Fuldaer Schirmstreit: Lächerlich, wie eine Provinz-Posse fast zum Aufreger des Jahres wird

22. Dezember 2015
FULDA

Eine Provinz-Posse hätte es 2015 beinahe zum Stadtthema Nummer eins geschafft – gäbe es nicht die Flüchtlingskrise. Es geht um einen nach 23 Uhr nicht eingeklappten Sonnenschirm. Sämtliche Beteiligte haben sich in der Folge nicht mit Ruhm bekleckert.

Von unserem Redaktionsmitglied Sascha-Pascal Schimmel

Im Sommer hatte sich der Betreiber der Café Bar 22 im Bermudadreieck – man muss es schonungslos so formulieren – erdreistet, einen Sonnenschirm nicht spätestens um 23 Uhr einzuklappen. Ein klarer Verstoß gegen die allseits bekannte Sondernutzungserlaubnis Außengastronomie 2015.

Diese Dreistigkeit fiel Mitarbeitern des Ordnungsamtes auf. Zum Schutze aller Bürger meldeten die pflichtbewussten Gesellen das Vergehen. Wenig später flatterte dem Bar-Betreiber das wohlverdiente Anhörungsschreiben in den Briefkasten – ihm drohte ein Bußgeld. Ein starkes Signal an die Fuldaer: In dieser Stadt seid ihr sicher. Hier herrschen noch Recht und Ordnung.

Alle halten das Süppchen am köcheln

Spaß beiseite: Dieser popelige Schirmstreit hat sich doch tatsächlich zum Kronprinzen unter Fuldas Aufreger-Themen gemausert. Lediglich die Flüchtlingskrise stellt die Provinz-Posse in den Schatten.

Dass das Süppchen auch mehr als drei Monate nach dem Vorfall noch köchelt, liegt am Verhalten aller, die irgendwie beteiligt gewesen sind. Stadt, Bar-Betreiber und Facebook-Nutzer haben wenig gelassen und besonnen agiert und reagiert.

Sie hätten in die Bar gehen sollen

Die Geschichte wäre erst gar nicht ins Rollen gekommen, hätten die Mitarbeiter des Ordnungsamts an jenem Abend nicht ihr Fingerspitzengefühl daheim vergessen. Klar, sie machten nur ihren Job und handelten im Sinne der Sondernutzungserlaubnis Außengastronomie 2015.

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Aber war es zu viel verlangt, die paar Schritte in die Bar hinein zu gehen und Betreiber Jochen Breusch auf den Sonnenschirm hinzuweisen? Zwei, drei Handgriffe später wäre alles in bester Ordnung. Aber nein, ein Denkzettel musste her.

Der Fehler des Bar-Betreibers

Dass Breusch sich darüber aufregte: nachvollziehbar. Dass er den Fall auf der Facebook-Seite seiner Bar veröffentlichte: auch. Der Vorwurf an ihn: Mit einem Foto des Anhörungsschreibens veröffentlichte er auch die Namen der Stadt-Mitarbeiter.

Dieser Post auf Facebook war geradezu eine Einladung, die Mitarbeiter zu beleidigen. Manche Nutzer des sozialen Netzwerks nahmen sie dankend an. „Die Familien der Mitarbeiter sind ziemlich unter Druck geraten“, sagte Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld. „Die herablassenden Äußerungen beschränken sich nicht auf Worte wie ‚Vollpfosten‘.“

Ätzende Verrohung im Internet

Viele Menschen scheinen zu glauben, im Internet könnten sie sich einmal so richtig austoben. Sie beleidigen, was das Zeug hält – und glauben, ungeschoren davon zu kommen.

Dass Wingenfeld Anzeige gegen einige Facebook-Wutbürger erstatten ließ – zum Schutz seiner Mitarbeiter, wie er mitteilte, nachdem dies publik wurdes – ist somit das richtige Signal.

Seitdem befindet sich die Provinz-Posse jedoch in der nächsten Runde – Monate nachdem das Ganze mit etwas Fingerspitzengefühl erst gar kein Thema geworden wäre.