1. Fuldaer Zeitung
  2. Politik & Wirtschaft

Nach Russlands Getreide-Exportstopp: Experte warnt vor „Hurrikan des Hungers“

Erstellt:

Von: Lisa Mayerhofer

Ein Mann hält Getreidekorn in die Kamera: Russland will als wichtiger Exporteur die Ausfuhr von Getreide einschränken. Die UN warnt vor einer Katastrophe (Symbolbild)
Russland will als wichtiger Exporteur die Ausfuhr von Getreide einschränken. Die UN warnt vor einer Katastrophe (Symbolbild) © IMAGO / ZUMA Wire

Russland will als wichtiger Exporteur die Ausfuhr von Getreide einschränken. Die UN warnt vor einer Katastrophe - vor allem in den Ländern Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens.

Tunis - Hamsterkäufe gibt es nicht nur in Deutschland: Auf der Suche nach Grieß und Öl klappert Hedi Bouallegue jetzt jeden Tag die Lebensmittelläden in seinem Viertel in Tunis ab. „Ich bin sogar bereit, das Doppelte zu zahlen“, sagt der Rentner. Wegen des Ukraine-Konflikt* hamstern die Menschen in Tunesien und anderen nordafrikanischen Ländern Lebensmittel - aus Furcht, es könnte bald gar nichts mehr geben.

Russlands Getreide-Exportstopp soll bis Ende Juni dauern

„Nur ein Kilo pro Kunde“, mahnt ein Schild in einem Supermarkt der tunesischen Hauptstadt. Dennoch sind die Regale für Mehl und Grieß leer; drei Packungen Zucker sind noch zu haben. Das Problem seien nicht Engpässe, sondern Panikkäufe, sagt der Manager. Seit zwei Wochen habe sie weder Reis noch Mehl gefunden, klagt die Kundin Houda Hjeij. Schuld sind in ihren Augen die Behörden: „Angesichts des Krieges in der Ukraine haben sie nicht vorausschauend gehandelt.“

Denn Russland hat angekündigt, die Ausfuhr von Weizen, Gerste, Roggen und anderem Getreide einzuschränken. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) produziert Russland mehr als elf Prozent des Weizens weltweit. Der Exportstopp soll zunächst bis zum 30. Juni dauern. Putins Regierung will damit den Bedarf im eigenen Land sichern. 

Ukriane-Auswirkungen: Entwarnung für Deutschland

Deutschland wird unter dem Ausfuhrverbot nicht leiden, entwarnt der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks. „Der Exportstopp hat zunächst keine direkten Auswirkungen, weil wir in Deutschland und der EU einen Selbstversorgungsgrad bei Getreide von teilweise über 100 Prozent haben.“ Hinzukämen lang laufende Lieferverträge, die die Preise weiter stabilisierten.

Auf längere Sicht könnten die Bäckereien aber durchaus die steigenden Weltmarktpreise für Getreide zu spüren bekommen. „Zudem sind die Ukraine und Russland wichtige Lieferanten bei Saaten, wie etwa Sonnenblumenkernen. Auch dies wird Auswirkungen auf die Preise haben.“

„Hurrikan des Hungers“ durch Ukraine-Krieg? Experte: 100 Millionen Menschen betroffen

Länder südlich Europas sind dagegen stärker von den russischen Ausfuhrbeschränkungen betroffen. So stammte 2020 nach UN-Angaben jeweils rund 40 Prozent des in Ägypten, der Türkei, Aserbaidschan und dem Sudan verbrauchten Weizens aus Russland. „Wir müssen alles tun, um einen Hurrikan des Hungers und einen Zusammenbruch des globalen Ernährungssystems abzuwenden“, hatte UN-Generalsekretär António Guterres gesagt.

Im schlimmsten Fall könnte der Krieg in der Ukraine* nach Worten des Agrarökonomen Matin Qaim bis zu 100 Millionen Menschen in den Hunger treiben. Betroffen seien neben Nordafrika und dem Nahen wie Mittleren Osten auch Länder, „die noch ärmer sind, wo jetzt schon viele Menschen hungern: in Somalia, im Tschad, auf Madagaskar oder in Bangladesch, um nur einige zu nennen“.

Wenn der Weizenpreis um 50 Prozent steige, würden Brot und Nudeln auch hierzulande „ein paar Cent teurer“, erklärte Qaim gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Das ist für viele Menschen zwar nicht unerheblich, die meisten können es sich hierzulande aber leisten. In weiten Teilen Afrikas und Südasiens geht das Einkommen dagegen fast komplett für Lebensmittel drauf.“

Nach Getreide-Exportstopp und Ukraine-Krieg: Verantwortung für die Welternährung

In Tunesien macht sich Bäcker Slim Talbi Sorgen um die Zukunft. Schon jetzt zahle er dreimal so viel für das Mehl wie früher, sagt er. „Dabei bekommen wir die tatsächlichen Auswirkungen des Krieges noch gar nicht zu spüren.“ Tunesien importiert fast die Hälfte des für Brot verwendeten Weichweizens aus der Ukraine. Die Vorräte im Land reichen den Behörden zufolge für drei Monate. Libyen bezieht sogar 75 Prozent seines Weizens aus Russland und der Ukraine, auch Marokko ist in hohem Maß auf Importe aus diesen Ländern angewiesen.

Manche fürchten, dass der Krieg in Europa zu Hunger und Unruhen in Nordafrika führen könnte. Auch bei den Aufständen in mehreren arabischen Ländern in den vergangenen zehn Jahren spielten steigenden Lebensmittelpreise eine Rolle.

Wie sich der Ukraine-Krieg in den kommenden Monaten entwickeln werde, lasse sich schwer vorhersagen, erklärt Experte Qaim. „Umso wichtiger ist es, dass andere Länder jetzt ihre Verantwortung für die Welternährung
wahrnehmen.“ Dafür müsse der Welthandel „so offen wie möglich“ bleiben; Exportstopps träfen am Ende wiederum die Menschen in den ärmsten Ländern der Welt.

Mit Material der dpa und AFP

*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Auch interessant