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Corona im Reich von Kim Jong-un: Wie Nordkorea gegen die Pandemie und eine drohende Hungersnot kämpft

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Von: Foreign Policy

Reisbauern der Chongsan Cooperative Farm in der nordkoreanischen Provinz Kangso im Mai 2022.
Nordkorea droht eine echte Hungerkrise: Reisbauern der Chongsan Cooperative Farm in der Provinz Kangso im Mai 2022. © Kim Won Jin/afp

Corona fegt über Nordkorea hinweg, Hilfe von außen wird dringend benötigt. Und jetzt muss das Land auch noch eine Hungersnot fürchten. Wie reagiert das Regime?

Berlin – Im Januar 2020 beobachtete Nordkorea mit Sorge das Auftreten einer damals neuartigen Coronavirus-Epidemie in China. Die Verhinderung der Ausbreitung des Virus über Chinas Grenzen hinaus sei eine Frage des „nationalen Überlebens“, so Rodong Sinmun, die offizielle Zeitung der regierenden Arbeiterpartei.

In den folgenden 28 Monaten meldete Nordkorea unglaublicherweise keine Coronafälle – und das, obwohl das Virus den Rest der Welt überrollte. Wie die Kommunistische Partei Chinas im Nachbarland hat sich die Arbeiterpartei Koreas für eine Null-COVID-Strategie entschieden, die auf der Abschottung der Landesgrenzen beruht. Anders als in China bestand die Durchsetzung der Vorschriften unter anderem in Schießbefehlen an der Grenze.

Die Behauptung, es gebe keine Fälle, wurde im Mai jäh widerlegt, als das Land den ersten Fall der Omikron-Variante von COVID-19 und der BA.2-Untervariante auf seinem Territorium meldete. Es ist kein einziger nordkoreanischer Bürger bekannt, der gegen COVID-19 geimpft wurde. Da es keine bestätigten früheren COVID-19-Fälle gibt, ist es auch unwahrscheinlich, dass eine natürliche Immunität gegen frühere Varianten des Coronavirus besteht.

Corona in Nordkorea: Die Staatsmedien sprechen nur von „Fieber“

Innerhalb weniger Tage räumten die staatlichen Medien ein, dass sich mehr als 1 Million Fälle von „Fieber“ – ein Euphemismus für den Verdacht auf COVID-19, da es keine diagnostischen Testkapazitäten gibt – im ganzen Land ausgebreitet hätten. Offiziell werden 50 Todesfälle dem „Fieber“ zugeschrieben, das das Land befallen hat. Pjöngjang, die Hauptstadt des Landes, in der in den letzten Apriltagen eine große Militärparade stattfand, ist das Epizentrum des Ausbruchs. Der nordkoreanische Staatschef Kim Jong-un wurde in den staatlichen Medien vermutlich zum ersten Mal mit einer Maske gezeigt.

Nordkoreas Diktator Kim Jong-un am 29. April während der Parade zum 90-jährigen Gründungsjubiläum der Revolutionäre Volksarmee Koreas (KPRA) an einem unbekannten Ort im Land.
27. April 2022: Nordkoreas Diktator Kim Jong-un während der Parade zum 90-jährigen Gründungsjubiläum der Revolutionären Volksarmee Koreas (KPRA) – an einem unbekannten Ort im Land. © KCNA via KNS/afp

Für Kim, der erst vor wenigen Monaten sein zehnjähriges Machtjubiläum feierte, stellt das Auftauchen von Omikron und seinen Untervarianten in Nordkorea eine ernsthafte Bedrohung dar. COVID-19 ist jedoch bei weitem nicht die einzige Herausforderung, der sich das Land derzeit stellen muss. Nordkorea könnte erneut am Rande einer Hungersnot stehen. Am Neujahrstag dieses Jahres stellte Kim in einer Rede nicht Atomwaffen und Raketen heraus, sondern die landwirtschaftliche Produktion. Nahrungsmittelknappheit ist in Nordkorea kein Fremdwort. Doch ist die Kombination aus unsicherer Lebensmittelversorgung und einem tödlichen Atemwegsvirus eine neue und beängstigende Herausforderung.

Auch wenn die Lage ungewiss ist, scheinen diese parallelen Herausforderungen das Regime bei der Eindämmung des Virus vor ein grundlegendes Dilemma zu stellen.

Corona in Nordkorea: Das Politbüro der Arbeiterpartei ist in heller Aufruhr

Wenige Tage bevor die staatlichen Medien über das bestätigte Auftreten von Omikron im Land berichteten, wurde Pjöngjang abgeriegelt, was stark darauf hindeutet, dass ein COVID-19-Ausbruch im Gange sein könnte. Nach dem Bekanntwerden der Präsenz von COVID-19 in Nordkorea trat das Politbüro der Arbeiterpartei zusammen, um über die „Krisenlage zur Verhütung von Epidemien“ zu beraten.

Nach Angaben der nordkoreanischen Staatsmedien rief Kim „alle Städte und Landkreise des ganzen Landes dazu auf, ihre Gebiete gründlich abzuriegeln und Arbeit und Produktion zu organisieren, nachdem man alle Arbeits-, Produktions- und Wohneinheiten voneinander abgeschottet habe, um die Verbreitung des bösartigen Virus ohne den kleinsten Fehler zu verhindern.“ Dies kommt einem Aufruf zu einer landesweiten Abriegelung gleich. Dem von oben nach unten organisierten nordkoreanischen System sollte dies schnell gelingen. Doch deutet alles darauf hin, dass das Land noch nicht völlig abgeriegelt ist – auch wenn Pjöngjang und andere Städte dies bereits sind.

Journalisten in Südkorea, die mit Fernrohren über die innerkoreanische Grenze blicken, sahen mindestens im Mai noch Anzeichen für normale landwirtschaftliche Aktivitäten auf den Bauernhöfen im Süden. Dies lässt darauf schließen, dass es bei der Umsetzung des Lockdowns möglicherweise ein Stadt-Land-Gefälle gibt. Die Erklärung dafür scheint die unausweichliche Realität dessen zu sein, was eine ernsthafte Abriegelung bedeuten würde: eine gesicherte und katastrophale Hungersnot. Wie es der Zufall will, beginnt im Mai Nordkoreas Reisanbausaison, die bis Oktober dauert. Dieses Fünf-Monats-Fenster ist in Wirklichkeit ein Zwei-Monats-Fenster, da Mai und Juni in der Regel die günstigsten Monate für die Maximierung der Reisproduktion sind. Die Produktion von Reis, dem nationalen Grundnahrungsmittel, ist von entscheidender Bedeutung, um eine kolossale Nahrungsmittelknappheit zu verhindern.

Warum Lockdowns in Nordkorea Menschenleben gefährden

Nordkorea hat in den 28 Monaten seiner selbst auferlegten Isolation aufgrund ungünstiger Ernten bereits einen Rückgang seiner Lebensmittelvorräte erlebt. Eine landesweite Abriegelung könnte Menschenleben vor dem „Fieber“ retten, das das ganze Land erfasst hat. Doch könnte sie auf Kosten von Menschenleben gehen, die später durch Hunger und Unterernährung ihr Leben verlieren.

Es ist unklar, welche Schritte die Führung des Landes unternehmen wird, wenn das Schlimmste eintritt und Omikron/BA.2 sich als nicht eindämmbar erweist. In einem ungewöhnlichen öffentlichen Aufruf, sich die Erfahrungen Chinas zunutze zu machen, die normalerweise von einem Regime verschmäht werden, das ausländische Einflüsse nicht anerkennt, berichtete Rodong Sinmun, dass Kim die nordkoreanischen Behörden aufgefordert habe, die „Politik, Erfolge und Erfahrungen“ Chinas und anderer Länder zu studieren und deren Ansatz „aktiv zu verfolgen“. Dies könnte darauf hindeuten, dass ein nationaler Lockdown zur Eindämmung der Pandemie bevorzugt wird, auch wenn dadurch die Wahrscheinlichkeit einer Hungerkatastrophe erheblich steigt.

Nordkorea im Kampf gegen Corona: Pjöngjang ist nicht an Hilfe von außen interessiert

Es gibt keine schnelle und einfache Lösung für Nordkoreas innenpolitisches Dilemma. Pjöngjang, das seit seiner nationalen Abriegelung Anfang 2020 stets isoliert war, ist nach wie vor nicht daran interessiert, Hilfe von außen zu suchen. Pjöngjang lehnte die von COVAX zur Verfügung gestellten Impfstoffe für seine Bevölkerung wiederholt ab, sodass das internationale Konsortium Ende April ankündigte, die für Nordkorea bereitgestellten Impfstoffe anderweitig zu verwenden.

