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Bürgermeister unterstützen Amtskollegen

Teichunglück mit drei toten Kindern: Prozess schärft die Sinne für Gefahren an Gewässern

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Das Teichunglück in Seigertshausen wird von den Bürgermeistern im Landkreis mit Aufmerksamkeit verfolgt. Die drei HNA-Redaktionen im Landkreis haben Verwaltungschefs dazu befragt.

  • Gefahrenpotenzial an Gewässern soll neu bewertet werden
  • Bürgermeister stärken Amtskollegen den Rücken
  • Prozess sensibilsiert Verwaltungschefs

Der Prozess gegen Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich geht am Donnerstag vor dem Treysaer Amtsgericht weiter. Der Fall der ertrunkenen Kinder in Seigertshausen beschäftigt die Menschen und insbesondere die Rathauschefs im Landkreis. Werden oder müssen Bürgermeister im Falle eines Schuldspruches Dinge verändern, Sicherheitsvorkehrungen erhöhen? 

Schwalm-Eder-Kreis: Frielendorf

Sollte es zu einem Schuldspruch kommen, so hätte dies Konsequenzen für ganz Deutschland, ist Bürgermeister Thorsten Vaupel überzeugt. Er deutet auf den Silbersee, der wohl kaum einzuzäunen wäre und findet, dass nicht jede Gefahr ausschließbar ist.

Zwar vermute er, dass es nicht zur Verurteilung seines Amtskollegen kommt, doch gibt es ihm zu denken, dass sich offenbar eine Vollkasko-Mentalität breitgemacht habe, die jeden Schaden und jede Gefährdung abdecken solle. Vaupel: „Man ist sich sehr bewusst über die Verantwortung im Amt, in der Haut von Klemens Olbrich möchte niemand stecken.“ Alle fühlten mit ihm und machten sich klar, dass es jedem Verwaltungschef so ergehen könnte, „für was alles man den Kopf hinhalten muss“. 

Schwalm-Eder-Kreis: Schwalmstadt 

Aufgrund des Verfahrens wurde in Michelsberg der Teich provisorisch abgeriegelt, eine feste Einfriedung folgt, berichtet Schwalmstadt Bürgermeister Stefan Pinhard, er diene zur Löschwasserreserve. Dabei sei klar: „Egal, wie sehr man es versucht – ein Risiko bleibt.“

Für gewisse Gefährdungen könne man einen Bürgermeister nicht zur Verantwortung ziehen, dazu zähle für ihn auch der Fall von Seigertshausen. Das Gewässer dort berge keine anderen Gefahren als der Schwarzenbörner Teich oder der Edersee, „die Anklage geht deutlich zu weit“. Das spiegele auch jedes Gespräch wider, „alle sind einer Meinung“.

Schwalm-Eder-Kreis: Schrecksbach

„Es ist ein gewaltiges Unglück, das passiert ist“, befindet Andreas Schultheis, doch dafür, dass ein Kollege deswegen auf der Anklagebank sitzt, habe niemand Verständnis. Durchgängig werde Freispruch erwartet. In seiner Gemeinde sei die Sensibilität gewachsen, so werde demParlament jetzt vorgeschlagen, das Regenüberlaufbecken an der Schwalm einzuzäunen zu lassen. Zugleich werde deutlich, dass man den ganzen Fluss nicht absichern könne.

Schwalm-Eder-Kreis: Oberaula

Für Klaus Wagner ist allein ein vollständiger Freispruch für den Kollegen vorstellbar, „eine Verurteilung wäre eine Katastrophe für die ganze Gesellschaft“. 

Dann könne man nicht mehr wissen, wo beginnen, wo enden. Nicht jede Gefahr im freien Gelände sei zu bannen, eine Beschilderung müsse ausreichen. Komme es nicht zum Freispruch, stelle sich die Frage, wer noch solch ein Amt übernehmen wird

Schwalm-Eder-Kreis: Jesberg

Die alles entscheidende Frage sei die, wie das Gericht den Begriff Löschteich definieren werde, sagt BürgermeisterHeiko Manz aus Jesberg. Beim Gewässer in Seigertshausen handele es sich seiner Ansicht nach um einen 200 Jahre alten Freizeitteich, der gelegentlich zur Wasserentnahme genutzt worden sei. 

