensatz zu schweren Covid-19-Verläufen.“

Corona-Impfschema: Im Kampf gegen das Virus nicht 50 Prozent des Impfstoff einfrieren

Die Corona-Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna sind als zwei im Abstand von drei beziehungsweise vier Wochen aufeinanderfolgende Impfungen vorgesehen. Es heißt aber auch spätestens nach sechs Wochen. Dieser Impfschema-Spielraum, der durch die Zulassung abgedeckt ist, sollte ausgenutzt werden, argumentierte Ciesek. Wie wahrscheinlich ist es, dass es nach drei Wochen, vier Wochen einen kompletten Lieferausfall gibt? „Ich glaube, das ist nicht wahrscheinlich. Ich habe eher das Gefühl, dass es mehr Produktion geben wird.“

Cieseks Vorschlag: „Man könnte diesen Spielraum, der durch die Zulassung abgedeckt ist, einfach nutzen und sagen: Die zweite Dosis soll nach drei bis sechs Wochen erfolgen, ohne festen Termin. Und die gesamte Lieferung wird nicht zur Hälfte eingefroren, sondern auch immer wieder verimpft.“ Nach Angaben von Biontech beträgt der Effekt der Schutzwirkung bei einer Impfdosis 52,4 Prozent, bei einem Zwei-Dosen-Schema 94,8 Prozent.

Sandra Ciesek ist Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt.

Abschließend wurde Ciesek gefragt, wie wirksam die beiden zugelassenen Corona-Impfstoffe gegen die Varianten (Mutationen) sind, die in England und Südafrika entdeckt worden sind? Die Wissenschaft habe „erste Daten, die Entwarnung geben“, sagte Ciesek. „Solange die Impfstoffe eine Wirkung haben, bin ich relativ entspannt, weil das das Wichtigste ist.“

Die Frankfurter Virologin erklärte weiter: „Das Schlimmste, was passieren könnte, ist, wenn man jetzt einen Impfstoff hat, den verimpft und dann auf einmal eine Variante entsteht, vor der sich einfach nicht mehr durch einen Impfstoff schützen lässt. Das wäre nicht gut. Aber da gibt es momentan noch keine Hinweise darauf.“ Ähnlich sieht das auch Virologe Hendrik Streeck. Das Gute an Impfstoffen sei, dass man nicht erneut bei Null beginnen müsse, sondern die Varianten einbauen könne

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