Corona-Virologe Hendrik Streeck hat jetzt Vorbehalte gegen den russischen Impfstoff Sputnik V geäußert.
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Corona-Virologe Hendrik Streeck hat jetzt Vorbehalte gegen den russischen Impfstoff Sputnik V geäußert.

Debatte um Vakzin

Corona-Impfstoff aus Russland: Top-Virologe Hendrik Streeck hat Vorbehalte gegen Sputnik V

  • Sebastian Reichert
    vonSebastian Reichert
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Der Corona-Experte Hendrik Streeck hat Vorbehalte gegen den Impfstoff Sputnik V aus Russland. Der Virologe verweist auf Vakzin-Studien in Russland sowie auf Erfahrungen aus der HIV-Forschung.

Bonn/Fulda - Hendrik Streeck, der Leiter der Virologie am Universitätsklinikum Bonn, sagte im Podcast-Gespräch mit RTL-Moderatorin Katja Burkhard („Punkt 12“), dass er „aus verschiedenen Gründen“ ein „bisschen Vorbehalt“ gegen den russischen Corona-Impfstoff Sputnik V habe. Corona-Virologe Hendrik Streeck, der zuletzt Hoffnung auf Sommer-Urlaub 2021 gemacht hatte, verwies unter anderem auf eine nicht richtige Durchführung der Phase 3 bei den klinischen Studien.

Corona-Impfstoff aus Russland: Virologe Hendrik Streeck ist bei Sputnik V skeptisch

Nach dem Virologen Christian Drosten („Das Coronavirus-Update“/NDR) ist jetzt auch sein Wissenschaftskollege Hendrik Streeck (wieder) unter die Podcaster gegangen. Zusammen mit Katja Burkhard (RTL) beantwortet der Professor der Uni Bonn seit dem 13. März immer samstags Fragen rund um das Coronavirus. Produziert wird der Podcast unter dem Titel „Hotspot – der Pandemie-Talk mit Katja Burkard und Hendrik Streeck“ von Audio Alliance (Bertelsmann), abrufbar unter anderem auf der Plattform „Audio Now“.

NameProf. Dr. med. Hendrik Streeck
Geburtsdatum7. August 1977 in Göttingen (Niedersachsen)
MedizinstudiumHumboldt-Universität (Charité – Universitätsmedizin Berlin), Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
FacharztMikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie
AnstellungUniversitätsklinikum Bonn
ForschungsschwerpunkteHIV, Covid-19

In Bezug auf den russischen Impfstoff Sputnik V sagte Streeck in der ersten Podcast-Folge, dass eine „Placebokontrolle in Russland nicht so in der richtigen Weise durchgeführt“ worden sei. Auch zu dem russischen Impfstoff Sputnik V gab es eine Phase-III-Studie zur Überprüfung der Wirksamkeit.

In der Regel sind Phase-III-Studien randomisierte Doppelblindstudien, das heißt, dass eine Zuordnung zu einer Gruppe (Impfstoff oder Placebomittel) zufällig erfolgt. In Russland war die Placebogruppe (5000 Personen) aber offenbar deutlich kleiner als die Impfstoffgruppe (15.000 Personen). „Ich bin sehr interessiert, was am Ende die EMA, die europäische Arnzeimittelbehörde, dazu sagen wird“, führte Streeck zum Corona-Impfstoff Sputnik V aus.

Der Corona-Virologe hat aber noch aus einem anderen Grund einen Vorbehalt gegen den Impfstoff aus Russland, der auf dem gleichen Prinzip wie die Vakzine von AstraZeneca und Johnson & Johnson beruht: An bestimmten Stellen in Adenoviren, die für den Menschen harmlos sind, werden Gene herausgenommen und durch Genabschnitte des Coronavirus ersetzt. Die Zellen produzieren daraufhin gezwungenermaßen das Erreger-Antigen.

Darauf beginnt das Immunsystem wiederum spezifische Antikörper sowie Abwehrzellen gegen das fremde Antigen zu produzieren. Wie auch bei den mRNA-Impfstoffen (Biontech/Pfizer, Moderna) wird auch bei einem Vektor-Impfstoff nur das Rezept in den Körper gebracht, mit dessen Hilfe der Körper dann den Impfstoff produziert, erklärte Streeck. Vektorimpfstoffe, die wie der russische Impfstoff Sputnik V auf dem Adenovirus-5 basieren, könnten aber möglicherweise das Risiko für eine HIV-Infektion erhöhen.

