Folgen auf der Insel

Der Corona-Lockdown ermöglicht im Touristen-Hotspot Norderney auch Erholung für die Natur

  • Sebastian Reichert
    VonSebastian Reichert
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Auf dem sonst immer proppevollen Parkplatz Ostheller auf Norderney steht ein einziges Auto – notgedrungen. Der Fahrer wartet auf den Pannendienst. Auf der Ostfriesischen Inseln in Niedersachsen hat der Corona-Lockdown unterschiedliche Folgen.

Norderney - Nach der Beobachtung von 50 Seehunden kommen mir erst nach dreieinhalb Stunden Wanderung um das Ostende die ersten Menschen entgegen. In der über 220-jährigen Seebad-Geschichte dürfte es bisher sehr wenige Tage gegeben haben, in der keine Touristen auf Norderney waren.

Im ersten Lockdown war das in der Vorsaison 2020 für 56 Tage der Fall. Seit dem 2. November ist es bis heute durchgehend so. In einigen Modellregionen Schleswig-Holsteins wurde das Beherbergungsverbot nun aufgehoben: zum Beispiel auf Sylt. Welche Folgen hat der Corona-Lockdown aber auf der 6000-Einwohner-Insel Norderney, die vom Tourismus lebt?

Der Corona-Lockdown ermöglicht im Touristen-Hotspot Norderney auch Erholung für die Natur

Christian Winderlich ist Mitinhaber der Surfschule Norderney. „Wir starten immer am 15. März in die Saison. 2020 konnten wir nach einem Tag direkt wieder schließen“, erinnert sich der gebürtige Norderneyer. Zwei Surflehrern vom Stammteam musste die Schule kündigen, einer ging in Kurzarbeit. „Im Sommer 2020 war es dann so voll, dass wir der Nachfrage teilweise nicht mehr nachkommen konnten.“

Die Einhaltung der Hygieneregeln sei indes kein Problem, erzählt der Mitinhaber der nach eigenen Angaben größten Surfschule in Deutschland. „Wenn man den Abstand von zwei Mastlängen nicht hält, hat man automatisch ein anderes Problem als Corona“, weiß Winderlich. Denn die Surfbretter sind drei Meter lang, die Masten vier Meter hoch.

„Zusätzlich haben wir den großen Vorteil, dass wir an der frischen Luft sind und dass das Salzwasser die Neoprenanzüge desinfiziert“, sagt der Insulaner, dessen Surfschule in der Hochsaison bis zu 100 Surfer am Tag unterrichten kann. Im Worst-Case-Szenario bliebe die aktuell gültige Kontaktregel bis zum Saisonende am 15. Oktober bestehen. „So können wir nur 10 Personen am Tag bedienen. Das deckt in keiner Weise die Kosten.“

Bilderstrecke: Corona-Lockdown ermöglicht im Touristen-Hotspot Norderney auch Erholung für die Natur

Ein Touristen-Magnet auf Norderney: Zum Leuchtturm der Insel kommen im Corona-Lockdown nur sehr wenige Besucher, hauptsächlich Kurgäste.
Ein Touristen-Magnet auf Norderney: Zum Leuchtturm der Insel kommen im Corona-Lockdown nur sehr wenige Besucher, hauptsächlich Kurgäste. © Sebastian A. Reichert
Blick von den Dünen im Osten der Insel Norderney am Parkplatz Oase auf die offene Nordsee.
Blick von den Dünen im Osten der Insel Norderney am Parkplatz Oase auf die offene Nordsee. © Sebastian A. Reichert
Die ungefähr 50 Seehunde am Ostende von Norderney leben im Corona-Lockdown auf ihrer Sandbank fast ungestört.
Die ungefähr 50 Seehunde am Ostende von Norderney leben im Corona-Lockdown auf ihrer Sandbank fast ungestört. © Sebastian A. Reichert
Tolle Dünen-Motive zeigen sich auf den Insel Norderney im Corona-Lockdown.
Tolle Dünen-Motive zeigen sich auf den Insel Norderney im Corona-Lockdown. © Sebastian A. Reichert
Blick vom Dünensender auf die Insel Norderney: Kein Mensch ist an den Ostertagen unterwegs.
Blick vom Dünensender auf die Insel Norderney: Kein Mensch ist an den Ostertagen unterwegs. © Sebastian A. Reichert
Wenn nicht gerade Corona-Lockdown ist, pilgern die Touristen geradezu zum Wrack am Ostende von Norderney.
Wenn nicht gerade Corona-Lockdown ist, pilgern die Touristen geradezu zum Wrack am Ostende von Norderney. © Sebastian A. Reichert
Norderney ist nach Borkum die zweitgrößte Ostfriesiche Insel. 85 Prozent der Inselfläche gehören zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer.
Norderney ist nach Borkum die zweitgrößte Ostfriesiche Insel. 85 Prozent der Inselfläche gehören zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer.  © Sebastian A. Reichert
Sabine und Gerwin Harms betreiben direkt auf Norderney an den Dünen einen Reiterhof und einen Campingplatz mit 60 Plätzen.
Sabine und Gerwin Harms betreiben direkt auf Norderney an den Dünen einen Reiterhof und einen Campingplatz mit 60 Plätzen.  © Sebastian A. Reichert
Christian Winderlich ist Mitinhaber der Surfschule Norderney, in der bis zu 100 Menschen am Tag das Surfen lernen.
Christian Winderlich ist Mitinhaber der Surfschule Norderney, in der bis zu 100 Menschen am Tag das Surfen lernen. © Sebastian A. Reichert
Dr. Valeria Bers ist Leiterin des Besucherzentrums „Watt Welten“ und gewinnt dem Corona-Lockdown auch positive Seiten für Norderney ab.
Dr. Valeria Bers ist Leiterin des Besucherzentrums „Watt Welten“ und gewinnt dem Corona-Lockdown auch positive Seiten für Norderney ab.  © Sebastian A. Reichert

