Prozess gegen mutmaßlichen Supermarkt-Erpresser
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Der Prozess gegen mutmaßlichen Supermarkt-Erpresser von Friedrichshafen hat begonnen.

Babynahrung vergiftet

„Ich möchte mich aber nicht zum Mörder machen lassen“ Supermarkt-Erpresser vor Gericht

Vor dem Landgericht Ravensburg hat am Montag der Prozess gegen den sogenannten Supermarkterpresser von Friedrichshafen begonnen.

Ravensburg - Ein mutmaßlicher Supermarkt-Erpresser hat vor dem Landgericht Ravensburg gestanden, fünf Gläser mit Babynahrung vergiftet zu haben. 

„Ich möchte mich aber nicht zum Mörder machen lassen“, heißt es in einer schriftlichen Einlassung des Angeklagten, die sein Verteidiger am Montag vortrug. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 54 Jahre alten Mann versuchten Mord in fünf Fällen vor - außerdem versuchte besonders schwere räuberische Erpressung in sieben Fällen und gemeingefährliche Vergiftung (Az: 1 Ks 31 Js 20283/17).

Der Mann hatte schon nach seiner Verhaftung im Herbst 2017 zugegeben, Gift in Gläser gemischt und diese in Läden in Friedrichshafen am Bodensee platziert zu haben. Mit der Babynahrung wollte er nach eigenen Angaben „größtmögliche Aufmerksamkeit erreichen“ und seiner Forderung nach 11,75 Millionen Euro Nachdruck verleihen.

Der Erpresser drohte mit Gift in Supermarkt. Bei der Polizei gingen hunderte Hinweise auf Verdächtigen ein, nachdem Bilder aus einer Überwachungskamera veröffentlicht wurden.

Ein Unbekannter hat in München im Frühjahr 2020 Supermärkte nicht erpresst, sondern gleich Getränke mit Gift versetzt. Das Motiv ist völlig unklar.

So schnappte die Polizei den Supermarkt-Erpresser

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Prozess verzögerte sich 

Der Prozess gegen ihn hatte sich um eine Woche verzögert, weil der Angeklagte zum Prozessauftakt am vergangenen Montag einen Suizidversuch begangen hatte und nicht verhandlungsfähig war. Er hatte sich in seiner Zelle Schnittwunden zugefügt und Medikamente in größerer Menge eingenommen. Um einen weiteren Suizidversuch zu verhindern, wurde er vor dem zweiten Verhandlungstag in einer Zelle im Gefängniskrankenhaus Hohenasperg rund um die Uhr überwacht. Ein Urteil wird Ende Oktober erwartet.

Erpresser-Masche: Vergiftete Lebensmittel als Druckmittel 

Immer wieder drohen Erpresser damit, Lebensmittel zu vergiften. Supermarktketten wie Lidl, Aldi und Rewe sind betroffen, aber auch Hersteller geraten ins Visier von Verbrechern. Einige Fälle der vergangenen Jahre:

Juli 2017: Das Landgericht Bonn verurteilt einen Rentner zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten. Der 74-Jährige hatte Haribo mit der Vergiftung von Gummibärchen gedroht. Außerdem erpresste er die Unternehmen Lidl und Kaufland. Er forderte eine Million Euro in der Internet-Währung Bitcoin.

Zudem begann in Dortmund der Prozess gegen zwei 45 und 46 Jahre alten Männer. Sie sollen mit Gift versetzte Gläser mit Brotaufstrich in mehreren Lidl-Filialen deponiert haben. Sie forderten fünf Millionen Euro in Bitcoins vom Unternehmen.

März 2017: Ein 38-Jähriger wird vom Landgericht Kiel wegen versuchter räuberischer Erpressung zu einer Haftstrafe von vier Jahren und neun Monaten verurteilt. Er hatte auf Schulhöfen mit Insektiziden vergiftete Marzipanherzen ausgelegt. Damit wollte er von der Handelskette Coop drei Millionen Euro erpressen, zahlbar in der digitalen Währung Bitcoins.

Oktober 2015: Ein 38-jähriger Mann wird vom Landgericht Köln wegen versuchter Erpressung der Supermarktkette Rewe zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Er hatte 15 Millionen Euro gefordert und dem Konzern gedroht, Lebensmittel zu vergiften.

Mai 2013: Ein 61-Jähriger wird wegen versuchter Erpressung des Lebensmitteldiscounters Aldi-Süd vom Landgericht Duisburg zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Er hatte per E-Mail 15 Millionen Euro gefordert und mit vergifteten Lebensmitteln gedroht.

Juli 2010: Das Landgericht Aachen verurteilt einen Erpresser des Marmeladen-Produzenten Zentis zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft. Er hatte damit gedroht, vergiftete Marmelade in den Handel zu bringen, und 500.000 Euro verlangt.

Januar 2010: Wegen versuchter Erpressung des Süßigkeitenherstellers Ferrero wird ein Kneipenwirt aus dem Sauerland zu drei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Der Mann hatte 2008 ein Päckchen mit vergifteten Pralinen und Nougatcreme an die Firma geschickt. Er verlangte 950.000 Euro.

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dpa/AFP/ml

Generell berichten wir nicht über Selbsttötungen, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800-1110111. Hilfe bietet auch der Krisendienst Psychiatrie für München und Oberbayern unter 0180-6553000.Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.krisendienst-psychiatrie.de

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