Björn Both sorgt sich um seine Kollegen in der Musikbranche
+
Björn Both sorgt sich um seine Kollegen in der Musikbranche

Sänger im Interview

Santiano-Frontmann kritisiert Politik: Großteil unserer Branche wird in Corona-Zeiten im Stich gelassen

  • Anne Baun
    vonAnne Baun
    schließen

Björn Both (56), Frontmann der Folk-Rocker von Santiano, macht seinem Corona-Ärger Luft, berichtet vom neuen Album, das im Oktober erscheint, und verrät, ob er sich impfen lässt. 

Fulda - Ein Jahr Corona: Was bedeutet das für die Kulturszene? Wir haben bei Künstlern, Veranstaltern und Museumsleitern mal nachgefragt. Heute im Interview: Santiano-Frontmann Björn Both.

Herr Both, welche Emotionsstadien haben Sie im vergangenen Jahr durchlaufen?
So ziemlich alle. Angesichts der Tatsache, dass wir im Begriff waren, auf Tournee zu gehen und wochenlang vorher mit Orchester und einem Riesenaufgebot an Leuten und Technik gearbeitet haben, war da zunächst eine gewisse Leere, Niedergeschlagenheit. Und natürlich auch Sorge vor dem, was da nun auf uns alle zukommt. Aber ziemlich schnell richtete sich der Blick auf das große Ganze. 
Das heißt?
Für uns war klar: Diese Krise erwischt andere Künstler – und vor allem alle Soloselbstständigen der Branche, wesentlich härter als uns persönlich. Da kam dann so eine gewisse Motivation auf, sich in dieser und auch anderen Angelegenheiten zu engagieren. Das hatte eine gute Energie, mal zu gucken, wo man gebraucht wird. Sogar die gute alte Zuversicht hat sich kurz blicken lassen. Die leise Hoffnung, den Stillstand des Systems zu nutzen, um grundlegende Veränderungen vorzunehmen. Mittlerweile ist klar, dass diese Zuversicht unangebracht war. Und dann kann man sicher auch von leichter Wut sprechen, wenn man gesehen hat, und leider immer noch sieht, wie die Politik einen Großteil unserer Branche im Stich lässt und damit der Kulturbetrieb selbst im Begriff ist, vor die Hunde zu gehen.

Ein Jahr Corona - Björn Both im Interview: „Politik lässt Großteil unserer Branche im Stich.“

Finden Sie, dass Friseure in der Krise mehr Aufmerksamkeit bekommen als Künstler?
Ich kann nicht beurteilen, wie viel Aufmerksamkeit die Friseure bekommen haben. Wer meine Frisur kennt, ahnt, dass ich zu Friseuren im allgemeinen nicht viel sagen kann. Aber ich gönne jedem Friseur, dass er den Laden aufmachen kann. Ob das allerdings eine gute Idee ist, wage ich zu bezweifeln, erst recht, wenn gleichzeitig der Masseur nebenan geschlossen bleiben muss. Ansonsten ist der Vergleich etwas unzulässig. Eine Großveranstaltung und ein kleiner Laden sind ja schon zwei Paar Schuhe. 
Also lieber Vorsicht statt Volldampf?
Ich gehöre nicht zu denjenigen, die die Türen sofort aufreißen wollen. Im Gegenteil. Du findest in der ganzen Branche kaum jemanden, der sich hinstellt und sagt: Jetzt aber wir. Und diese Einsicht zieht sich durch die gesamte Krise. Wir waren als Erstes raus und werden als Letztes wieder drin sein. Umso schwieriger ist zu verstehen, dass es für all unsere Kollegen ohne großes Fettpolster, unsere Techniker, all die anderen Soloselbständigen so problematisch ist, an entsprechende Hilfen zu kommen.

Björn Both: Wenn Politik so vertrauenswürdig wäre, bräuchten wir dann Fridays for Future oder Greenpeace?

