In den Augen des Corona-Experten Hendrik Streeck sollte der Druck auf Ungeimpfte nicht weiter erhöht werden.
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In den Augen des Corona-Experten Hendrik Streeck sollte der Druck auf Ungeimpfte nicht weiter erhöht werden.

Exklusiv-Interview

Virologe Hendrik Streeck übt Kritik an 2G-Regel - „Druck auf Ungeimpfte nicht weiter erhöhen“

  • Bernd Loskant
    VonBernd Loskant
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Virologe Hendrik Streeck hält Booster-Impfungen für alle für voreilig und fordert, auch Geimpfte sollten regelmäßige Corona-Tests durchführen. Im Exklusiv-Interview mit der Fuldaer Zeitung sagt er, der Druck auf Ungeimpfte dürfe nicht weiter erhöht werden.

Bonn/Fulda - Der Bonner Virologe Hendrik Streeck (44) hält trotz der steigenden Corona-Zahlen einen Impf-Booster für alle derzeit für voreilig und plädiert dafür, eine Empfehlung der Stiko abzuwarten.

Auch ein Jahr nach der Impfung hätten die meisten Menschen noch eine hohe Immunität, sagt Streeck im Interview mit unserer Zeitung. Das gelte übrigens auch für Genesene. (Lesen Sie hier: Hendrik Streeck: Hühnersuppe und Küssen für ein starkes Immunsystem)

Corona: Streeck kritisiert 2G-Regel - „Druck auf Ungeimpfte nicht erhöhen“

Das RKI meldet derzeit Tageshöchststände bei Neuinfektionen – nie zuvor haben sich so viele Menschen infiziert wie derzeit. Haben wir die Pandemie noch im Griff, so wie es im Sommer schien?
Die Daten zur Beurteilung des Infektionsgeschehens sind leider nach wie vor sehr lückenhaft. Mit der Abschaffung der kostenfreien Tests, die aus meiner Sicht ein Fehler war, haben wir keinen richtigen Überblick mehr, wie viele Menschen sich infizieren, wo sie sich infizieren, wie alt die Infizierten sind und wie viele Geimpfte unter den Infizierten sind. Ein Geimpfter wird sich ja selbst bei leichten Erkältungssymptomen nur noch selten testen lassen. Dadurch sind wir in einer schlechteren Situation, das Infektionsgeschehen zu verstehen, als noch vor ein paar Monaten. Die Zahl alleine der PCR-Tests hat sich inzwischen halbiert. Ich persönlich rechne mit einer enorm hohen Dunkelziffer bei den Infektionszahlen, die auf jeden Fall wesentlich höher ist als im vergangenen Jahr.
Würden Sie also sagen, dass wir schon mal weiter bei der Corona-Bekämpfung waren?
Nein, denn wir haben ja die Impfung. Das ist das wichtigste Mittel, das wir bei der Pandemiebekämpfung haben, weil wir dadurch schwere Verläufe vermeiden können. Aber den Überblick zu haben über das Infektionsgeschehen in Deutschland, da waren wir in der Tat schon mal besser. Wir brauchen systematische Studien, um das Infektionsgeschehen besser beurteilen zu können. Wir brauchen ein Gremium, das die nächsten Schritte der Pandemieplanung begleitet und die neue Bundesregierung unterstützt. Und wir brauchen eine zentrale Institution, die die Forschung koordiniert, wissenschaftliche Erkenntnisse zusammenführt und evaluiert. Das muss die neue Bundesregierung dringend angehen.
Inzwischen wird viel darüber diskutiert, die Impfquote zu erhöhen, indem Ungeimpfte mit 2G-Regelungen von immer mehr Lebensbereichen ausgeschlossen werden, während Geimpfte wieder ein relativ normales Leben führen. Ist das die richtige Strategie?
Auf den ersten Blick klingt das Vorgehen erst einmal logisch. Aber ich gebe zwei Punkte zu bedenken: Mit der 2G-Regelung wiegt man die Geimpften in falscher Sicherheit. Man gibt ihnen dadurch das Gefühl, dass für sie die Pandemie vorbei ist. Dem ist jedoch nicht so. Wir alle sind nach wie vor in der Pandemie, Geimpfte und Nichtgeimpfte. Auch Geimpfte können sich infizieren und das Virus weitergeben – auch wenn weniger häufig. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Impfung vor allem vor einem schweren Verlauf schützt, aber nicht vor Übertragung und Ansteckung. Somit ist die Impfung vor allem Eigenschutz. Der Fremdschutz ist eher sekundär, in dem die Intensivstationen nicht überbelegt werden.
Und der zweite Punkt?
Durch die 2G-Regel werden Ungeimpfte noch seltener getestet als bisher, weil sie ja von bestimmten Aktivitäten ausgeschlossen werden. Dabei wollen wir ja gerade verstehen, wo sich das Infektionsgeschehen abspielt und Infizierte so schnell wie möglich erkennen. Insofern halte ich das für keinen richtigen Weg. Im Grunde müssen wir bei so hohen Infektionszahlen wieder dahin zurückkommen, dass sich jeder testen lassen sollte – geimpft oder nicht geimpft.
Wie häufig denn?
Eine Testung ist immer dann sinnvoll, wenn mehrere Menschen zusammenkommen. Ganz besonders aber in Alten- und Pflegeheimen. Dort sollten Bewohner und Mitarbeiter zwei- bis dreimal pro Woche getestet werden. Und natürlich auch die Besucher. Wir sehen ja: Auch wer geimpft ist und keine Symptome hat, kann das Virus in sich tragen und es weitergeben. Eine Eintragung ins Pflegeheim müssen wir unbedingt vermeiden.

