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Südkorea: Neuer Präsident geht auf Konfrontationskurs zu Peking und „wird China deutlicher kritisieren“

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Von: Sven Hauberg

Südkoreas neu gewählter Präsident Yoon Suk Yeol gestikuliert zu seinen Anhängern, als er am 10. März 2022 vor der Parteizentrale in Seoul beglückwünscht wird.
Nach seinem Wahlsieg lässt sich Südkoreas neu gewählter Präsident Yoon Suk-yeol von seinen Anhängern in Seoul feiern. © Jung Yeon-je/AFP

Seit Jahren wagt Südkorea den Spagat zwischen den Supermächten USA und China. Der frisch gewählte Präsident Yoon Suk-yeol dürfte in den kommenden Jahren die Konfrontation mit Peking suchen.

München/Seoul - Wer sich die Twitter-Seite von Yoon Suk-yeol ansieht, kann kaum glauben, dass der 61-Jährige gerade einen Wahlkampf hinter sich hat und nun neuer Präsident von Südkorea wird*. Als „ein Mann, der kochen kann“, stellt sich Yoon seinen Followern auf dem sozialen Netzwerk vor, und seit seinem Twitter-Debüt Ende Januar hat er nichts anderes gepostet als niedliche Katzen- und Hunde-Fotos.

Man sollte sich allerdings davor hüten, von Yoons zahmem Social-Media-Auftritt auf seine Politik zu schließen: Der Politiker der konservativen Partei Gungminui-him („Macht des Volkes“) fährt vor allem gegen den übermächtigen Nachbarn China* einen harten Kurs, der das Machtgefüge in Ostasien nachhaltig prägen könnte. „Ich denke, dass Yoon China deutlicher kritisieren wird“, sagt Ramon Pacheco Pardo, Korea-Experte und Professor für Internationale Beziehungen am Londoner King‘s College, zu merkur.de.

Yoon Suk-yeol gewann die Präsidentschaftswahl mit einem hauchdünnen Vorsprung gegen seinen größten Rivalen von der regierenden Demokratischen Partei, Lee Jae-myung. Yoon wird im Mai auf den bisherigen Amtsinhaber Moon Jae-in folgen, der nach seiner fünfjährigen Amtszeit nicht erneut antreten durfte. Der neue Mann in Seouls Präsidentenpalast, dem Blauem Haus, ist relativ neu in der Politik. Bis März vergangenen Jahres war er oberster Staatsanwalt von Südkorea und schreckte in dieser Position auch nicht davor zurück, gegen Mitglieder des inneren Zirkels um Moon zu ermitteln und der Regierung des Noch-Präsidenten „Korruption und Inkompetenz“ vorzuwerfen. Im Juli 2021 verkündete Yoon, als unabhängiger Präsidentschaftskandidat anzutreten, wenig später wurde er Kandidat der größten Oppositionspartei.

Südkorea: Andauernde Bedrohung durch Nordkorea

Innenpolitisch wird sich Yoon vor allem mit den tiefen Unsicherheiten befassen müssen, die die südkoreanische Gesellschaft erschüttern. Die Immobilienpreise im Land steigen rapide, der Reichtum in der Gesellschaft ist immer ungleicher verteilt, die Arbeitslosigkeit wird zunehmend zum Problem. Vor allem aber ist Südkorea politisch tief gespalten, was sich auch in dem knappen Ausgang der Präsidentschaftswahlen zeigt: Nur ein Prozentpunkt trennen den Sieger Yoon vom Unterlegenen Lee.

Vor allem aber außenpolitisch liegt viel Arbeit vor Yoon Suk-yeol. Da ist einerseits die Bedrohung durch Nordkorea*, das zuletzt immer wieder mit Raketentests Schlagzeilen gemacht hatte*. Während Amtsinhaber Moon auf Dialog mit dem kommunistischen Nachbarn gesetzt hat, gab sich Yoon im Wahlkampf kompromisslos. „Wir werden eine schlagkräftige Streitmacht aufbauen, die jede Provokation mit Sicherheit abwehren kann, um die Sicherheit und das Eigentum unserer Bürger zu schützen und die territoriale Integrität und Souveränität unserer Nation zu wahren“, sagte er Ende Januar. Yoon werde als Präsident auch die Menschenrechtsverletzungen im Norden der koreanischen Halbinsel stärker als Moon kritisieren, glaubt der Politikwissenschaftler Pardo. Dennoch sei auch er zu Dialog und Verhandlungen bereit.

Kaum weniger schwierig dürfte es für Südkoreas künftigen Präsidenten werden, im Umgang mit Peking den richtigen Ton zu treffen. Seit Jahren übt sich das Land an einem schwierigen Spagat: Einerseits ist Seoul um gute Handelsbeziehungen zu China bemüht, gleichzeitig aber hält es an einem Sicherheitsbündnis mit den USA* fest, dem ideologischen Rivalen Pekings.

