Der Grebenhainer Chirurg und Unternehmer Dr. Lutz Helmig fordert ein Ende des Lockdowns, wenn die Pflegeheimbewohner geimpft sind.
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Der Grebenhainer Chirurg und Unternehmer Dr. Lutz Helmig fordert ein Ende des Lockdowns, wenn die Pflegeheimbewohner geimpft sind.

Exklusiv-Interview

Helios-Gründer Lutz Helmig: Corona-Lockdown kann bald enden - unter dieser Bedingung

  • Bernd Loskant
    vonBernd Loskant
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Dr. Lutz Helmig (74) gehört nicht zu denen, die die Gefahr durch das Coronavirus kleinreden. Insofern lassen seine Äußerungen im Exklusiv-Interview aufhorchen: Wenn die Pflegeheimbewohner geimpft sind, muss mit dem Corona-Lockdown Schluss sein, fordert der Grebenhainer Chirurg und Unternehmer.

  • Helios-Gründer Dr. Lutz Helmig gibt im FZ-Interview seine Einschätzung zur aktuellen Corona-Lage ab.
  • Er fordert ein Ende des Lockdowns, wenn die Pflegeheimbewohner geimpft sind.
  • Außerdem äußert sich Lutz Helmig zur Maskenpflicht - wie auch schon in einem vorherigen Interview.
Herr Dr. Helmig, wenn es nach der Regierung geht, soll möglichst die gesamte Bevölkerung geimpft werden. Dabei sagen Sie: Eine Corona-Impfung der Menschen unter 50 Jahren ist gar nicht dringlich. Wie kommen Sie darauf?
Ich habe die kumulierten Zahlen der Covid-19-Infektionen in Berlin seit dem Frühjahr 2020 analysiert. Sie sind informativer als die RKI-Zahlen. Nimmt man an, dass sich bei den milden Verläufen in der Altersgruppe der unter 50-Jährigen nur die Hälfte hat testen lassen, liegt das Risiko dieser Kohorte, an Corona zu sterben, bei 0,01 Prozent. Das ist einer von 10.000 Infizierten. Damit ist die Covid-19-Erkrankung auch für Menschen unter 50 zwar gefährlicher als eine Influenza-Infektion, aber das Sterberisiko liegt in der Größenordnung für einen erwachsenen Deutschen, bei einem Verkehrsunfall zu sterben. Ein Sterberisiko für Personen unter 50 Jahren, die an Covid-19 erkranken, ist wohl nur bei erheblichen Nebenerkrankungen gegeben. Eine besondere gesundheitspolizeiliche Beachtung benötigt diese Altersgruppe nicht. Kontaktverfolgungen sind hier unnötig und behindern die Durchseuchung dieser Altersgruppe.

Corona: Helios-Gründer Lutz Helmig findet, Corona-Lockdown kann enden - unter dieser Bedingung

Welche Erkenntnisse haben Sie über die Sterblichkeit älterer Corona-Patienten?
Bis zum 12. Januar 2021 sind in Deutschland 41.577 Patienten an oder mit Covid-19 verstorben. Der Altersmedian der Verstorbenen liegt bei 84 Jahren, die Hälfte oder 20.789 Verstorbene waren also älter als 84 Jahre. Circa 80 Prozent dieser über 84 Jahre alten Verstorbenen lebten in vollstationärer Pflege. Das waren dann 16.630 Heimbewohner. Der Altersmedian der ins Krankenhaus aufgenommenen Patienten lag bei 71 Jahren.
Also ist die Impfstrategie der Bundesregierung zumindest in ihrem Grundsatz, zuerst die Hochbetagten in Pflegeheimen gegen das Coronavirus zu impfen, richtig?
Die Impfung der über 80 Jahre alten Personen muss Vorrang haben und schnellstmöglich abgeschlossen werden. In diesem Punkt hat die Regierung richtig entschieden. Besonders gefährdet sind die Bewohner von Pflege- und Altersheimen. Es gibt aktuell 11.712 Einrichtungen, in denen rund 800.000 Menschen vollstationär gepflegt werden. Die Zahl der Heimbewohner ist niedriger und besser zu erfassen als die Zahl der Personen, die Kontakt mit diesen betreuten Älteren haben können.
Entgegen einer verbreiteten Meinung müssen wir nicht die im Gesundheitswesen oder in der Altenpflege Tätigen als erste impfen. Denn diese sind meist unter 60, und ihr Risiko eines schweren Krankheitsverlaufes ist gering.