Streeck: „Mit der 2G-Regel wiegt man die Geimpften in falscher Sicherheit“

Es hieß doch immer, wenn rund zwei Drittel der Bevölkerung geimpft sind, haben wir Herdenimmunität. Nun ist der Wert erreicht, und die 17 Millionen Deutschen, die noch nicht geimpft sind, sollen trotzdem um jeden Preis dazu gebracht werden. Hat sich die Situation grundlegend verändert?
Ein Faktor dabei ist, dass die Impfung weniger vor einer Infektion schützt, als man gehofft hat. Wir haben keine sterile Immunität, sondern eine Immunität, die vor einem schweren Verlauf schützt. Insofern gibt es doch noch eine relativ hohe Bevölkerungszahl, die gefährdet ist. Und da habe ich vor allem die Über-60-Jährigen im Blick, von denen immer noch 15 Prozent nicht geimpft sind. Diese Impflücke müssen wir schließen, um zu verhindern, dass wir Probleme auf den Intensivstationen bekommen.
15 Prozent der über 60-Jährigen, das sind mehr als 3,5 Millionen, die noch nicht geimpft sind. Kennen Sie die Gründe?
Da kommen verschiedene Faktoren zusammen. Oft ist es Unsicherheit und Unwissenheit, die Skepsis vor einem Impfstoff, der komplett neu entwickelt wurde. Die Cosmo-Studie der Universität Erfurt beschreibt, dass es bei vielen Skeptikern inzwischen eine Trotzreaktion auf den zunehmenden Impfdruck ist.
Wie kann man diese Menschen überzeugen?
Eben nicht, indem man über 2G-Regelungen den Druck auf sie weiter erhöht. Ich bin sicher, dass man mehr durch gezielte Ansprache und Aufklärung erreichen kann. Einige Kommunen gehen schon diesen Weg und schreiben direkt die Über-60-Jährigen an. Im direkten Gespräch lassen sich oft unbegründete Sorgen ausräumen und die Menschen überzeugen.
War der Fall des Fußballspielers Joshua Kimmich, der sich gegen eine Impfung entschieden und dies öffentlich gemacht hat, im Sinne der Impf-Befürworter ein Rückschlag?
Ich glaube, die Art und Weise der Debatte hat die Fronten noch mehr verhärtet. Jeder Mensch muss ernst genommen werden mit seinen Sorgen und darf nicht verurteilt werden. Die Vorwürfe, Herr Kimmich gefährde persönlich andere, laufen doch eigentlich ins Leere. Er lässt sich regelmäßig testen, richtet sich nach den Hygieneregeln und verhält sich glaubhaft rücksichtsvoll. Um die Impfbereitschaft zu erhöhen, gilt es ihn und alle anderen Skeptiker zu überzeugen, nicht zu schelten.

Video: Virologe Streeck: Gehen unvorbereitet in Herbst und Winter

Aber sein Argument, er wolle Langzeitstudien abwarten, werden Sie als Virologe sicher nicht gelten lassen, oder?
Das zeigt die ganze Problematik bei der Impfdebatte. Ein Fußballspieler ist eben kein Arzt oder Virologe. In der Bevölkerung ist sehr viel Halbwissen in der Zirkulation, und es zeigt einmal mehr, dass man mehr aufklären muss. Die meisten Menschen können die Frage, wie ein mRNA-Impfstoff funktioniert und worin er sich von klassischen, proteinbasierten Impfstoffen unterscheidet, nicht beantworten. Hierzu müsste es zwingend eine Kampagne geben.
Bitte, klären Sie uns auf!
Um es einfach zu machen: Mit den mRNA-Impfstoffen gibt man ein paar Muskelzellen die Anleitung, Teile des Virus nachzubauen. Und die Muskelzellen tun das dann quasi aus Versehen, ganz kurzfristig, nur für ein paar Stunden. Und dann verschwinden diese Teile wieder, weil unser Körper voller RNasen steckt, die die RNA zerhacken. Aber die kleinen Proteine, die sich da in unseren Muskeln gebildet haben, die reichen aus, um das Immunsystem anzuregen und Antikörper zu bilden. Es ist eigentlich das Schnellste und Natürlichste, was man machen kann, um sich zu schützen. Leider wird der Vorgang oft als Science-Fiction dargestellt, was es überhaupt nicht ist.
Viele Menschen vertrauen dennoch den klassischen, proteinbasierten Impfstoffen mehr. Woran liegt das?
Wahrscheinlich daran, dass jeder in seinem Leben schon etliche Mal damit geimpft wurde. Dabei stecken die proteinbasierten Impfstoffe ebenso voller Chemie. Auch das wissen viele wahrscheinlich nicht.
Auch der noch amtierende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist kein Arzt oder Virologe. Vertreter Ihrer Zunft kritisieren ihn, weil er zu Booster-Impfungen auf breiter Front aufruft. Wem raten Sie zum Boostern?
Generell sieht man, dass auch ein Jahr nach der Impfung die meisten Menschen noch eine hohe Immunität haben. Das gilt übrigens auch für Genesene. Deswegen empfiehlt die Stiko derzeit eine „Boosterung“ nicht für jeden. Ob man ab 60 oder sogar für jeden eine Auffrischung bekommen sollte, darüber wird diskutiert. Fakt ist, dass in dieser Altersgruppe das Risiko erhöht ist, dass der Impfschutz nicht mehr vorhanden ist und es dann doch mal zu schweren Verläufen kommen kann. Ich denke, dass wir weiterhin der Stiko vertrauen und deren Empfehlung abwarten sollten. Auf jeden Fall muss uns bewusst sein: Boostern schließt die Impflücke nicht, die wir bei den Über-60-Jährigen haben. Deswegen ist es aus meiner Sicht das Wichtigste, dass wir in dieser Gruppe möglichst alle impfen.

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