Südkorea: Schwieriges Verhältnis zu China

Im Wahlkampf hatte sich Yoon wiederholt kritisch zu China geäußert - und damit einen Nerv bei den Wählern getroffen. Im Januar hatte eine Umfrage ergeben, dass 70 Prozent der Befragten China als größte Bedrohung für die Sicherheit ihres Landes betrachten, von Nordkorea einmal abgesehen. Experte Pardo erklärt das einerseits mit Provokationen Pekings, etwa dem wiederholten Eindringen chinesischer Kampfjets in Südkoreas Luftverteidigungszone, dem Eindringen chinesischer Fischerboote in südkoreanische Gewässer und ganz generell der Aufrüstung, die China betreibe*. „Das alles ist aus der Perspektive von Seoul bedrohlich“, so Pardo.

„Der zweite Grund ist ideologischer Natur“, sagt der Experte. „Südkorea ist eine lebendige Demokratie, wie die gestrigen Wahlen einmal mehr gezeigt haben.“ China hingegen ist unter Staats- und Parteichef Xi Jinping* immer autoritärer geworden - eine Entwicklung, die man in Südkoreas mit Befremden und Sorge beobachtet. Auch die Olympischen Winterspiele haben wenig dazu beigetragen, das Verhältnis zwischen Seoul und Peking zu befrieden. Im Gegenteil: Als bei der Eröffnungszeremonie eine Chinesin auftrat, die offenbar ein traditionelles koreanisches Kleid trug, warf die regierende Demokratische Partei den Veranstaltern vor, die koreanische Kultur zu „stehlen“.

Schwerer als solche Befindlichkeiten wiegen aber die Sicherheitsinteressen des Landes. Im Jahr 2016 hatte Südkorea mit den USA vereinbart, als Reaktion auf Nordkoreas Atomprogramm das Raketenabwehrsystem THAAD im Land zu installieren. China überzog Südkorea daraufhin mit harten Sanktionen, die der Wirtschaft des 52-Millionen-Einwohner-Staats empfindlich schadeten. Präsident Moon reagierte mit einer Politik der „Drei Neins“, um Peking zu besänftigen: Seoul, so Moon, werde keine weiteren THAAD-Geschützgruppen aufstellen, sich nicht am regionalen Raketenabwehrsystem der USA beteiligen und keine trilaterale Allianz mit Japan und den USA eingehen.

Südkorea trägt die Russland-Sanktionen des Westens mit

Yoon könnten mit diesen Prinzipien nun brechen: Bereits im Wahlkampf hatte er mehrfach die Souveränität Südkoreas betont und gesagt, sein Land habe das Recht, sich vor der nuklearen Bedrohung aus Nordkorea zu schützen. Korea-Experte Pardo glaubt, dass Seoul vor allem die Nähe zum Quad-Bündnis suchen werde, einem lockeren Sicherheitsdialog zwischen Japan, Indien, Australien und den USA.

Auch der Krieg in der Ukraine* belastet das Verhältnis zwischen Südkorea und China. Während sich Peking wiederholt zu seiner Freundschaft zu Russland bekannt hat*, unterstützt Seoul die Sanktionen gegen Moskau. Der Sicherheitsexperte Maximilian Ernst hält es für wahrscheinlich, dass Yoon diese Politik fortführen werde. In einem Beitrag für die Brussels School of Governance schreibt Ernst allerdings auch, dass es durchaus Bereiche gebe, in denen Südkorea und China zusammenarbeiten könnten: „Ein Beispiel ist die Sicherheit auf der koreanischen Halbinsel, einschließlich der Denuklearisierung Nordkoreas.“ Auch beim Kampf gegen den Klimawandel werde Yoon weiter mit China kooperieren. Wohl auch deshalb versprach Yoon auf einer Pressekonferenz unmittelbar nach seinem Wahlsieg, mit China eine Beziehung des „gegenseitigen Respekts“ aufbauen zu wollen.

Ähnlich äußerte sich am Donnerstag die chinesische Seite: Er hoffe, so Chinas Außenamtssprecher Zhao Lijian, dass Yoon die Entwicklung „gesunder und stabiler“ Beziehungen vorantreiben werde. China und Südkorea seien „wichtige Partner“, die nicht voneinander getrennt werden könnten, so Zhao laut südkoreanischer Nachrichtenagentur Yonhap. Chinas Präsident Xi hat Yoon unterdessen noch nicht zum Wahlsieg gratuliert - ein anderer hingegen schon: US-Präsident Joe Biden sicherte Yoon bereits Stunden nach dessen Erfolg die Unterstützung der USA zu. (sh) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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