Corona-Impfstoff Sputnik V: Hendrik Streeck spricht von „schlechten Erfahrungen“

„Wir haben schlechte Erfahrungen mit dem Adenovirus-5-Impfstoff im HIV-Bereich gemacht“, begründete Corona-Virologe Hendrik Streeck seinen Vorbehalt gegen das Vakzin aus Russland. „Das heißt nicht, dass es bei Covid-19 genauso ist.“ Streeck verwies auf einen Impfstoffversuch mit einem Adenovirus-5-Impfstoff für HIV 2008. „Dieser wurde frühzeitig von den Behörden gestoppt“, berichtete Hendrik Streeck. Es hatten sich mehr Menschen, die geimpft waren, mit HIV infiziert, als Menschen, die den Impfstoff nicht bekommen hatten. „Wir nehmen an, dass der Impfstoff die Zielzellen für HIV spezifisch aktiviert hat.“

Streeck weiter: „Wir wissen aber nicht, ob der gleiche Effekt auftritt, wenn das Adenovirus-5 für einen Vektorimpfstoff für Covid-19 verwendet wird. Ich würde erst die ganzen Daten dazu sehen wollen, bevor ich eine Empfehlung für einen solchen Impfstoff ausgeben könnte.“ Nach dem vorläufigen Stopp der Corona-Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca hatten zuletzt mehrere ostdeutsche Ministerpräsidenten für den russischen Impfstoff Sputnik V geworben.

Corona-Impfstoff Sputnik V: Ministerpräsident Michael Kretschmer wirbt für ihn

„Russland ist ein großes Land der Wissenschaft, und ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass die dortige Wissenschaft imstande ist, einen leistungsfähigen Impfstoff herzustellen. Der Impfstoff sollte zugelassen werden“, sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) den Zeitungen der Funke Mediengruppe, verwies aber darauf, dass über die Zulassung zunächst die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) zu entscheiden habe.

In Deutschland waren die Impfungen mit Astrazeneca am Montag ausgesetzt worden. Laut Bundesgesundheitsministerium wurden bis Dienstagabend bundesweit acht Fälle mit Thrombosen (Blutgerinnseln) in den Hirnvenen in zeitlichem Zusammenhang zur Impfung gemeldet. Die Zahl der Fälle ist statistisch höher als in der Bevölkerung ohne Impfung. Derzeit wird untersucht, ob ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und Thrombose besteht. Seit Freitag wird in Deutschland wieder mit Astrazeneca geimpft. Eine entsprechende Empfehlung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) war am Donnerstag erfolgt.

Der Corona-Experte aus Bonn berichtete in dem Podcast, dass er eine Impfung mit dem Moderna-Impfstoff erhalten habe. Top-Virologe Hendrik Streeck, der zuletzt bereits auch für die Qualität des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca geworben hatte, sprach sich erneut für diesen aus: „Ich hätte mich auch mit Astrazeneca impfen lassen - genauso aber auch mit dem Adeno-26-Impfstoff von Johnson & Johnson.“

Virologe Hendrik Streeck: „Zahl an Neuinfektionen darf nicht das Maß aller Dinge sein“

Ziel in dem „Hotspot“-Podcast sei es, Corona-Fragen für jeden verständlich zu beantworten. Der Berliner Virologe Christian Drosten erklärt seit dem 26. Februar beim NDR unter dem Titel „Das Coronavirus-Update“ Fragen zur Corona-Pandemie in einem Podcast. Hendrik Streeck hatte schon mal einen Podcast. Täglich hatte er zwischen dem 17. März und dem 15. April 2020 auf BR5 in 19 Podcast-Folgen mit Wissenschaftsredakteurin Jeanne Turczynski über die aktuellen medizinischen Entwicklungen bei Covid-19 gesprochen.