Während der 28-monatigen Abriegelung vor Omikron hat Nordkorea auch keine diplomatischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten oder Südkorea aufgenommen. Diese Tendenz zeichnete sich bereits vor der Pandemie ab und hat eher mit Kims allgemeiner strategischer Neukalibrierung nach dem Gipfeltreffen vom Februar 2019 in Hanoi mit dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump zu tun. Während der Pandemie wurde die Isolation Pjöngjangs wahrscheinlich durch das Gefühl verstärkt, dass die Annahme externer Hilfe einen neuen Übertragungsweg für die Einschleppung des Virus nach Nordkorea darstellen würde.

Corona hat Nordkorea heftig erwischt. Gut geschützt arbeitet medizinisches Personal während der Gesundheitskrise in einer Apotheke in Pjöngjang.
Mai 2022: Corona hat Nordkorea heftig erwischt. Gut geschütztes medizinisches Personal arbeitet während der Gesundheitskrise in einer Apotheke in Pjöngjang. © KCNA via KNS/afp

Da sich Nordkorea nun voll und ganz in der Ausbruchsphase von COVID-19 befindet, ist es wahrscheinlicher, dass Kim Hilfe von außen annehmen wird. Trotz Nordkoreas politischer Parolen, die die „Eigenständigkeit“ betonen, hat das Land in früheren wirtschaftlich schwierigen Zeiten immer wieder ausländische Hilfsangebote angenommen, unter anderem von Südkorea und den Vereinigten Staaten. Ein Grund dafür, dass nordkoreanische Regierungsvertreter die von COVAX bereitgestellten viralen Vektorimpfstoffe von AstraZeneca nicht akzeptierten, war möglicherweise die Bevorzugung der in den USA hergestellten mRNA-Impfstoffe.

Hilfe für Nordkorea: Washington und Seoul wären bereit

Der neue südkoreanische Präsident Yoon Suk-yeol erklärte, dass er bereit wäre, Nordkorea bei Bedarf gezielte Hilfe in Bezug auf das Coronavirus anzubieten. Die Regierung Biden hat Nordkorea ebenfalls aufgefordert, seine Grenzen zu öffnen, um eine Impfkampagne zu ermöglichen. Während Nordkorea früher Grund hatte, diese Angebote abzulehnen, weil man Hintergedanken vermutete, könnte sich dies mit der Verschärfung der Krise ändern.

Washington und Seoul sollten bereit sein, Nordkorea bedingungslos Unterstützung zu gewähren, wenn Pjöngjang sich bereit zeigt, diese anzunehmen. Auch wenn die Welt mit einem siebten nordkoreanischen Atomtest und weiteren Raketentests rechnet, sollten Washington und Seoul Maßnahmen ergreifen, um Pjöngjang bei der Pandemiebekämpfung zu unterstützen. In einfachen Worten: Wenn Nordkorea an einem bestimmten Tag um 9.00 Uhr seine siebte Atombombe testet und um 9.30 Uhr um Unterstützung bei der Pandemie bittet, sollte nicht gezögert werden, diese zu gewähren – auch wenn der Atomtest zu verurteilen ist.

Das oberste Prinzip, das Washington und Seoul bei der Annäherung an Pjöngjang in dieser Krisenzeit leiten sollte, besteht darin, sicherzustellen, das Leiden unschuldiger nordkoreanischer Bürger durch die Pandemie so weit wie möglich zu reduzieren. Gelingt dies, könnten die Kommunikationswege wiederhergestellt, das Vertrauen gestärkt und die Voraussetzungen für eine Rückkehr zu Gesprächen geschaffen werden – auch ohne ausdrückliche Verbindung zwischen der Atom- und Raketenproblematik und der Pandemie.

Von Ankit Panda

Ankit Panda ist Stanton Senior Fellow im Nuclear Policy Program bei der Carnegie Endowment for International Peace in Washington. Er ist der Autor von Kim Jong Un and the Bomb: Survival and Deterrence in North Korea. Twitter: @nktpnd

Dieser Artikel war zuerst am 16. Mai 2022 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.

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