Hinweis

Das Interview mit Dr. Lutz Helmig wurde im Vorfeld der jüngsten Bund-Länder-Beratungen geführt und ist am 19. Januar 2021 in der Printausgabe der Fuldaer Zeitung erschienen.

Lutz Helmig: Über-80-Jährige sollen zügig gegen Corona geimpft werden

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Sehen Sie durch die neuen Coronavirus-Mutationen eine Veränderung der Lage?
Die Mutanten des Sars-CoV-2-Virus sind infektiöser und beschleunigen so die Zahl der Neuinfektionen. Solange nicht alle über 80 Jahre alten Bürger geimpft sind, steigt durch neue Mutanten nach einer zeitlichen Verzögerung von 14 Tagen die Zahl der Verstorbenen auch dann, wenn die Mutanten zu leichteren Krankheitsverläufen führen sollten. Leichtere Verläufe reduzieren die Todesrate in Prozent, die höhere Ansteckungsrate aber erhöht die absolute Zahl der Verstorbenen pro Zeiteinheit. Panik ist nicht angezeigt, wenn man zügig die über 80-Jährigen impft.
Was bedeuten Ihre Erkenntnisse im Hinblick auf die strengen Corona-Maßnahmen, die heute womöglich nochmal verschärft werden?
Sobald die 800.000 Heiminsassen, die 80 Prozent der Toten über 84 Jahre ausmachen, die erste Impfung erhalten haben, können 21 Tage später Lockdown-Maßnahmen in Deutschland unterbleiben, da eine Überlastung des Gesundheitswesens nicht mehr zu befürchten ist. Dann können schon jetzt fragwürdige Anordnungen wie Rodeln und Skifahren ohne Après-Ski, die „15-Kilometer-Corona-Leine“, Ausgangssperren, Reisebeschränkungen und Schließen von Geschäften auf ihre Sinnhaftigkeit hin überprüft werden. Ausschließlich verhindert werden muss nach wie vor der ungetestete Kontakt zu, aber auch zwischen älteren Menschen, solange diese nicht geimpft sind. Es wird nur dann gefährlich, wenn jugendliche Infizierte mit Älteren in Aerosolwolken solange zusammenkommen, dass eine ausreichende Zahl an Viren – angeblich mindestens 5000 – übertragen werden kann.

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Wie bewerten Sie das System der 396 Corona-Impfzentren, die in den Kommunen eröffnet werden sollen?
Wenn es schnell gehen soll, sind behördliche Impfzentren ein Flaschenhals. Es gibt zum Beispiel keinen Grund, die Impfungen nur durch Ärzte ausführen zu lassen. Arzthelferinnen, Krankenschwestern und -pfleger, ambulante Pflegedienste können das genauso gut. Die unter 50-Jährigen impfen sich über die natürliche Ansteckung schneller als über die Impfaktionen des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Die über 50-Jährigen sollten sich um ihre Impfung aus Eigeninteresse intensiver kümmern.
Maxime des Handelns der Politik war immer, das Gesundheitssystem in der Corona-Pandemie nicht zu überlasten. Jetzt heißt es immer wieder, die Intensivstationen seien voll.
Eine Überlastung des Gesundheitssystems ist nicht eingetreten, aber sie wurde aufgrund der ansteigenden Neu-Infektionen nachvollziehbar befürchtet. Die Kapazität der Intensivstationen wird derzeit zu einem hohen Anteil von Covid-19-Patienten über 80 Jahren blockiert. Deren invasive Beatmung endet in 80 Prozent der Fälle tödlich, und das nach sehr langer Behandlungszeit. Nach Ansicht renommierter Pulmologen haben diese Patienten eine mindestens gleiche, wenn nicht bessere Überlebenschance ohne invasive Beatmung. Der Wegfall dieser ineffektiven und aufwendigen Therapie würde eine Überlastung des Gesundheitswesens nachhaltiger als der Lockdown verhindern. Wenn zuerst die 800.000 Heimbewohner geimpft werden, ist nach 21 Tagen – solange dauert der Aufbau der Immunisierung – mindestens die Hälfte der Intensivplätze frei. Unterlässt man zusätzlich die invasive Beatmung der über 80-Jährigen, ist dies noch schneller erreichbar.
Zieht die Politik die falschen Schlüsse aus Daten, die womöglich gar keine Relevanz besitzen?
Die Regierung ist sich sicher, dass nur ihre verschärften Lockdown-Maßnahmen Schlimmeres verhütet haben. Sie weiß nur nicht, welche ihrer Maßnahmen auf welche Weise gewirkt haben. Ihre Berater bestehen darauf, dass jegliche Minderung zwischenmenschlicher Kontakte der Schlüssel zum Erfolg sei. Diese Begründung geht von der Gleichwertigkeit jeden Kontaktes aus. So mathematisch verhält sich das Virus nicht. Kontaktdauer und Spreader-Intensität bestimmen die Ansteckungsgefahr; Alter, Geschlecht und die Immunlage bestimmen die Erkrankungswahrscheinlichkeit. Kontakte sind eben keine definierten und skalierbaren Einheiten, wie Virologen, Epidemiologen und Regierungsstellen fälschlicherweise annehmen. Kontakte zwischen jungen Menschen haben eine andere Gefährdung als die zu oder zwischen älteren Menschen.