Warum wurde der erste Streeck-Podcast auf BR5 dann beendet? Ein BR-Sprecher erklärt: „Der Bayerische Rundfunk hatte im März/April 2020 im Zuge der Corona-Krise zahlreiche Zusatzangebote für seine Zuschauer, Hörer und Onlinenutzer geschaffen, um dem gestiegenen Informationsbedarf gerecht zu werden – meist mit führenden Virologen und Medizinern als Gesprächspartner. Seit Mai 2020 wurden diese Sonder- und Zusatzsendungen wieder vermehrt durch die Regelformate im Programm ersetzt.“

BR beendete Corona-Podcast mit Streeck - „größere Bandbreite von anerkannten Virologen“

Der Sprecher des Bayrischen Rundfunks weiter: „Besondere Entwicklungen wird der BR wie bisher durch Sondersendungen begleiten – dies jedoch anlassbezogen, und nicht mehr als zusätzliche, regelmäßige Sendeleiste. Auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse geht der BR weiterhin in vielen Formaten ein. Dabei wird auf eine größere Bandbreite von anerkannten Virologen zurückgegriffen.“

Dass es jetzt einen neuerlichen Podcast mit Hendrik Streeck gibt, liegt an der Initiative der zu Bertelsmann gehörenden Produktionsfirma Audio Alliance. Laut einer Sprecherin der Audio Alliance tritt Hendrik Streeck seit längerem als Experte in den Programmen der Mediengruppe RTL auf, die zu Bertelsmann gehört. „Darauf aufbauend ist nun der Podcast entstanden.“ Dieser soll „bewusst weniger politisch“ sein.

Neuer Corona-Podcast mit dem Titel „Hotspot – der Pandemie-Talk mit Katja Burkard und Hendrik Streeck“.

Die für die Unternehmen der Bertelsmann Content Alliance produzierten Podcasts („Die Pochers hier!“, „08/17 mit Chris Tall und Özcan Cosar“) brachten es es im Januar nach eigenen Angaben zusammen auf sieben Millionen Abrufe. Corona-Experte Hendrik Streeck sieht in dem Podcast-Format angesichts der fast täglich neuen Fragen zur Pandemie einen großen Nutzen: „Man hat mehr Zeit und kann in die Tiefe gehen.“

Hendrik Streeck befürwortet Strategie für Öffnung mit vielen Corona-Tests

In der ersten Folge von „Hotspot – Der Pandemie-Talk“ ging Hendrik Streeck unter anderem auch auf die Frage ein, inwieweit mehr Schnelltests und damit mehr bestätigte Neuinfektionen weitere Lockerungen verhindern. „Ich habe seit letztem Sommer dafür plädiert, dass wir Neuinfektionszahlen nicht als alleinigen Indikator haben können, um das Infektionsgeschehen zu beurteilen.“

Corona-Virologe Hendrik Streeck weiter: „Gerade in dieser Zeit, wo wir eine enorme Dynamik und Unsicherheit haben - Mutationen, Impf-Fortschritt, Pandemiemüdigkeit, das Verhalten der Bevölkerung, ausgeweitete Testungen -, können wir uns nicht alleine auf die Neuinfektionszahlen verlassen. Es ist richtig, dass wir eine Öffnungsstrategie mit vielen Tests verbinden. Und das ist gut so. Aber wir wissen auch, dass wenn wir mehr testen, wir auch eine höhere Inzidenz haben werden.“

Video: Virologe Hendrik Streeck: Inzidenz alleine reicht nicht mehr aus

„Die Zahl an Neuinfektionen darf nicht das Maß aller Dinge sein, um das Infektionsgeschehen zu beurteilen“, sagte Hendrik Streeck. Wenn mehr geimpft werde, gebe es auch mehr leichte Verläufe ohne Relevanz. Die Inzidenz dürfe nicht vernachlässigt werden, aber auch andere Parameter müssten in der Pandemie berücksichtigt werden - wie die Hospitalisierungsrate, der R-Wert oder die Möglichkeit, Infektionsketten nachzuverfolgen.

Nach Angaben von Audio Alliance sprechen Katja Burkard und Hendrik Streeck aufgrund der Corona-Regeln für die Folgen des neuen Podcasts jeweils per Video-Chat miteinander, wobei sich jede Partei selbst mit einem Mikrofon aufnimmt. Die Spuren werden dann in der Produktion übereinander gelegt und geschnitten.

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