Ärztin aus der Corona-Modellstadt Tübingen: Lisa Federle.
+
Ärztin aus der Corona-Modellstadt Tübingen: Lisa Federle.

Inzidenz hoch

Corona-Modellprojekt in Tübingen steht auf der Kippe: Initiatorin Lisa Federle nimmt Stellung

  • Ann-Katrin Hahner
    vonAnn-Katrin Hahner
    schließen
  • Lea Marie Kläsener
    Lea Marie Kläsener
    schließen

Das Corona-Modellprojekt in Tübingen steht auf der Kippe. Lisa Federle hat die Schnelltest-Strategie entwickelt. Sie sieht Impfungen und Lockdowns nicht als einzigen Ausweg aus der Coronavirus-Pandemie.

Tübingen/Fulda - Obwohl ein Besuch in Tübingen zeigt, dass das Corona-Modellprojekt mit den Schnellstests auch Gefahren birgt, setzen viele Deutsche ihre Hoffnung in der Corona-Pandemie auf ihre Idee: Doch Notärztin Lisa Federle selbst ist bereit, das Tübinger Modellprojekt „Öffnen mit Sicherheit“ jederzeit zu kippen.

Frau Federle, Sie sind als Initiatorin des Modellprojekts im Moment sehr gefragt. Wer ruft Sie an?
Ich werde dauernd kontaktiert. Ich komme da eigentlich nicht mehr hinterher. Am Tag habe ich Hunderte Anfragen von Städten oder Unternehmen aus ganz Deutschland. Aber es melden sich auch Leute, die verzweifelt sind – und Gegner des Projekts. Und viele, die mir danken.

Corona in Tübingen: Lisa Federle hat die Schnelltest-Strategie entwickelt - Modell auf der Kippe

Wie viele kostenlose Schnelltests werden pro Tag in Tübingen durchgeführt?
Etwa 8000 – und circa einer von 1000 fällt positiv aus.
8000 Tests – das ist sicher nicht ganz günstig.
Das Testen kostet zwischen 100.000 und 150.000 Euro pro Tag. Und wir reden nur von der Stadt Tübingen – das ist schon teuer. Ein Schnelltest kostet den Staat 15 Euro.
Zu Beginn Ihrer Idee hat der Staat das aber noch nicht finanziert.
Ja, anfangs habe ich Spenden gesammelt, um das Schnelltestprojekt in Tübingen zu starten. Daraus ist die Modellregion entstanden – es ist also nicht das Palmer-Projekt, sondern das von mir.
Wie hat sich denn die Inzidenz in der Stadt entwickelt?
Die geht aktuell hoch, das können wir nicht verhindern. Wenn man so viel testet, steigt am Anfang natürlich die Rate der Positiven. Aber auf Dauer geht sie runter. Wir waren der erste Landkreis in Baden-Württemberg, der unter einer Inzidenz von 50 lag – trotz der vielen Tests. Klar ist: Je mehr Infizierte ich rausziehe, desto weniger Ansteckung habe ich. Wir haben in Tübingen garantiert die niedrigste Dunkelziffer in ganz Deutschland.
Nun ist Tübingen ja nur ein Modell. Kann man die Strategie in der ganzen Bundesrepublik anwenden? In Hessen ist jetzt unter anderem Alsfeld als Corona-Modellregion ausgewählt worden.
Die Gesellschaft ist gespalten. Die einen wollen alles dicht machen, für die anderen geht es so nicht mehr weiter. Ich halte beide Positionen für schwierig. Die Pandemie in den Griff zu kriegen, indem man alles schließt, ist eine Illusion. Wir haben an Weihnachten gesehen, dass das nicht funktioniert. Deshalb sage ich: Erstmal testen, testen, testen, damit es wenigstens eine gewisse Sicherheit gibt. Man muss jetzt damit anfangen.

Corona in Tübingen - Lisa Federle sagt: „Nicht mit dem Kopf durch die Wand“

Wie soll das konkret aussehen?
Die Kommunen müssen mit kleinen Testzentren anfangen und die Menschen schulen, sich selbst zu testen. Das muss in das Bewusstsein der Leute übergehen wie Zähneputzen. Sie müssen lernen, selbst Verantwortung zu übernehmen.
Tübingens Status als Modellregion zieht zahlreiche Besucher an. 
Deshalb haben wir vergangenes Wochenende nach 3000 Leuten Schluss gemacht, und an Ostern haben wir die Stadt komplett für Besucher von außerhalb gesperrt. Es kann ja nicht sein, dass die Tübinger selbst gefährdet sind.
Aber am vergangenen Wochenende haben sich in der Stadt vermehrt Grüppchen gebildet, auch Alkohol war ein Problem. Das birgt doch Gefahren für die Einheimischen.
Natürlich. Mein Projekt ist entstanden, damit die Menschen ihr Leben ohne Angst gestalten können. Für mich ist ganz klar, dass ich meine schützende Hand über Tübingen halte werde. Ich will nicht mit dem Kopf durch die Wand und sagen: Egal, was passiert, dieses Projekt wird durchgezogen. Ganz sicher nicht.

