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Brasilien könnte ein deutsches Energieproblem lösen - doch es gibt noch viel zu tun

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Von: Lisa Kuner

Auch in Zukunft wird Deutschland auf Energie aus dem Ausland angewiesen sein. Mittelfristig sollen aber keine fossilen Energieträger mehr importiert werden. Brasilien könnte mit Wasserstoff helfen. 

Ceará/Brasilien – Viel Fläche, viel Sonne und auch viel Wind – der Nordosten von Brasilien erfüllt zahlreiche Voraussetzungen für den Ausbau von erneuerbaren Energien. Verschiedene Akteure vor Ort sehen darin inzwischen eine große Chance: Nicht nur, um die heimische Wirtschaft zu dekarbonisieren, sondern auch um grünen Wasserstoff für den Export herzustellen – vor allem nach Europa.

Aktuell wird in Deutschland viel darüber diskutiert, wie kurzfristig die Abhängigkeit von russischem Gas verkleinert werden kann. Ein Schritt könnte sein, die Energiewende und den Ausstieg aus fossilen Energien schneller voranzutreiben. Dabei ist es aber unbestritten, dass Deutschland auch mittelfristig nicht ohne Energie aus dem Ausland auskommt. Statt fossilen Energieträgern wie Gas sollen in Zukunft nachhaltige Energiespeicher importiert werden. Ein wichtiger Baustein ist da grüner Wasserstoff.

Sonnenuntergang über einem Windpark in Tramandai/Brasilien
Sonnenuntergang über einem Windpark in Tramandai/Brasilien: Das lateinamerikanische Land erfüllt viele Voraussetzungen für den Ausbau erneuerbarer Energien. © Fotoarena / Imago

Energiekrise in Deutschland: Einsatzbereiche von grünem Wasserstoff

Wasserstoff ist für die Energiewende zum einen wichtig, weil er als Zwischenspeicher für Energie dienen kann. Das heißt, grüner Wasserstoff kann überall dort zur Verwendung kommen, wo regenerativ produzierte Energie nicht direkt verwendet werden kann. Außerdem ist Wasserstoff ein Grundstoff für verschiedene chemische und industrielle Prozesse, beispielweise für die Herstellung von Ammoniak. Auch in der Zementindustrie soll Wasserstoff langfristig prozessbedingte Emissionen vermeiden.

Planungen auf höchster Ebene: Im vergangenen Jahr hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz bereits eine Absichtserklärung abgegeben, um Partnerschaften für grünen Wasserstoff auszubauen:

Brasilien: Großes Potenzial für grünen Wasserstoff

Ansgar Pinkowski, Leiter Innovation und Nachhaltigkeit bei der Außenhandelskammer in Rio de Janeiro und Business Scout for Development, sieht für Brasilien in der Produktion von grünem Wasserstoff eine große Chance. „Grüner Wasserstoff ist aktuell ein Riesenthema für Brasilien“, sagt er Merkur.de von IPPEN.MEDIA. „Wir arbeiten da jetzt auch seit 2,5 Jahren verstärkt dazu.“

Viel spreche dafür, die Produktion von grünem Wasserstoff in dem lateinamerikanischen Land anzukurbeln. „In den vergangenen Jahren hat Brasilien sehr gute Bedingungen für den Ausbau von Wind- und Solarenergie geschaffen“, erklärt er. Hinzu kommt, dass grüner Wasserstoff aus Brasilien vergleichsweise billig wäre. „Brasilien gehört zu den Ländern, in denen grüner Wasserstoff weltweit am günstigsten produziert werden könnte“, sagt er. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey, die das Potenzial für Wasserstoffausbau in Brasilien analysiert.

Brasilien gehört zu den Ländern, in denen grüner Wasserstoff weltweit am günstigsten produziert werden könnte.

Ansgar Pinkowski

Außerdem liegt das lateinamerikanische Land geografisch recht günstig. Von den Häfen an Brasiliens nördlicher Küste kann man Europa, genauer gesagt Rotterdam, in nur neun Tagen Schiffsfahrt erreichen. „Die Fülle an Wind und Sonne macht in der Kombination mit existierenden Wasserkraftwerken Brasilien zu einem möglichen zentralen Akteur für die Produktion von erneuerbarem Wasserstoff“, sagt auch Camilla Oliveira Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Sie ist Projektmanagerin beim Thinktank Agora Energiewende.

Grüner Energiemix Brasilien bietet Deutschland Möglichkeiten

Aktuell gehört Brasilien bereits zu einem der Länder mit der nachhaltigsten Stromversorgung weltweit. Rund 78 Prozent der brasilianischen Elektrizität werden aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen, allein zwei Drittel stammen aus Wasserkraft. Gleichzeitig steigt der Energieverbrauch in Brasilien aber und viele Industriezweige setzen aktuell hauptsächlich auf fossilen Brennstoff.

Auch hier soll die Produktion von grünem Wasserstoff helfen. Der Brennstoff soll nämlich nicht nur den europäischen Markt nachhaltiger machen, das größte Potenzial liegt laut Pinkowski von der Außenhandelskammer darin, die brasilianische Industrie zu dekarbonisieren, also beispielsweise fossile Energieträger in Industrieprozessen zu ersetzen. Brasilien plant außerdem, dass Wasserstoff langfristig im Transportsektor eine größere Rolle spielt. Rund ein Viertel des grünen Wasserstoffs aus Brasilien könnte in den internationalen Export gehen. In der nationalen Wasserstoffstrategie von 2020 plant die deutsche Bundesregierung den Import von Wasserstoff schon ein. „Für die Bundesregierung ist Brasilien ein strategisches Land für den Import von grünem Wasserstoff“, sagt Pinkowski dazu.