Teich Seigertshausen

„Wir haben in Deutschland ein sehr hohes Sicherheitsbewusstsein“, sagt Manz: „Aber wir können unmöglich alle Badeseen und Freizeitteiche umzäunen.“ Für Feuerlöschteiche gebe es klare gesetzliche Bestimmungen, sie müssen zum Beispiel ein gemauertes Becken und eine Umzäunung aufweisen. 

Das sei bei der einzigen Jesberger Anlage in Elnrode/Strang der Fall. „Dieses schreckliche Unglück schärft die Sinne für die Verantwortung und die Verkehrssicherungspflicht der Kommunen“, sagt Manz: „Aber man kann unmöglich alle Alltagsgefahren ausschließen.“

Schwalm-Eder-Kreis: Bad Zwesten

„Ich will keinen Gedanken an eine Verurteilung von Klemens Olbrich verschwenden“, sagt Bad Zwestens Bürgermeister Michael Köhler. Er gehe von einem Freispruch erster Klasse aus. Alles andere wäre seiner Meinung nach ein „unkluges Urteil eines dentschen Gerichts“. Darüber hinaus müsse er sich auch keine Gedanken machen, denn in Bad Zwesten sei keiner der Teiche als Feuerlöschteich ausgewiesen.

In Wenzigerode gebe es auf dem Spielplatz einen Brunnen mit einer Saugstelle, die Öffnung ist mit einem Gitter abgedeckt: „Da kann keiner reinfallen“, sagt Köhler. Der Teich in Betzigerode könne nicht als Feuerlöschteich ausgewiesen werden, da er sich in Privatbesitz befinde. Und der Teich im Kurpark sei davon nicht betroffen.

Schwalm-Eder-Kreis: Niedenstein

Niedensteins BürgermeisterFrank Grunewald empfindet es als „eine Frechheit“, dass überhaupt ein Klageverfahren gegen Klemens Olbrich eröffnet wurde. Das Thema bewege die Stadt, die keinen Feuerlöschteich habe, sehr.

„Wir wollen keine Ad-hoc-Reaktion auf das Urteil folgen lassen. Wir dürfen den Bogen nicht überspannen“, sagt Grunewald. Sicher sei aber, dass man sich die Freizeitteiche und Fischteiche im Stadtgebiet anschauen müsse. Der Rathaus-Chef betont: „Für die Feuerwehren muss die Wasserentnahme jederzeit sichergestellt sein.“

Schwalm-Eder-Kreis: Homberg

Auch in Homberg gebe es keine Löschteiche, berichtet Bürgermeister Dr. Nico Ritz. Dafür aber eine ganze Reihe an Löschwasserentnahmestellen – und die besäßen nach wie vor eine wichtige Funktion im Sicherheitsnetz der Feuerwehr. Wie die Stadt mit diesen Entnahmestellen weiter umgehe, hänge vom Ausgang des Verfahrens ab. „Wir wollen das Thema dann neu betrachten“, sagt Ritz.

Schwalm-Eder-Kreis: Neuental

In Neuental gebe es keine Löschteiche, sagt Bürgermeister Dr. Philipp Rottwilm. Allerdings seien vor allem im Bereich der Autobahn große Regenrückhaltebecken gebaut worden. „Die sind aber alle eingezäunt.“ Durch die Diskussion um Bürgermeister Klemens Olbrich wolle man nun alle Gewässer in Neuental überprüfen, ob noch mehr für die Sicherheit getan werden könne.

Für Rottwilm stellt der Tod der drei Kinder einen tragischen Unfall dar, deshalb geht er von einem Freispruch aus. Werde das nicht der Fall sein, frage er sich, wer denn den Job des Bürgermeisters dann überhaupt noch machen möchte.

Schwalm-Eder-Kreis: Wabern

Der Waberner Bürgermeister Claus Steinmetz sieht in den Seen, Teichen und Fließgewässern ein hohes Gefahrenpotenzial. Wichtig sei, dass alle dafür sensibilisiert werden – sowohl Eltern als auch Schulen und Kitas sowie die Gemeinde selbst. „Jeder muss sich seiner Verantwortung bewusst sein“, sagt Claus Steinmetz. 

Teich Wabern Falkenberg

Der Feuerlöschteich in Wabern-Falkenberg etwa sei zwar eingezäunt, eine absolute Sicherheit gewährleiste dies aber auch nicht. Niemand solle sich durch die Gefahren im Übermaß verängstigen lassen, Aufklärung sei hier die richtige Methode. „Dazu gehört aber auch, dass Kinder früh schwimmen lernen.“

Schwalm-Eder-Kreis: Melsungen

„Dass ein Bürgermeister nun am Pranger steht, sensibilisiert uns alle als Kollegen“, sagt Melsungens Bürgermeister Markus Boucsein. Löschteiche gibt es in Melsungen und seinen Stadtteilen zwar nicht – es gibt eine zentrale Löschwasserversorgung über Hydranten. Aber es gibt private, naturnahe Teiche wie den am Obermelsunger Campingplatz und die Fischteiche bei Kirchhof.

Und die Fulda fließt durch die Stadt: „Selbst die Fulda kann eine Gefahrenquelle sein“, sagt Boucsein. In diesem Jahr sollen am Café Krone die Bauarbeiten für die große Treppe als Zugang zur Fulda beginnen. „Wir werden überlegen, eine Flachwasserzone vor die Treppe zu setzen, mit Mäuerchen im Wasser, damit gefahrlos am offenen Fluss geplanscht werden kann.“

Schwalm-Eder-Kreis: Morschen

Im Garten des Klosters Haydau gibt es zwei Teiche. „Wir haben uns schon Gedanken gemacht, wie wir dann dort vorgehen können“, sagt Morschens Bürgermeister Ingo Böhm. Wenn man die historische Teichanlage einzäunen müsste, „wäre dies eine Katastrophe“, sagt Böhm. Dass Bürgermeister Olbrich für das Unglück zur Verantwortung gezogen werden soll, sei eine „abstruse Situation“.

„Wir machen uns doch kaputt in diesem Land“, sagt der Mörscher Rathauschef. Letztlich müsste man dann auch überlegen, ob Kies-Seen als Schwimmteiche zu bewerten sind und ob denn die Fulda auch einer Absicherung bedarf. „Das ist ein Riesenproblem.“ Einen Löschwasserteich gibt es in Morschen auch, aber der sei eingezäunt und befinde sich auf Privatgelände.

Schwalm-Eder-Kreis: Spangenberg

Im Bereich Spangenberg gibt es drei Löschwasserteiche: in Bergheim, Metzebach und Weidelbach. „Alle drei sind eingezäunt und sicher“, sagt Bürgermeister Peter Tigges, „das dürfte kein Problem sein.“ Gleichwohl sagt er, dass man manche Dinge nicht zu 100 Prozent absichern könne. Sollte sein Amtskollege Olbrich verurteilt werden, sei ein Zuschütten der drei Teiche für ihn keine Option: „Es wäre dramatisch, wenn man einen gut funktionierenden Teich zuschüttet und dann im Ernstfall kein Löschwasser hätte.“

Schwalm-Eder-Kreis: Felsberg

Im Felsberger Stadtgebiet gibt es jeweils einen Löschteich in Beuern und Heßlar, die gesichert sind. „Schon vor dem tragischen Unglück in Seigertshausen wurden und werden die Teiche regelmäßig kontrolliert“, sagt Felsbergs Bürgermeister Volker Steinmetz. Er erwarte vom Gericht ein weises Urteil und eine klare Differenzierung zwischen Löschteich und öffentlichem Gewässer, sagt er. „Für einen Amtsträger ist es eine enorme Belastung, wenn demnächst jedes öffentliche Gewässer umzäunt werden muss“, sagt Steinmetz. Auch, dass Clemens Olbrich dafür zur Verantwortung gezogen werden soll, sei eine „unzumutbare Situation“.