Hintergrund: Tübinger Modell

Seit dem 16. März dürfen in Tübingen Außengastronomie und Einzelhandel für Kunden mit Tübinger Tagesticket öffnen .Das Landesmodellprojekt soll untersuchen, inwieweit Schnelltests Öffnungen sinnvoll begleiten können. Bei der Umsetzung arbeitet die Stadt Tübingen mit dem Deutschen Roten Kreuz im Landkreis zusammen.

Das Universitätsklinikum übernimmt die wissenschaftliche Begleitung. Das Tagesticket gibt es in Papier-Form oder als Armband mit QR-Code, der beim Abscannen das Ergebnis anzeigt. Es bescheinigt einen negativen Corona-Schnelltest vom selben Tag. Der Test ist für die Bürger kostenlos. 

Stichwort schützende Hand: Was wäre denn der Punkt, an dem Sie das Projekt beenden würden? Machen Sie das an der Inzidenz fest?
Nein, das ist komplexer. Mir ist das Wichtigste, die Bürger in Tübingen zu schützen. Wenn die Intensivstationen zu voll werden, dann müssen wir aufpassen. Ich will Menschenleben retten und keine gefährden.
Also verspüren Sie keinen Druck, dass Ihr Projekt bei zu hoher Inzidenz eingestellt werden könnte?
Wir müssen es probieren, um den Menschen zu zeigen, dass es einen anderen Weg gibt. Selbst wenn es nicht funktioniert, wäre das Öffnungsprojekt trotzdem ein Erfolg. Denn die Leute sehen: Wir haben es versucht – es geht eben nicht. Allein die große Diskussion ums Testen ist wahnsinnig viel wert. Wie man das dann umsetzt – da bin ich völlig offen. Ich finde es gut, dass endlich erkannt wird: Man kann sich nicht ausschließlich aufs Impfen verlassen. Was ist denn, wenn die Impfungen nicht wirken?

Video: Freiheit durch Freitesten: So geht Tübingen mit der Pandemie um

Sie spielen auf Mutationen an.
Genau. Und außerdem weiß bislang noch keiner, ob und wann man noch einmal geimpft werden muss. Und ob Geimpfte andere anstecken können, ist auch noch nicht geklärt.
In Hessen wollten fast 100 Städte und Gemeinden Modellregion werden – darunter auch Fulda. Brauchen die Menschen jetzt mehr Freiheit?
Man muss abwägen. Und das ist sehr schwierig. Auf der einen Seite können Öffnungen Menschenleben kosten – und auf der anderen Seite kann ein Lockdown indirekt Menschenleben gefährden. Beispielsweise bei jungen Menschen, die depressiv werden oder Menschen, die ihre Existenz verlieren, Menschen, die zunehmend verzweifelt sind und Ängste entwickeln. Das sind Schäden, die übermorgen nicht einfach weg sind.

Hintergrund: Das Corona-Modellprojekt Tübingen steht auf der Kippe

Angesichts steigender Infektionszahlen steht das Modellprojekt in Tübingen, das eigentlich bis zum 18. April laufen sollte, vor einem vorzeitigen Aus .In der Stadt Tübingen steigt seit Beginn des Modellprojekts die Sieben-Tage-Inzidenz. Sie knackte am Donnerstag, 1. April, mit 110,4 die 100er-Marke. Am Samstag gab das RKI eine Inzidenz von 136,0 für den Landkreis Tübingen an.

Die Stimmen, das Projekt vorzeitig zu beenden, werden lauter. Florian Mader, Pressesprecher im Sozialministerium von Baden-Württemberg, erklärt unserer Zeitung dazu auf Anfrage: „Sollte Tübingen weiterhin steigende Inzidenzen haben und stabil auf die 100 zugehen beziehungsweise diese Marke pro 100.000 Einwohner sogar überschreiten, muss geprüft werden, inwieweit das Projekt ausgesetzt werden muss.“

Modellversuche in anderen Städten legt das Land auf Eis: „Mitten in der dritten Pandemie-Welle denken wir momentan nicht an die Ausweisung weiterer Modellprojekte“, erklärt Mader. Mehr als 50 Kommunen, Landkreise und Regionen hatten beim Ministerium einen Antrag auf Öffnungen mit Schnelltests gestellt.

Bundesweit hatte das Tübinger Modell Kritik ausgelöst. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach etwa forderte einen Stopp des Versuchs. „Sie geben das falsche Signal“, schrieb er am Mittwoch auf Twitter. „Testen statt Lockdown“ sei ein Wunschdenken .Auf Facebook reagierte Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) am Freitag: „Es ist eindeutig zu früh, um das Scheitern des Versuchs zu erklären oder den Abbruch zu fordern.“

Er sehe keinen Hinweis darauf, dass das Modell die Virus-Ausbreitung beschleunigt hätte. „Es bewegt sich alles in einem Korridor, den man mit dem allgemeinen Infektionsgeschehen erklären kann.“ Zuvor hatte Boris Palmer wegen des großen Zustroms von auswärtigen Gästen und der steigenden Corona-Zahlen die Reißleine gezogen: Ab Gründonnerstag bekamen nur noch Tübinger ein Tagesticket.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema