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Corona: Virologe Stöhr übt deutliche Kritik am RKI - „Das war ein Doppeleigentor“

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Der Virologe Professor Dr. Klaus Stöhr.
Virologe Klaus Stöhr macht im Interview mit der Fuldaer Zeitung Hoffnung auf ein Ende der Pandemie. Kritik übt er am RKI. © Klaus Stöhr/privat

In der Corona-Pandemie schnellen die Omikron-Fallzahlen in die Höhe. Virologe Klaus Stöhr macht jedoch Hoffnung. Der 63-Jährige geht davon aus, dass im Herbst viele immunisiert sein werden. Am RKI übt

Fulda/Seeshaupt - Virologe Klaus Stöhr spricht im Interview mit der Fuldaer Zeitung über den Nutzen von Corona*-Maßnahmen, die Impfpflicht und ein Ende der Pandemie. Der 63-jährige Experte schätzt, dass mit der Omikron-Welle 40 bis 50 Prozent der Menschen eine natürliche Immunität erlangen könnten. Zuletzt hatte bereits Stöhrs Kollege Hendrik Streeck eine neue Teststrategie gefordert* und erklärt, es gehe nicht mehr darum, jede Infektion zu verhindern.

Die Rufe nach Lockerungen werden immer lauter. Nachbarländer gehen dabei schneller voran als wir. Ist die Politik in Deutschland zu vorsichtig?

Letztlich ist es eine Ermessensfrage, wie man die Risikoeinschätzung in Bekämpfungsmaßnahmen übersetzt. Dabei muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. So schwerwiegend die Corona-Infektion war, sie ist jetzt bald mit anderen Atemwegserkrankungen vergleichbar.

Einige Länder sehen in ihr keine nationale Bedrohung mehr. Sie haben die Maßnahmen der geänderten Situation angepasst. In Deutschland zögert man, ohne klare Perspektive und Zielparameter für eine stufenweise Deeskalierung. Es erzeugt schon Erstaunen, dass noch immer an Maßnahmen wie 2G oder 2G-plus festgehalten wird. 

Corona: Virologe Stöhr übt harte Kritik an RKI - „Das war ein Doppeleigentor“

Haben diese Maßnahmen etwa nichts gebracht?

Ich sage es mal so: Wenn man einen Eimer Wasser ins Meer schüttet, dann ist das Meer voller. Einen Effekt gibt es sicherlich, aber sind die Kollateralschäden im Vergleich zur Wirkung gerechtfertigt? Letztendlich steht die Frage der Effizienz, also wie viele Infektionen können mit welchem Aufwand verhindert werden, und was ist der Preis?

Weder Restaurants noch der Einzelhandel sind in den letzten 18 Monaten als Hotspots aufgefallen. Und das, obwohl im Einzelhandel täglich 52 Millionen Kundenkontakte stattfinden. Es gibt dazu interessante Zahlen von zwei Warenketten aus Schleswig-Holstein und in Niedersachsen zwischen Weihnachten und Silvester.

Was genau wurde gemessen?

In Schleswig-Holstein, wo 2G-plus galt, gab es bei den Ketten Umsatzeinbußen von 10 bis 15 Prozent. Niedersachsen verzeichnete ohne 2G-plus ein Plus von einem Prozent im Vergleich zu 2019. Die Maßnahmen haben also tatsächlich einen Effekt: in den Kassen der Einzelhändler. Die Frage bleibt fundamental: Wie kann der gesundheitliche Nutzen und der soziale und ökonomische Schaden abgewogen werden?

Bei den Kontaktverfolgungen hat man ja reagiert und diese zumindest teilweise ausgesetzt. Eine der Maßnahmen, die man sich auch anschauen muss, ist die Quarantäne von Kontaktpersonen. Wie lange und für wen soll sie gelten? Ergibt sie überhaupt noch Sinn, wo bereits so viele asymptomatische Erkrankungsfälle auftreten? 

Wenn die Maßnahmen, mit denen Ungeimpfte weitgehend vom öffentlichen Leben ausgeschlossen wurden, dazu dienen sollten, die Impfziele zu erreichen, so ist dies gescheitert. Warum sind die Impfquoten in anderen Ländern höher als bei uns?

Sehr gute soziologische Studien belegen, dass die Impfakzeptanz fundamental vom Vertrauen in die Regierung abhängt. Die aus meiner Sicht unterirdische Krisenkommunikation spielt hier sicherlich eine zentrale Rolle. Das von der Regierung gelassene Informationsvakuum ist sicherlich ein Grund für die Kakophonie in der wissenschaftlichen Krisenberichterstattung. Das hat sicherlich auch zu dem überzogenen Angstszenario in Deutschland beigetragen, das einzelne Politiker und auch einige wenig mit der Seuchenbekämpfung vertraute Wissenschaftler immer wieder angefeuert haben. 

Nun wird darüber diskutiert, mit einer allgemeinen Impfpflicht die Quote zu erhöhen. Was halten Sie davon?

Generell kann sie ein gutes Mittel sein, um Impfquoten zu erhöhen. Aber sie ist nicht alternativlos. Dazu kommt, dass sie auch nicht ohne Nebenwirkungen ist. Gegenwärtig halte ich die allgemeine Impfpflicht nicht für zielführend. 

Zur Person: Professor Dr. Klaus Stöhr

Professor Dr. Klaus Stöhr (63) war 15 Jahre bis 2007 für die Weltgesundheitsorganisation WHO tätig. Er war Leiter des Globalen Influenza-Programm und verantwortlich für die Festlegung der Impfstämme für die weltweite Impfstoffproduktion gegen Influenza.

Er forschte auch zu Sars, bevor er 2007 in die Impfstoffentwicklung zu Novartis wechselte. In der Corona-Pandemie machte der Virologe und Epidemiologe von sich reden, weil er sich im November 2020 gegen Lockdowns und ein Inzidenz-Ziel von 50 aussprach. Seit 2018 arbeitet er freiberuflich als Berater. 

Was wären die Alternativen?

Hier müssten die Soziologen und Psychologen auf den Plan, um zum Beispiel mit besserem Wissen über die Impfskeptiker zielgerichtet Impfangebote machen zu können. Warum hat Bremen so eine hohe Impfrate? Viele derjenigen, die sich nicht impfen lassen, sind eher Impfskeptiker als -gegner. Wenn man weiß, um welche Bevölkerungsschichten es sich da handelt, kann man diese gezielt ansprechen. Aber selbst wenn man zu dem Punkt kommt, dass eine Impfpflicht das beste Mittel ist, stellen sich noch Fragen.

Und die wären?

Warum muss sich ein 18-jähriger Student mit erwartbar geringem Eigenrisiko im Nahen des Pandemie-Endes impfen lassen? Wäre eine Impfpflicht, so sie denn tatsächlich das beste und verhältnismäßige Mittel wäre, für die vulnerablen Gruppen mit der höchsten Krankheitslast nicht zielführender? Auch müsste man über eine zeitlich begrenzte Impfpflicht nachdenken.

Und es kommt hinzu, dass eine Impfpflicht nicht vor dem Winterende greifen würde. Sie käme damit für diese Saison zu spät. Mit der Omikron-Welle werden unter Umständen 40 bis 50 Prozent eine natürliche Immunität erlangen.

Corona-Experte Stöhr: Impflicht nicht zielführend

Derzeit werden täglich bei der Zahl der Neuinfektionen Höchststände gemeldet. Wie schätzen Sie die Situation in den Krankenhäusern ein?

Die Inzidenzen sind für die Risikoeinschätzung nicht relevant. Sie haben sich von der Krankheitslast abgekoppelt und werden immer mehr zu Schätzungen. Das Virus zirkuliert frei in der Population. 50 Prozent der Patienten, die im Krankenhaus positiv getestet werden, sind gar nicht wegen Corona dort. Die Leute werden zufällig getestet. Man bekämpft ja keine asymptomatischen Erkrankungsfälle. 

Haben wir dann überhaupt noch eine Pandemie?

Ja, durch das hohe Krankheitspotenzial bei den zwei bis drei Millionen Menschen über 60, die noch nicht immunisiert oder genesen sind. Die Pandemie hört erst auf, wenn alle eine natürliche Immunisierung haben. Die Impfung hilft, Schäden auf dem Weg zum Ende der Pandemie zu reduzieren. Aber alle werden sich infizieren, idealerweise dann, wenn man einen guten Immunschutz hat. Das ist der Sinn der Impfung und nicht, dass man gar kein Corona bekommt. 

Letztlich wird Ihrer Meinung nach unweigerlich also jeder irgendwann Corona bekommen – und dann ist die Pandemie vorbei. Trotzdem wurde der Genesenenstatus vom RKI verkürzt, und Genesene müssen nach drei Monaten wieder zur Impfung. Wie passt das zusammen?

Ja, das war ein Doppeleigentor. Erst bekommt das RKI durch den Bundesrat die Befugnis, bestimmte Entscheidungen selbst zu treffen. Dafür hatte übrigens Gesundheitsminister Karl Lauterbach im Bundesrat geworben. Und bei der ersten eigenen Gelegenheit dafür, liegt man dann fachlich und kommunikativ meilenweit daneben.

Danach weist auch noch der verantwortliche Fachminister alle Schuld von sich, weil er davon nichts wusste. Es ist schon erstaunlich, wie viel Porzellan man in so kurzer Zeit zerschlagen kann. Durch Omikron wird die Genesenrate ja besonders schnell zunehmen: Da wäre fachliche Belastbarkeit und Bekämpfungsweitsicht besonders wichtig gewesen. 

Die Stiko hat den zweiten Booster für bestimmte Gruppen auf den Weg gebracht. Halten Sie das für sinnvoll?

Bei der Entscheidung ging es vor allem darum, die Zeit bis zum Pandemie-Ende für diesen Winter zu überbrücken. Aus diesem Blickwinkel macht eine Auffrischungsimpfung für die besonders Vulnerablen natürlich Sinn; dafür liegen ja auch Daten vor. Ich bin fest davon überzeugt, dass man diese Empfehlung noch vor dem Jahresende genau evaluieren und der neuen Situation anpassen wird. 

Das klingt fast, als solle man froh sein, wenn man sich mit Covid infiziert. Aber mit jeder Infektion besteht auch die Möglichkeit von Langzeitfolgen. Wie begründet ist die Angst vor Long-Covid?

Zuallererst: Es ist keine Frage des Wollens oder der Präferenz sondern eine nicht abwendbare Realität, dass sich alle mit Sars-CoV-2 infizieren werden. Darauf hätte sich eine langfristige Bekämpfungsstrategie einstellen müssen. Zum Glück gab es Impfstoffe; übrigens zum ersten Mal während einer Pandemie in der Menschheitsgeschichte. Und man konnte die Infektionen partiell nach hinten verzögern bis ausreichend Impfstoff für alle da war.

Zu Long-Covid: Ja, die Erkrankung ist und bleibt eine Sorge. Allerdings wurde ihre Bedeutung mit Verweisen auf eindeutig nicht evidenzbasierte Studienergebnisse zum Teil erheblich falsch interpretiert. Daran sind auch Politiker mit zu mindestens partiellem Fachwissen erheblich beteiligt. Selbst jetzt, wo seit längerer Zeit belastbare Kontrollstudien aus zum Beispiel England, der Schweiz, Deutschland und Dänemark vorliegen, hält sich offensichtlich eine Sorge, ja Angst vor Long-Covid, die die Größe des Problems offenbar bei weitem übersteigt.

Diese Studien belegen, dass Long-Covid so häufig vorkommt wie etwa Long-Influenza und dass eher Frauen zwischen 50 und 69 Jahren davon betroffen sind. Das Symptom existiert, aber zum Glück in mit anderen Atemwegserkrankungen vergleichbaren Größenordnungen.

Video: Virologe Klaus Stöhr sieht das Ende der Corona-Pandemie

Wann ist das Ende der Pandemie erreicht?

Wir werden jetzt zwei Stufen beobachten. Im Frühling werden die Infektionen dramatisch nachlassen und die Inzidenzen ins Bodenlose fallen; leider auch das Impfinteresse. Im Herbst werden keine Maßnahmen mehr nötig sein, außer einer Impfempfehlung für alle, die noch keine natürliche Immunisierung haben. Wie viele das sind, muss man im Sommer durch jetzt vorbereitete Studien herausfinden. 

Bisher kam immer, wenn wir dachten, wir seien auf dem Weg raus aus der Pandemie, eine neue Variante. Wie wahrscheinlich ist es, dass wieder eine neue Variante Ihr Szenario durchkreuzt?

Auch so ein Kommunikationsloch: Neue Varianten waren erwartet und sind auch Zeichen für eine Adaptation des Virus an den Menschen und jeweils ein Schritt in Richtung Pandemie-Ende. Omikron wird nicht die letzte Variante sein, aber sicherlich die finale bis zum Beginn der Endemie. (Von Daniela Petersen) *fuldaerzeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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