Prof. Dr. Hendrik Streeck schlägt im Interview mit der Fuldaer Zeitung ein Corona-Ampelsystem vor.
+
Virologe Hendrik Streeck möchte bei der Pandemiebekämpfung mehr als einen Faktor mit in den Blick nehmen.

Kritik an Politik

Corona: Virologe Hendrik Streeck plädiert für Änderung der Strategie - Stufenplan und mehr Forschung

  • vonMarius Scherf
    schließen

Der Corona-Experte Hendrik Streeck spricht bei „Stern TV“ (RTL) über neue Corona-Beschlüsse. Der Experte plädiert für einen Stufenplan beim Thema Öffnungen, denn „er gibt den Menschen Perspektive und Planbarkeit.“

Fulda - Bund und Länder haben sich mit den neuen Corona-Beschlüssen gegen einen Stufenplan entscheiden, bei dem sich Öffnungen des öffentlichen Lebens, aber auch erneute Schließungen, nicht länger nur an der 7-Tage-Inzidenz orientieren, sondern am Erreichen bestimmter Etappen.

Der Virologe und Leiter der Corona-Studie in Heinsberg, Professor Hendrik Streeck, kann nicht verstehen, warum ein solches Konzept noch immer nicht in Erwägung gezogen wird. Er sagte im Talk bei „Stern TV“ (RTL) am Mittwoch, 10. Februar: „Er gibt den Menschen Perspektive und Planbarkeit“. Ein Stufenplan habe nicht nur die Inzidenz-Werte im Blick, sondern auch andere Faktoren, wie den R-Wert und die Zahl der belegten Intensivbetten. Nach diesen verschieden Faktoren könnte man Korridore fassen, in denen verschiedenen Maßnahmen greifen könnten. Moderator Steffan Hallaschka spricht von einem feiner justierten „Gas-Bremssystem“ beim Thema Öffnungen.

Corona: Virologe Hendrik Streeck kritisiert Beschlüsse und fordert Stufenplan

Der Corona-Lockdown wurde bis zum 7. März verlängert. Friseure dürfen unter Coronavirus-Hygienemaßnahmen ab März wieder öffnen, über Schulen und Kitas entscheiden die Länder. Einzelhandel und Museen folgen erst ab einer Inzidenz von 35. Am dritten März soll wieder beraten werden.

NameProf. Dr. med. Hendrik Streeck
Geburtsdatum7. August 1977 (in Göttingen)
MedizinstudiumHumboldt-Universität (Charité – Universitätsmedizin Berlin), Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
FacharztMikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie
AnstellungUniversitätsklinikum Bonn
ForschungsschwerpunkteHIV, Covid-19

Bund und Länder zeigen sich beim Thema Öffnungen eher vorsichtig. Ein Grund dafür könnten die Coronavirus-Mutationen aus England und Südafrika sein. RTL-Moderator Hallaschka wollte von Streeck wissen, ob die Virus-Mutanten die bisherigen Erfolge im Kampf gegen die Corona-Pandemie bedrohen. Streeck antwortete: „Die Mutation scheint besser übertragbar zu sein.“ Der harte Lockdown in England zeige jedoch auch, dass sich Infektionsraten auch bei Mutanten drücken ließen. „Im Grunde fehlen Studien, die beweisen, dass es eine beschleunigte Übertragbarkeit gibt.“ Hallaschka bilanziert: „So müssen die Minister in der Unsicherheit Entscheidungen treffen und bleiben lieber auf der sicheren Seite.“

Virologe Hendrik Streeck fordert intensivere Corona-Forschung

Das Coronavirus genau zu verstehen, fällt auch heute noch schwer - etwa im Hinblick auf den Verlust des Geschmacksinns: „Wir konnten nicht klären, woran es liegt.“ Der Virologe wurde unter anderem für seine These bekannt, dass wir lernen müssten, mit dem Virus zu leben. Nun bekräftigte er seine Position: „Corona wird sich nicht ausrotten lassen. Wir müssen pragmatischen Strategien und Lösungsansätze entwickeln, ohne dass es zu schweren Ausbrüchen kommt und viele Menschen sterben.“

Streeck bedauert im Laufe der TV-Show, dass es in vielen Bereichen bisher nicht genug geforscht worden sei. Als Beispiel führt er an, dass bis heute durch Studien nicht erforscht sei, wie viele Ansteckungen bei einem Restaurantbesuch zusammenkommen. Um das organisatorisch zu stemmen, bedürfe es eigentlich eines Forschungskoordinators, den die Regierung einsetzt. „Wir brauchen eine Art Auftragsforschung für das ganze Volk“, sagt der Corona-Experte.

Das denkt Hendrik Streeck über die Corona-Lockerungen in Österreich

Bei vielen Menschen sinkt die Geduld bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Österreich hat sich am Montag bereits für größere Lockerungen entschieden - trotz einer Inzidenz von 100. Schüler testen sich etwa selbst und dürfen wieder in die Schule. Der Einzelhandel öffnet, aber es herrscht eine FFP2-Maskenpflicht. Gleichzeitig wurden die Grenzkontrollen verschärft.

Taugt Österreich als Vorbild für Deutschland? Da winkt der Virologe eher ab: „Mich hat es überrascht, dass Österreich das bei diesen Inzidenzwert schon macht.“ „Das Problem ist, wir wissen nicht, wie gut solche Strategien funktionieren.“ Der österreichische Weg sei ein Versuch. Streeck findet zumindest, dass vermehrtes Testen ein guter Weg sei, um sich mehr Klarheit über das Infektionsgeschehen zu verschaffen.

Video: Schleswig-Holstein legt Corona-Stufenplan vor

Seit einem Jahr grassiert das Coronavirus nun schon in Deutschland. In diesem Jahr hat sich viel verändert, und neue Erkenntnisse mussten immer wieder noch neueren weichen. Hendrik Streeck gibt im „Stern TV“-Talk mit Steffen Hallschka auf RTL zu, dass jeder Virologe einmal Fehler gemacht hat, aber: „Das ist der Prozess der Wissenschaft.“ Streeck machte das anhand des Beispiels Corona-Masken deutlich: Fand der Experte zunächst, dass Alltagsmasken wenig Sinn ergeben, hätten ihn Studien eines besseren belehrt. „Damit lag ich falsch“, sagt er.

Doch weiter steht er zu seiner Aussage, dass sich Deutschland in einer Dauerwelle befinden. „Schauen wir uns die Verläufe anderer Coronaviren an, sehen wir, dass es immer im Herbst und Winter zu einem Anstieg bei den Infizierten kommt.“ Das Virus werde bleiben, und es werde immer wieder zu Ausschlägen kommen.

Das könnte Sie auch interessieren