Ein Junge wird geimpft.
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Das Thema Corona-Impfung von Kindern und Jugendlichen sorgt für Diskussionen. (Symbolbild)

„Ganz genau überlegen“

Corona-Impfung für Kinder? Virologe Hendrik Streeck mahnt zur Vorsicht und hat Rat für Stiko

  • Sebastian Reichert
    VonSebastian Reichert
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Sollten auch Kinder in Deutschland zeitnah eine Corona-Impfung erhalten? Hendrik Streeck rät in dieser Frage zur Vorsicht. Der Virologe aus Bonn spricht davon, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) eine Impfempfehlung für Kinder „ganz genau überlegen“ müsse.

Bonn - Im Corona-Interview mit dem zu RTL gehörenden Fernseh-Nachrichtensender „n-tv“ antwortete Virologe Hendrik Streeck auf die Frage, wie er angesichts von 600.000 Kindern und Jugendlichen, die in den USA bereits gegen Corona geimpft seien, zum Thema Impfungen für Kinder in Deutschland stehe, dass dies „ein schwieriges Thema“ sei.

„Man sollte jetzt erstmal warten, bis alle Studien vorliegen. Wir haben jetzt bisher nur Studien für Biontech. Darin wurde gezeigt, dass es eine Wirksamkeit bei Kindern gibt“, führte Hendrik Streeck, Leiter der Virologie am Universitätsklinikum Bonn, aus. „Für die anderen Impfstoffe liegen solche Ergebnisse aber bisher noch nicht vor.“ Das Wichtige sei, „eine gute Güterabwägung“ zu machen.

Corona-Impfung für Kinder? Hendrik Streeck mahnt Vorsicht an - Rat an Stiko

Kinder würden weniger häufig an Corona erkranken, sagte Hendrik Streeck weiter: „Sie haben weniger häufig einen schweren Verlauf. Und auch Long Covid ist in ganz wenigen Fällen bei Kindern beschrieben. Also, dort diese Abwägung zu machen, ob man mit der Impfung nutzt oder eher schadet, das muss sich die Stiko ganz genau überlegen. Da würde ich mich auch wirklich darauf verlassen, dass die Stiko da eine gute Entscheidung trifft.“

NameProf. Dr. med. Hendrik Streeck
Geburtsdatum7. August 1977 in Göttingen (Niedersachsen)
MedizinstudiumHumboldt-Universität (Charité – Universitätsmedizin Berlin), Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
FacharztMikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie
AnstellungUniversitätsklinikum Bonn
ForschungsschwerpunkteHIV, Covid-19

Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) will voraussichtlich an diesem Freitag entscheiden, ob ein Corona-Impfstoff auch für Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren zugelassen wird. Der zuständige Experten-Ausschuss werde dann zu einer außerordentlichen Sitzung zusammenkommen, teilte die EMA in Amsterdam mit. Eine Zulassung gilt als wahrscheinlich. Biontech und Pfizer hatten bei der EMA Ende April beantragt, ihren Impfstoff für Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren zuzulassen.

Hendrik Streeck, Virologe am Universitätsklinikum Bonn, rät in der Frage zur Corona-Impfung für Kinder zur Vorsicht.

Von einer Impfung für jüngere Kinder unter 12 Jahren ist Deutschland hingegen noch weiter entfernt. Zurzeit laufen klinische Studien von Biontech und Pfizer zur Wirkung und Sicherheit ihres Corona-Impfstoffs bei Kindern im Alter zwischen sechs Monaten bis einschließlich elf Jahren.

Biontech geht nach eigenen Angaben davon aus, dass belastbare Daten daraus bis September 2021 verfügbar sein werden. Erst dann kann ein Antrag auf Zulassung gestellt werden. (Lesen Sie hier: Zwischen Skepsis und Fürsorge: Sollten Eltern ihre Kinder gegen Corona impfen lassen?)

Laut ruhr24.de gehen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Minister davon aus, dass die Europäische Arzneimittel-Agentur den Impfstoff von Biontech/Pfizer am Freitag, 28. Mai, für Kinder* zwischen zwölf und 16 Jahren EU-weit zulässt.

Offen ist die Frage, ob die Ständige Impfkommission nach der Entscheidung der EMA eine Impf-Empfehlung für Kinder aussprechen wird oder nicht. Die Stiko hatte schon deutlich gemacht, sich auch nach der Zulassung eigene Klärungen vorzubehalten.

Corona-Impfung von Kindern: EU-Behörde EMA will Votum abgeben

Stiko-Kommissionsmitglied Rüdiger von Kries sagte am Dienstagabend im RBB, momentan wisse man kaum etwas über die Nebenwirkungen von Corona-Impfungen bei Kindern. „Bei unklarem Risiko kann ich zur Zeit noch nicht vorhersehen, dass es eine Impfempfehlung für eine generelle Impfung geben wird.“ Herdenimmunität dürfe nicht das primäre Ziel für Impfungen von Kindern sein, sagte der Münchener Professor für Kinderepidemiologie. Man mache sie, um Kindern schwere Krankheiten zu ersparen, ohne dass sie ein Risiko eingingen. Man könne Herdenimmunität viel besser erreichen, wenn man sich um die Millionen erwachsenen Menschen kümmere, die noch nicht geimpft seien.

Die Bundesärztekammer indes fordert von der Bundesregierung, die Forschung an Impfstoffen für Kinder und Jugendliche zu fördern, Impfstoffe zu bestellen und zu liefern, Kommunikationskampagnen vorzubereiten sowie Kinder- und Jugendärzte zu unterstützen. Ohne rechtzeitige Impfung, so argumentiert der Ärztetag, führe ein erneuter Lockdown für Kinder zu „weiteren gravierenden negativen Folgen für die psychische Entwicklung“.

Die Bundesregierung stellte am Mittwoch klar, dass Impfungen nicht zur Voraussetzung für die Teilnahme am Unterricht werden. Über die konkrete Organisation und benötigte Impfdosen wollen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder an diesem Donnerstag bei einem erneuten „Impfgipfel“ beraten.

Gesundheitsminister Spahn: Impfangebot vor Sommerferien

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte bei RTL/ntv: „Der Impfstoff wäre dann, wenn die Europäische Arzneimittelagentur das macht, ein zugelassener Impfstoff auch für diese Altersgruppe.“ Schon vor Beginn der Sommerferien solle den ersten Kindern ein Impfangebot gemacht werden. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern streben an, allen Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren bis Ende August ein Impfangebot zu machen.

Virologe Hendrik Streeck hatte in Interviews zuletzt einerseits vor einer vierten Corona-Welle in Deutschland gewarnt*, andererseits hatte Streeck auch erklärt, dass die aktuell aufkommende sogenannte indische Coronavirus-Variante seiner Meinung nach nicht der Beginn der vierten Corona-Welle in Deutschland sei.

Video: Virologe Hendrik Streeck: Vierte Corona-Welle ist vermeidbar

Streeck verwies in diesem Zusammenhang auf die Wichtigkeit der weiteren Eindämmung der indischen Variante B.1.617 und auf das fortschreitende Impfen in Deutschland, aber auch auf die „Saisonalität von respiratorischen Viren“. Streeck prognostizierte, dass „die Zahlen in Deutschland zum Sommer hin weiter nach unten gehen werden“.

Damit sei aber noch nicht das Ende der Corona-Pandemie in Deutschland erreicht. „Man muss sich darüber klar sein, dass es irgendwann im Herbst wieder so sein kann, dass die Zahlen ansteigen“, sagte Corona-Virologe Hendrik Streeck im „n-tv“-Interview. „Da kann man ja jetzt die Sommermonate gut dafür nutzen, sich vorzubereiten, damit wir nicht mit einem Lockdown oder übermäßig darauf reagieren müssen.“

(mit dpa-Material)
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