Die Teiche zwischen Felsberg und Altenburg müssten demnach auch gesichert werden. „Diese Gewässer zuzuschütten, ist aber keine Option – da möchte ich auch darauf hinweisen, dass wir unsere Natur schützen müssen“, sagt er. Steinmetz weist in diesem Zusammenhang darauf hin, wie wichtig ihm der Erhalt der Schwimm- und Freibäder sei. „Es ist wichtig, dass junge Menschen rechtzeitig schwimmen lernen“, sagt er.

Tragödie in Neukirchen: Drei Geschwister in Teich ertrunken

Schwalm-Eder-Kreis: Körle

Nicht nur das anstehende Urteil, sondern bereits das ganze Verfahren haben zu einer enormen Sensibilisierung dieses Sicherheitsthemas geführt, sagt Körles Bürgermeister Mario Gerhold. „Man stellt sich schon die Frage, was man an Verantwortung noch übernehmen kann.“ Jegliche Gefahr auszuschließen, sei gar nicht möglich. Insbesondere nicht bei offensichtlichen Gefahrenquellen.

In Körle gebe es zwar keinen Löschteich, aber Teiche im Naturlehrgarten. Diese seien vor etlichen Jahren sofort eingezäunt worden, als ein Kleinkind in einem privaten Gartenteich in Körle ertrunken sei. Die Situation sei zwar damals eine andere als in Seigertshausen gewesen, „aber auch damals standen wir vor der Frage, wie wir damit umgehen“, sagt Gerhold.

Schwalm-Eder-Kreis: Guxhagen

„Olbrich kann nichts für das Unglück“, sagt Guxhagens Bürgermeister Edgar Slawik. Ihn dafür zur Verantwortung zu ziehen sei falsch. Nach Recht und Gesetz vorzugehen, gehöre ohnehin zu den Berufspflichten eines Bürgermeisters, aber diese würden zunehmend stärker gefasst.

„Es ist eine Gratwanderung. Man muss enorm aufpassen.“ Sollte Olbrich schuldig gesprochen werden, müsste man tatsächlich darüber nachdenken, ob auch eine Gefahrenquelle wie der Zugang zur Schleusenanlage der Fulda gesichert werden müsste.

Schwalm-Eder-Kreis: Malsfeld

Malsfelds Erster Beigeordneter Michael Hanke erklärt, dass seiner Ansicht nach eine Verurteilung Olbrichs nicht fair wäre. „Würde es zu einer Verurteilung kommen, müssten sich zukünftige Amtsträger genau überlegen, welcher Verantwortung sie ausgesetzt sind“, sagt er.

Es könne nicht sein, dass für alle öffentlichen Gewässer einer Gemeinde die gleichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden müssten, wie für einen Löschwasserteich. In Malsfeld wäre das beispielsweise der Goldbergsee in Ostheim oder auch die Beise. „Einen Badesee oder einen Fluss abzusperren ist nicht möglich“, sagt er.

Das Teichunglück in Seigertshausen - Es gab auch einen Spendenaufruf

Weiteres zum Prozess des Teichunglücks:

Teich-Tragödie von Seigertshausen - Bürgermeister weist Schuld am Ertrinken dreier Kinder von sich: Bürgermeister Klemens Olbrich steht nun wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht. In Seigertshausen ertranken drei Kinder in einem Teich.

Kinder ertranken im Dorfteich - Prozess gegen Bürgermeister* beginnt im Januar: Der Prozess gegen Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich startet am Donnerstag, 9. Januar. Verhandelt wird der Fall, in dem drei Kinder in einem Teich in Seigertshausen ertranken.

Beinahe erneutes Teichunglück - dieses Mal in Ottrau

Eine Gefahr für Kinder stellt wohl der Kläranlangen-Teich in Ottrau* dar: Für drei Freunde wurde dieser zur Falle. Die Eltern sehen die Verwaltung in der Pflicht.

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