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Was empfehlen Sie in der aktuellen Corona-Situation?
Es ist evident, dass das Sars-CoV-2-Virus und seine Mutanten nicht mehr ausgerottet werden können. Auch der schärfste Lockdown wird es nicht zum Verschwinden bringen, er kann die Zahl der Neuinfektionen mindern, aber nach seiner Aufhebung werden diese wieder zunehmen. Der Regierung kann ich nur empfehlen, sich den Realitäten zu stellen und sich von ihrem Mantra der „Dosiserhöhung“ der Lockdowns zu verabschieden. Wenn ein Medikament erkennbar nicht wirkt, nutzt keine Verdoppelung oder Verlängerung der Dosis, man muss dann die Behandlung ändern. Unsere Regierung braucht einen Plan B, der auf die bisherigen Erfahrungen reagiert.
Wie könnte dieser Plan B konkret aussehen?
Als Sofortmaßnahmen empfehle ich, Alten- und Pflegeheiminsassen vordringlich und rascher zu impfen. Darüber hinaus sollte es einen täglichen obligatorischen Schnelltest für Mitarbeiter in Pflegeheimen und auch Besucher geben. Zudem rate ich dringend, die „15-Kilometer-Corona-Leine“ aufzuheben, Bewegung im Freien zu erlauben und die Ausgehbeschränkungen von 6 bis 21 Uhr nicht zuzulassen.
Was ist mit dem Handel sowie Hotels und Gastronomie?
Geschäfte können unter den bekannten Abstands- und Hygieneregeln wieder öffnen. Restaurants und Hotels sollten im Hinblick auf die Aerosolfilterung überprüft und gegebenenfalls aufgerüstet werden – oder geschlossen bleiben.

Zur Person

Dr. Lutz Helmig ist Chirurg und Unternehmer. Der Grebenhainer ist Gründer der Helios Kliniken und hat damit eine Revolution in der Organisation von Kliniken in Deutschland durchgesetzt. Von 1994 bis 1999 war er geschäftsführender Gesellschafter der Helios Kliniken. Im Jahr 2000 zog er sich aus dem operativen Geschäft zurück. 2005 wurde das Unternehmen für 1,5 Milliarden Euro an den Gesundheitskonzern Fresenius SE verkauft. Schlagzeilen machte Helmig 2013, als er sämtliche Schulden seiner Heimatgemeinde Grebenhain beglich. 

Sollten Geimpfte Privilegien bekommen?
Ab Februar, spätestens März sollte meiner Ansicht nach wieder alles für Bürger unter 50 Jahre öffnen: Restaurants, Hotels mit einwandfreien Klimaanlagen, Theater, Opernhäuser und Kinos, auch der Reise- und Flugverkehr. Ältere haben nur Zutritt, wenn sie geimpft sind. Damit treffen Lockdown-Maßnahmen nur die wirklich Gefährdeten, nicht die ganze arbeitende Bevölkerung.
Können wir irgendwann sogar wieder auf Masken verzichten?
Die Maskenpflicht sollten wir im Winter in öffentlichen Verkehrsmitteln und öffentlichen Innenräumen beibehalten. Denn diese mindert auch die Influenza-Erkrankungen, wie derzeit festzustellen ist. Aber wir sollten auch die Bauvorschriften anpassen, was Aerosol-Filterung, Luftfeuchtigkeit, Feinstaubreduktion betrifft. Und wir sollten Bildungseinrichtungen endlich für den Fernunterricht fit machen und die Datenschutzbestimmungen praxistauglich gestalten.
Haben Sie Hoffnung, dass Ihre Worte zum Thema Coronavirus von der Politik erhört werden?
Medien und Bürger sollten die Landräte wöchentlich befragen, wie der Stand bei der Impfung der Senioren ist, wie viele Patienten über 80 Jahre auf den Intensivstationen liegen und beatmet werden. Wer bisher nur anordnete, muss jetzt liefern.

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