Auf seinen landwirtschaftlichen Flächen versprüht Brasilien immer mehr Pestizide. Unter Jair Bolsonaro wurden viele zusätzliche Giftstoffe zugelassen. Das hat schreckliche Folgen für Gesundheit und Natur. 

Brasilien: Weitere Einsatzmöglichkeiten und Wirtschaftswachstum

Unter Umständen könnte grüner Wasserstoff auch noch andere Anwendungen finden. „Für Brasilien bedeutet das auch eine Chance im Bereich Ammoniak“, meint Pinkowski von der Außenhandelskammer. Dort wird aktuell schon Wasserstoff eingesetzt, meist aber sogenannter grauer Wasserstoff, der aus fossilen Energieträgern gewonnen wird. Ammoniak hat verschiedene Einsatzfelder, wird aber unter anderem auch für die Herstellung von Düngern genutzt. Brasilien gehört weltweit zu den größten Konsumenten von Düngemitteln. Bisher werden die oft aus Russland und der Ukraine importiert, durch die Produktion von grünem Wasserstoff im eigenen Land könnte Brasilien in dieser Hinsicht deutlich unabhängiger von Importen werden.

In Brasilien hoffen viele, dass die Produktion von grünem Wasserstoff dem Land Gewinne bringt: „Grüner Wasserstoff könnte auch zum Wirtschaftswachstum in Brasilien beitragen und das mit einem nachhaltigen Produkt“, meint Pinkowski. Gerade weil die Regionen im Nordosten Brasiliens eher arm sind, könnte eine Industrie, die Arbeitsplätze bringt, also auch sozial positive Auswirkungen haben.

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Grüner Wasserstoff in anderen lateinamerikanischen Ländern

Brasilien ist aber nicht das einzige Land in Lateinamerika, dass in Zukunft stark auf die Produktion von grünem Wasserstoff setzen will. Chile hat bereits 2020 eine nationale Strategie zur Nutzung seines Wasserstoff Potenzials vorgestellt. Auch Argentinien, Mexiko, Peru und Kolumbien analysieren, welche Rolle grüner Wasserstoff in Zukunft für sie spielen könnte.

Das Problem am grünen Wasserstoff? Bisher ist er noch Zukunftsmusik. Viele Teile der Technologie sind noch nicht marktreif. Wie das leicht entflammbare Gas sicher per Schiff von Lateinamerika nach Europa transportiert werden kann, steht noch nicht fest. Vermutlich muss der Wasserstoff für den Transport umgewandelt werden, beispielweise in Ammoniak oder Methanol. Am Ziel müsste das Ganze dann in einem Umkehrverfahren wieder rückgängig gemacht werden. Auch Australien positioniert sich derweil als Wasserstoff-Exporteur – weiß um den gefährlichen Transport.

Grüner Wasserstoff als Weg aus der Energiekrise: Probleme und Herausforderungen

Hinzu kommt noch, dass grüner Wasserstoff aktuell noch viel teurer ist als andere Energieträger. Wirtschaftlich lohnt es sich also (noch) nicht ihn zu produzieren. Auch in Brasilien geht die Entwicklung schleppend. Laut Pinkowski haben zwar viele verschiedene Akteure Interesse daran, die Produktion von Wasserstoff aufzubauen, aber bisher hat das zu wenigen konkreten Ergebnissen geführt. „Aktuell steckt die Entwicklung in Brasilien in einer Art Flaschenhals fest, da erst noch die Abnehmerseite national und international, entwickelt werden muss“, erklärt Pinkowski.

Farbenlehre Wasserstoff

Grüner Wasserstoff wird mittels Elektrolyse von Strom aus erneuerbaren Energien hergestellt. Deshalb ist er klimaneutral. Im Gegensatz dazu wird grauer Wasserstoff aus fossilen Energieträgern gewonnen. Blauer Wasserstoff wird wie grauer hergestellt, aber ein Teil des CO2s, das dabei entsteht, wird unter der Erde mit sogenanntem Carbon Capture and Storage Technologien gespeichert. Außerdem spricht man noch von türkisem Wasserstoff. Bei seiner Herstellung entsteht statt gasförmigem CO2 fester Kohlenstoff. Die Technologie dafür befindet sich aber noch in der Entwicklung. Aus Sicht der deutschen Bundesregierung ist bloß grüner Wasserstoff nachhaltig.

Deutschland will diese Entwicklung weltweit vorantreiben und hat dafür die Initiative H2Global entwickelt, die den Einkauf von grünem Wasserstoff ankurbeln soll. „Hierbei gleicht die deutsche Regierung die Differenz zwischen den Angebots- und Nachfragepreisen für Produkte aus erneuerbarem Wasserstoff aus“, sagt Oliveira von Agora Energiewende. Aktuell wird darum in Brasilien noch kein grüner Wasserstoff produziert, bald sollen aber die ersten Pilotprojekte am Start sein.

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