Verliert man als Musiker das Vertrauen in die Politik?
Vertrauen finde ich großartig. Ich liebe es zu vertrauen. Ich bin viel zu faul, misstrauisch zu sein, alles kontrollieren zu wollen. Argwohn als Prinzip ist ein schlechtes Lebensgefühl. Aber Politik ist wie das Meer. Und wer dem Meer vertraut, kennt es nicht. Und doch ist Vertrauen die einzige Währung, die Politik hat. Darauf beruht letztlich das ganze Prinzip, dass wir Menschen sie als tüchtig erachten, unsere Geschicke zu lenken, und sie dann wählen. Ich vertraue dem Prinzip Demokratie mit all ihren Möglichkeiten, sich selbst zu kontrollieren. Aber das ist nur die Mechanik. Alle handelnden Protagonisten leben von einem Vertrauensvorschuss, dem sie permanent gerecht werden müssen. Wie auch jetzt in der Corona-Krise; was da mittlerweile stattfindet, grenzt zuweilen an fortgesetzten Universal-Dilettantismus. Und mal ehrlich: Wenn Politik so vertrauenswürdig wäre, bräuchten wir dann Fridays for Future oder Greenpeace? Müssten wir dann die Bilder aus dem Mittelmeer sehen, aus den Flüchtlingscamps? Bräuchten wir dann die unzähligen NGOs auf der ganzen Welt, die, oft auf aussichtslosem Posten, die Arbeit machen, der sich Politiker und Regierungen weltweit nicht stellen? 
Hui, das ist jetzt mal ein Übergang: Santiano sitzen seit einem Jahr auf dem Trockenen. Wie schwer ist es, in solch einer Situation produktiv zu bleiben?
Ach, so sehr auf dem Trockenen sitzen wir gar nicht. Jetzt aktuell ist ja die Wellerman-Single am Start, die wir mit Nathan Evans aufgenommen haben. Herrlich, wie der Junge weltweit die Charts damit aufgemischt hat. Und sehr cool, dass wir ihn für ein gemeinsames Projekt gewinnen konnten. Zur laufenden Diskussion, dass es unredlich sei, einen Shanty über den Walfang zu singen, sagen wir: Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint. 

Video: Experten legen Plan für Öffnungskonzept für Kultur und Sport in der Corona-Pandemie vor

Okay?
Die Erlöse aus dem Merchandise gehen komplett an Sea Shepherd – eine Organisationen, die wir schon lange unterstützen und die das Abschlachten der Wale stoppen will. Sowas lieben wir und für so etwas steht Santiano. Einfach die Energie um 180 Grad drehen. Darüber hinaus haben wir in der Zeit ein komplettes neues Santiano-Album produziert, welches im Oktober 2021 erscheint. Titel: „Wenn die Kälte kommt“. 
Also waren Santiano als Kollektiv beschäftigt. Und jeder einzelne von Ihnen?
Wir haben jeder für sich andere Dinge, die lange herumlagen, wieder angefasst. Und wir haben zusammen mit der Landesregierung von Schleswig-Holstein ein tolles millionenschweres Unterstützungsprogramm für Kunst und Kultur in Schleswig-Holstein auf die Beine gestellt, welches von anderen Bundesländern leider nicht kopiert wurde. Was wir allerdings nicht gemacht haben, ist, Online- beziehungsweise Auto-Konzerte und so ein Zeugs zu spielen. Das ist nicht so unsere Welt. Da gibt es dann andere Aspekte im Leben, die in den Vordergrund treten. Wir definieren uns alle nicht ausschließlich als Künstler, die sofort nervös werden, wenn sie mal ein halbes Jahr nicht auf eine Bühne können. Im Gegenteil. Ein klein wenig konnte man dem Durchatmen schon abgewinnen. Doch so langsam fehlt auch uns die Bühne, die Reflexion, der Spiegel, der Vollkontakt mit denen, die uns lieben. Auf der Bühne genauso wie im Leben.

Lesen Sie hier: „Ich gucke Fußball und beobachte Vögel“: Tobias Sammet über Corona, das neue Avantasia-Album und Günter Netzer

Santiano-Sänger verrät, ob er sich gegen Corona impfen lässt

Was halten Sie von dem Vorschlag von Eventim, nur noch Geimpfte bei Veranstaltungen zuzulassen?
Naja, spätestens dann, wenn nur noch die da sind, die nicht wollen, leuchtet das durchaus ein. Auch nur einen Tag früher praktiziert, wäre das höchst unmoralisch. Bei denen, die wollen, aber aus anderen Gründen nicht können, ist das sicher nochmal anders zu bewerten. Aber wir reden hier ausschließlich über Business. Denn mal ehrlich: Wenn jetzt irgendwo ein paar geimpfte Achtzigjährige einen drauf machen wollen, würde ich sogar die Kiste Bier vorbeibringen und die Musik bezahlen. Es sei ihnen aufs Allerherzlichste gegönnt.
Lassen Sie sich impfen?
Ich kann verstehen, dass da viele Fragen sind. Aber darauf gibt es sehr gut publizierte Antworten. Ich hätte mir auch gewünscht, dass man mit gleicher Akribie auch die Entwicklung eines guten Medikaments vorangetrieben hätte. Doch im Gegensatz zu den Impfgegnern halte ich das Impfen generell für eine der größten medizinischen Errungenschaften. Ich muss jetzt nicht darauf verweisen, wie viele Menschenleben schon dadurch gerettet wurden. Mal im Ernst: Wer sich damit mal wirklich auseinandersetzt, wird sehen, dass viele der geschürten Ängste so nicht begründet sind. Damit will ich nicht abstreiten, dass es in Einzelfällen Komplikationen geben kann. Wie bei allen Impfungen. Ja – ich lass mich impfen. Weil es die einzige Möglichkeit ist, zu einer Normalität zurückzukehren, in der ich den Job machen kann, den ich liebe. Punkt!

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema