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Ukraine-Krieg: Cholera-Ausbruch in Mariupol befürchtet – WHO bereitet sich vor

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Von: Diana Rissmann, Tanja Banner

Die Ukraine veröffentlicht die Zahl der bisher getöteten ukrainischen Soldaten. Die Angriffe Russlands gehen weiter – und Mariupol befürchtet einen Cholera-Ausbruch.

Update vom Samstag, 11. Juni 15.00 Uhr: Im russisch besetzten Mariupol sollen nach ukrainischen Angaben Krankheiten ausgebrochen sein. In der Hafenstadt gebe es einen Ausbruch von Cholera und der Ruhr, so der Bürgermeister Mariupols, Wadym Bojtschenko, der sich nicht in der Stadt befindet. Der Krieg werde „mit diesen Infektionsausbrüchen leider die Leben weiterer Tausender in Mariupol fordern.“ Cholera ist eine lebensgefährliche Durchfallerkrankung, die meist durch das Trinken von etwa durch Fäkalien verschmutztem Wasser übertragen wird. In Mariupol sollen Teile der Wasserversorgung verseucht sein, sanitäre Anlagen sind zerstört und Leichen verwesen in den Straßen, wie die Welt online berichtet.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht zwar ein hohes Risiko für einen Cholera-Ausbruch in Mariupol, hat jedoch eigenen Angaben zufolge bisher „keine Meldung von Verdachtsfällen oder bestätigten Fällen erhalten“, so eine Sprecherin in Genf. Die WHO sei selbst nicht in Mariupol, aber in engem Kontakt mit Partnern vor Ort. Zuvor hatte neben dem Bürgermeister Mariupols auch das britische Verteidigungsministerium von einzelnen Cholerafällen in der Stadt gesprochen. Ukrainische Behörden berichten von zahlreichen Leichen in der Stadt, die nicht geborgen wurden.

Ukraine-Krieg: Cholera-Ausbruch in Mariupol? WHO bereitet sich vor

Die WHO habe vorsorglich Tests und Medikamente bereitgestellt, um auf einen möglichen Cholera-Ausbruch in Mariupol schnell zu reagieren, erklärte eine Sprecherin. Ebenso helfe die Organisation Behörden in der Ukraine, den Einsatz von Impfstoffen sowie Aufklärungsmaterial für die Bevölkerung vorzubereiten.

Ukraine-Krieg: Was in der Ukraine in der Nacht geschah

Erstmeldung vom Samstag, 11. Juni, 8.00 Uhr: Kiew - Ein Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj machte die Zahl in der Nacht zum Samstag (11. Juni) öffentlich. Demnach seien in gut dreieinhalb Monaten Ukraine-Krieg etwa 10.000 ukrainische Soldaten getötet worden. Präsidenten-Berater Olexij Arestowytsch nannte diese Zahl in einem seiner regelmäßigen Youtube-Videointerviews mit dem russischen Oppositionellen Mark Feygin.

Diese Woche hatte Verteidigungsminister Olexij Resnikow bereits gesagt, dass aktuell täglich bis zu 100 ukrainische Soldaten getötet würden. Arestowytsch betonte, dass auf ukrainischer Seite auch zu Beginn des Krieges rund 100 Militärangehörige pro Tag gestorben seien. Auf Feygins Frage, ob man also von rund 10.000 getöteten Soldaten insgesamt ausgehen könne, antwortete er: „Ja, so in etwa.“ Das berichtet die Deutsche Presse-Agentur (dpa)

Weder von der Ukraine noch von Russland gab es bisher erschöpfende Angaben zu den Verlusten in dem sich am 24. Februar zum Krieg entwickelten Ukraine-Konflikts. Selenskyj hatte zuletzt Mitte April in einem CNN-Interview von bis zu 3000 getöteten Soldaten gesprochen. Erfundene oder echte Opfer im Ukraine-Krieg? Angesichts der sich ständig entwickelnden Frontlage lassen sich Meldungen von ukrainischer wie von russischer Seite her kaum je unabhängig überprüfen.

Ukraine-Krieg: Kämpfe im Osten des Landes gehen weiter – Sjewjerodonezk unter Dauerbeschuss

In der Ostukraine gehen unterdessen die Kämpfe ohne große Veränderungen des Frontverlaufs weiter - so steht die Stadt Sjewjerodonezk unter Dauerbeschuss. Die ukrainische Seite spricht von Erfolgen ihrer Artillerie dank westlicher Munition - und appelliert, das Tempo der Waffenlieferungen zu erhöhen.

Zwei Nationalgardisten besuchen das Grab eines verstorbenen Soldaten auf dem Friedhof in Charkiw im Osten der Ukraine. Die Ukraine gibt die Zahl der bisher im Krieg getöteten Soldaten mit 10.000 an. (Archivbild)
Zwei Nationalgardisten besuchen das Grab eines verstorbenen Soldaten auf dem Friedhof in Charkiw im Osten der Ukraine. Die Ukraine gibt die Zahl der bisher im Krieg getöteten Soldaten mit 10.000 an. (Archivbild) © Bernat Armangue/dpa

„Russland will jede Stadt im Donbass zerstören, jede ist keine Übertreibung. Wie Wolnowacha, wie Mariupol“, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner Videoansprache am Freitagabend. „All diese Ruinen in einst glücklichen Städten, schwarze Spuren von Bränden, Krater von Explosionen - das ist alles, was Russland seinen Nachbarn, Europa und der Welt geben kann.“ Dennoch sprach der ukrainische Präsident in einer Videobotschaft in der vergangenen Woche davon, dass Russland bislang „keinen Durchbruch“ in der Ost-Ukraine erzielt habe, wie die dpa berichtet.

Ukraine-Krieg: Dringlicher Ruf nach schnelleren Waffenlieferungen in die Ukraine

Laut Arestowytsch werden dauerhaft mehr russische als ukrainische Soldaten getötet. Am Freitag seien die Angriffe der ukrainischen Artillerie mit westlicher Munition besonders effizient gewesen, sagte er und gab die Schätzung von rund 600 getöteten russischen Soldaten ab. Mit Blick darauf appellierte der Selenskyj-Berater an den Westen, viel schneller Waffen und Munition zu liefern. Die ukrainische Regierung sei zwar für die bisherige Hilfe sehr dankbar, ohne die man vermutlich bereits hinter den Dnipro-Fluss zurückgedrängt worden wäre. Er verstehe aber die Langsamkeit bei den Lieferungen nicht. Um die russische Aggression zurückzuschlagen, brauche die Ukraine unter anderem schnell mehr Artillerie-Feuerkraft, betonte Arestowytch.

Selenskyj: Die Zukunft der Ukraine wird jetzt auf dem Schlachtfeld entschieden

Auch Selenskyj selbst dringt beim Westen auf schnellere Waffenlieferungen. Zwar bereite sich die ukrainische Regierung auf den Wiederaufbau vor, sagte er in seiner täglichen Videoansprache. Aber in den derzeitigen „schwierigen“ Schlachten werde entschieden, wie schnell diese Zeit danach kommen werde. Und die ukrainischen Truppen könnte den Vormarsch des russischen Militärs nur so gut aufhalten, wie ihre Waffen es ihnen erlaubten.

Zwei Nationalgardisten besuchen das Grab eines verstorbenen Soldaten auf dem Friedhof in Charkiw im Osten der Ukraine. Die Ukraine gibt die Zahl der bisher im Krieg getöteten Soldaten mit 10.000 an. (Archivbild)
Zwei Nationalgardisten besuchen das Grab eines verstorbenen Soldaten auf dem Friedhof in Charkiw im Osten der Ukraine. Die Ukraine gibt die Zahl der bisher im Krieg getöteten Soldaten mit 10.000 an. (Archivbild) © Bernat Armangue/dpa

Ukraine-Krieg: Russen reißen in Mariupol offenbar Häuser mit Toten ab

Der von russischen Truppen aus Mariupol vertriebene Bürgermeister Wadym Boitschenko hat den Besatzern vorgeworfen, in der Stadt Mehrfamilienhäuser abzureißen, ohne zuvor die Leichen getöteter Bewohner zu bergen. Die Toten würden mit dem Schutt abtransportiert, schrieb Boitschenko am Freitag im Nachrichtendienst Telegram. In der wochenlang von russischen Truppen belagerten Hafenstadt seien 1300 Gebäude zerstört worden und unter den mehrstöckigen Häusern würden jeweils 50 bis 100 Tote vermutet. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden. Ukrainische Behörden schätzten die Zahl der in Mariupol getöteten Zivilisten noch vor der Eroberung durch russische Truppen auf bis zu 20 000.

Russland händigt in ukrainischem Gebiet russische Pässe aus

Russland setzt seine Versuche fort, besetzte ukrainische Gebiete enger an sich zu binden. In den von russischen Truppen kontrollierten Teilen der Region Saporischschja sollen von Samstag an russische Pässe ausgehändigt werden. Die Empfänger würden danach als vollwertige Bürger Russlands betrachtet, sagte ein Mitglied der Besatzungsbehörden, Wladimir Rogow, dem Fernsehsender Rossija-24. Ihm zufolge haben dort mehr als 70.000 Menschen Anträge gestellt.

Präsident Wladimir Putin hatte im Mai das Verfahren für den Erhalt russischer Pässe vereinfacht. Russland verteilt sie auch in anderen besetzen Gebieten und führt dort auch den Rubel als Zahlungsmittel ein. Ukrainische Behörden werfen den Besatzern vor, Menschen in die russische Staatsbürgerschaft zu drängen und befürchten eine Annexion der besetzten Gebiete. Laut Arestowytsch wurde im besetzten Gebiet Cherson ein russischer General getötet, der eine Volksabstimmung über einen Anschluss an Russland habe durchführen sollen. (dir mit dpa)

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