Fulda 1918 - 1933: Katholisches Bollwerk gegen Nazis

02. Juli 2016
Fulda

Nach dem Ersten Weltkrieg scheint die Macht der katholischen Kirche in Fulda ungebrochen. Die Partei des politischen Katholizismus fährt bei den Wahlen regelmäßig die absolute Mehrheit ein, und eine berühmte Konvertitin zum katholischen Glauben möchte ihre letzte Ruhe in der Barockstadt finden. Für die Nazis erweist sich Fulda während der Weimarer Republik als schwer einnehmbare Bastion.

Von unserem Redaktionsmitglied Stefan Schoder

Ein Bollwerk gegen Nazis: Die Nationalsozialisten stießen im religiös geprägten Fulda auf viel Widerstand. In der Barockstadt erzielte die NSDAP Wahlergebnisse weit unter dem Durchschnitt – vor allem wegen des starken katholischen Milieus.

Anna von Preußen wünscht Beisetzung in Fulda

Beerdigung
Anna von Preußen wird 1918 im Dom zu Fulda vor dem Anna-Altar beigesetzt. / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: unbekannt

Für Katholiken war Fulda von großer Bedeutung, wie das Beispiel der Konvertitin Anna von Preußen zeigt. Nachdem sie in ihrem Leben viele Schicksalsschläge hatte verkraften müssen, trat die Protestantin 1901 in der Kapelle des Fuldaer Priesterseminars zur katholischen Kirche über. Von ihrer Familie wurde sie dafür verstoßen.

Am 12. Juni 1918 starb Anna von Preußen mit 82 Jahren in Frankfurt und wurde auf ihrem Wunsch hin in Fulda in der Nähe des Grabes des Hl. Bonifatius beigesetzt. Kurz vor ihrem Tod hatte Kaiser Wilhelm II. sie besucht. 17 Jahre nachdem er sie aus der Familie verstoßen hatte, entschuldigte sich der Kaiser persönlich bei ihr.

Kampf gegen freie Gewerkschaften

Blick
Mitte der Weimarer Republik: Blick auf Dom und Michaelskirche. / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: Julius Cäsar

Die Macht der katholischen Kirche beschränkte sich nicht nur auf den religiösen Bereich. Sie ging noch viel weiter und nahm zum Teil bizarre Züge an. So unterstützte der Fuldaer Bischof die christlichen Gewerkschaften und verbot 1923 in einem Kirchlichen Amtsblatt die Mitgliedschaft in einer freien Arbeitervereinigung. Die Sakramente missbrauchte er dabei als Druckmittel. Wer Mitglied einer freien Gewerkschaft war, sollte diese nicht mehr empfangen dürfen.

Fulda wächst immer weiter

Blick
Fulda im Jahr 1926. / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: Julius Cäsar

Drei von vier Fuldaern waren Ende der Weimarer Republik katholisch (2014: knapp jeder Zweite). Nach dem Rekordwachstum Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Bevölkerung weiter zugelegt. Zwischen 1919 und 1933 wuchs sie um circa 16 Prozent auf 27.753 Einwohner. Davon waren nur 20,9 Prozent protestantisch und 3,7 Prozent jüdisch.

NSDAP schneidet schlecht in Fulda ab

Wahlen
Reichstagswahlen: Ergebnisse in Fulda und im Republikdurchschnitt. / Grafik: Linda Hopius

Von der Bevölkerungsstruktur in Fulda profitierte vor allem der politische Katholizismus, das Zentrum. Gegen Ende der Weimarer Republik erreichte die Partei bei nahezu allen Reichstagswahlen die absolute Mehrheit. In Fulda erlangte das Zentrum das Vielfache vom Durchschnitt auf Republikebene.

Bei der NSDAP sah es gegensätzlich aus. Selbst bei der Wahl im Jahr 1933, bei der die Nazis republikweit viel Druck, oft in Form von Gewalt, ausübten, kam die NSDAP auf gerade einmal 26,9 Prozent, republikweit waren es 43,9 Prozent. Das machte Hoffnung. Die Fuldaer Zeitung schrieb zwei Tage nach der Wahl: „Der Zentrumsstern in der Bonifatiusstadt steht nach wie vor fest und unerschüttert.“

Weltwirtschaftskrise sorgt für Not

Versandhaus
Marktstraße um 1930. / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: Foto-Atelier Schneider

Doch auch in Fulda legte die NSDAP zu. Dabei profitierte sie unter anderem vom Leid der Menschen, zum Beispiel durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise 1929/30.

Nazis hetzen gegen Minderheiten und Andersdenkende

Jahr
Schandfleck vor dem Dom: Fuldaer SA-Männer umrahmen 1929 ihr Propagandahäuschen. / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: unbekannt

In ihren Hetz-Schriften machten die Nationalsozialisten Stimmung gegen Gegner und Minderheiten. Sie schwadronierten über die angebliche Macht der Fuldaer Juden, die durch die Politik des Zentrums und der SPD erst ermöglicht worden sei. In einem Artikel vom 5. März 1932 stand im Fuldaer Beobachter: Die Juden ließen „ihre Verwandte[n] und Bekannte[n] aus anderen Teilen Deutschlands, aber auch aus Galizien, Polen und sonstigen Ländern nach Fulda kommen und halfen ihnen sich anzukaufen und Geschäfte zu gründen. Hier in Fulda war ja gut sein, denn das Zentrum übte wohlwollende Duldung und die Großbanken mit ihren jüdischen Interessen stellen Geld in Genüge zur Verfügung.“ Sechs Jahre später brannte die Synagoge in Fulda.

Hier geht es zum vorigen Teil unserer Fotoserie:
Verborgen im Stadtarchiv: Fuldaer Soldat schreibt über Schrecken des Ersten Weltkriegs


Aus unserem Archiv: Hyperinflation vernichtet Ersparnisse

Die Anfangsjahre der Weimarer Republik waren von Krisen bestimmt. Diese waren oft politischer Natur und tangierten das Alltagsleben der Fuldaer nur wenig. Anders verhielt es sich bei der Hyperinflation in den Jahren 1922/23. Sie raubte die Ersparnisse und machte Schuldner, wie die Stadt Fulda, auf einen Schlag frei von allen Geldforderungen.

Lesen Sie hier mehr:
Stadt voller hungernder Milliardäre: Fulda im Elendsjahr 1923

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