Am anderen Ende der Insel betreiben Sabine und Gerwin Harms direkt an den Dünen im letzten Haus auf Norderney auf der „Domäne Tünnbak“ einen Reiterhof mit einem kleinen Campingplatz mit 60 Plätzen. „Nach der anfänglichen Angst, was auf einen zukommt, haben viele Norderneyer den kleinen Lockdown im Frühjahr 2020 auch etwas genossen“, erinnert sich Gerwin Harms.

Die Corona-Lage und der Tourismus auf Norderney

Corona und die Insel Norderney: Am 11. März wurde eine Insulanerin positiv getestet, worauf der Zugang für Touristen bis zum 10. Mai verboten wurde. Hintergrund: Im Insel-Krankenhaus gibt es nur ein Intensivbett mit Beatmungsgerät. Bislang starben auf Norderney acht Menschen im Zusammenhang mit Corona – vor allem nach einem Ausbruch Anfang Februar in einem Seniorenheim. Seit dem 2. November besteht ein Beherbergungsverbot für Touristen.

Tourismus und Norderney: 2019 zählte das Staatsbad Norderney 3,8 Millionen Übernachtungen. 2020 waren es im ältesten Nordseeheilbad fast eine Million Übernachtungen weniger – obwohl von Mitte Mai bis Ende Oktober mehr Touristen als üblich kamen.

Mittlerweile sehe es anders aus. „Ob Handwerker, Einzelhandel oder Gastronomie – die Insel lebt vom Tourismus. Als Norderneyer leidet man mit“, berichtet Gerwin Harms. Ein Kindergarten-Freund des 54-Jährigen ist nach vierwöchigem Todeskampf mit einer Corona-Infektion gestorben. „Da macht man sich Gedanken“, sagt der gebürtige Norderneyer. „Wir hoffen trotzdem, dass es spätestens Mitte Mai wieder losgeht. Sonst wird es sehr schwierig.“

Beim Blick auf den Lockdown ist Dr. Valeria Bers zwiegespalten. „Aus wirtschaftlicher Sicht wünsche ich mir eine baldige Öffnung. Für die Natur würde ich mir aber was ganz anderes wünschen“, sagt die Leiterin des Besucherzentrums „Watt Welten“, die „eine Form von „Overtourism“ beobachtet. „Der Lockdown ist für die Natur sehr erholsam.“ 85 Prozent der Insel gehören zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. 

Die Corona-Lage und der Tourismus auf Norderney

Das „MOIN“-Öffnungskonzept auf Norderney: Mitte April ist die „Machbarkeitsanalyse der Ostfriesischen Inseln für einen sicheren touristischen Neustart“ (MOIN) vorgestellt worden. Aufgrund der besonderen Insel-Lage biete sich demnach die Region als „Reallabor“ an. Das Konzept sieht eine umfassende Teststrategie für die Insulaner und Übernachtungsgäste vor.

Virtuelle Wattwanderung und Job-Angebote auf Norderney: Auf dem YouTube-Kanal des Besucherzentrums „Watt Welten“ kann virtuell eine Wattwanderung unternommen werden. In zehn Videos wird jeweils ein Watt-Organismus vorgestellt. Die Surfschule Norderney ist optimistisch und sucht für den kommenden Sommer noch Lehrer. Informationen gibt es im Internet unter surfschule-norderney.de. 

Vor allem bedrohte Strandbrüter – wie der Sandregenpfeifer (2020: 13 Brutpaare gezählt) und die Zwergseeschwalbe – werden sonst häufig durch Touristen auf Norderney gestört. Von der Zwergseeschwalbe registrierte der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz 2020 auf Norderney 108 Brutpaare – über 80 Paare mehr als im Schnitt in den zehn Jahren davor. 

Rubriklistenbild: © Sebastian A. Reichert

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