Lungenkrankheit

Coronavirus legt China lahm

Normalerweise sind Pekings U-Bahnen brechend voll – nun sind die Züge beinahe leer. Überhaupt ist das öffentliche Leben in Chinas Hauptstadt zum Stillstand gekommen. Aus der Ruhe bringt das dennoch nicht jeden.

  • WHO ruft wegen Coronavirus „internationale Notlage“ aus
  • In China verbreitet sich das Coronavirus immer schneller
  • Das öffentliche Leben steht still

Nur wenige Stunden nachdem die Weltgesundheitsorganisation eine „internationale Notlage“ ausgerufen hat, genießt Cherie Liu den Freitagabend. Sie sitzt mit Freunden beim Nobel-Italiener im Penkinger Ausgehviertel Sanlitun. Kellnerinnen mit schwarzen Masken im Gesicht servieren Rotwein und Pizza mit Büffelmozarella.

„Jetzt flippen die Leute aus und kaufen Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel ohne Ende. Vor wenigen Wochen wussten viele nicht einmal, was ‚Quarantäne‘ überhaupt bedeutet“, sagt die 32-Jährige. Die meisten ihrer Freundinnen würden sich in eine Paranoia hineinsteigern, sie selbst wolle Ruhe bewahren: „Unser zentralisiertes System ist sehr effizient. Die Regierung schickt unzählige Ärzte nach Wuhan und baut zwei Spitäler aus dem nichts. Welches Land außer China kann das innerhalb so kurzer Zeit zustande bringen?“

Das Coronavirus verbreitet sich immer rasanter

Doch trotz der staatlichen Gegenmaßnahmen verbreitet sich das Coronavirus immer rasanter. Stand jetzt (04.02.2020, 08.00 Uhr) haben die landesweiten Behörden 20.438 Infizierte und 425 Todesfälle bestätigt. Damit sind bereits deutlich mehr Menschen in Festlandchina an dem neuartigen Lungenerreger verstorben als noch zur SARS-Epidemie vor 17 Jahren, die als schwerwiegendste ihrer Art gilt.

Chinesische Forscher haben in einer aktuellen Studie indes dargelegt, dass bereits Mitte Dezember 2019 Beweise vorlagen, dass die Erreger der Lungenkrankheit von Mensch zu Mensch übertragen werden können. Zu jenem Zeitpunkt wusste die Öffentlichkeit noch nichts über einen möglichen Ausbruch. Erst im Januar berichteten Krankenhaus-Mitarbeiter auf Sozialen Medien von einer „mysteriösen Lungenseuche“. Wegen „Verbreitung von Gerüchten“ wurden sie festgenommen.

„Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass die Parteikader die negative Nachricht über das Virus verschwiegen haben, weil das künftige Beförderungen zunichte gemacht hätte“, sagt ein Mittdreißiger in Peking beim Feierabendbier. Unter vorgehaltener Hand äußern sich viele junge Chinesinnen und Chinesen kritisch über das bleierne Gesellschaftsklima, seit Präsident Xi Jinping an der Macht ist. „Leute wie ich, die eigentlich nur das beste für unser Land wollen, fragen sich irgendwann: Wieso können wir keine offenen Informationen im Internet empfangen?“

Coronavirus: Züge und LKWs werden desinfiziert

Am Montagmorgen schließlich lud das staatliche Informationsbüro zur Pressekonferenz. Nur einen Steinwurf vom Platz des himmlischen Friedens entfernt fanden sich mehr als 200 Journalistinnen und Journalisten mit Gesichtsmasken in einen pompösen Briefing-Raum ein, marmorne Wände, Säulenkolumnen, Stuck. Regierungsvertreter in Schlips und Anzug von sechs verschiedenen Ministerien berichteten von der Versorgungslage in den Quarantäne-Gebieten.

Dutzende chinesische Unternehmen wurden angehalten, trotz der Neujahrsferien ihre Produktion aufzunehmen und Wuhan mit Gesichtsmasken und Schutzanzügen zu versorgen. Mehrere landwirtschaftsstarke Provinzen beliefern die Gebiete fortan mit Reis und Gemüse. Systematisch werden Gesundheitschecks im öffentlichen Raum installiert, zudem sämtliche Ferntransportmittel im Land täglich desinfiziert.

Die Kernaussage spricht jeder der Ministerialbeamten am Ende seines Vortrags aus: „Den Kampf gegen das Virus werden wir letztendlich gewinnen“. Wie tiefgreifend jener Kampf allerdings den chinesischen Alltag verändert, beweist ein bloßer Blick auf die gespenstisch leeren der Pekinger Innenstadt.

Das öffentliche Leben ist zum Stillstand gekommen. Die Unternehmen haben ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern freigegeben oder Home-Office verordnet. Universitäten, Schulen und Kindergärten sind ebenfalls bis auf weiteres geschlossen. Wer die U-Bahn nehmen möchte, bekommt zunächst einen Temperaturscanner in Form einer kleinen Handfeuerpistole an die Stirn gehalten.

Coronavirus: Die Augen werden mit Brillen geschützt

Züge, die zu Pendlerzeiten normalerweise berstend voll wären, sind an diesem Montagmorgen lediglich von einer handvoll Menschen besetzt. Manche tragen neben den Gesichtsmasken auch Sonnenbrillen, um ihre Augen vor der Aufnahme der Erreger zu schützen. Und doch ist dies kein Vergleich zum Epizentrum in Wuhan, in der U-Bahnen gar nicht mehr fahren.

„Momentan sind wir wirklich ein bisschen nervös“, sagt Timo Balz, der bereits seit zehn Jahren in der 11-Millionen-Metropole lebt und dort an der Universität Fernerkundung unterrichtet. Als einer von wenigen Deutschen hat sich der 45-jährige dazu entschieden, die Stadt nicht zu verlassen – auch seiner chinesischen Frau wegen, die möglicherweise zurückbleiben müsste.

Am Mittwoch jedoch teilte die Wohnungsverwaltung mit, das Virus habe auch die eigene Apartmentsiedlung erreicht: vier Anrainer sollen sich infiziert haben, einer sei gestorben. „Für uns bedeutet das erstmal zu Hause bleiben und auf die täglichen Spaziergänge verzichten“, sagt Balz, der zwei Kinder hat: „Denen dürfte bald die Decke auf den Kopf fallen“.  

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Entspannte Stimmung: Die Menschen in Chinas Hauptstadt Peking feiern längst wieder* – doch werden Corona-Gebote nicht eingehalten, greift die Polizei strikt durch.

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Rubriklistenbild: © dpa

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