Fulda 1933 - 1939: Eine schwarze Stadt wird braun

20. Juli 2016
Fulda

Nach der „Machtergreifung“ sicherten die Nationalsozialisten ihre Herrschaft in Fulda. Der Friedrichsmarkt (heute: Unterm Heilig Kreuz) wurde in Adolf-Hitler-Platz umbenannt. Die große jüdische Gemeinde Fuldas geriet in die Fänge eines Terrorregimes: 1938 brannte die Synagoge.

Von unserem Redaktionsmitglied Stefan Schoder

Eine schwarze Stadt wird braun: Während der Weimarer Republik konnten die Nazis in Fulda bei Weitem nicht die Erfolge feiern wie in anderen Regionen. Doch mit der „Machtergreifung“ wendete sich das Blatt. Die Opposition wurde ausgeschaltet und die Nazi-Herrschaft auch in Fulda errichtet.

Adolf Hitler wird Ehrenbürger Fuldas

Friedrichsmarkt
Die Fuldaer stehen stramm: Der Friedrichsmarkt wird zum Adolf-Hitler-Platz. / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: unbekannt

Kurz nach der „Machtergreifung“ stimmte die Fuldaer Stadtverordnetenversammlung einstimmig dem Antrag zu, Adolf Hitler die Ehrenbürgerwürde der Stadt zu verleihen. Hinzugefügt wurde folgende Erklärung: „Die Bürgerschaft von Fulda steht geschlossen hinter der Regierung der nationalen Erhebung und ist erfüllt von der Hoffnung, dass es dem Reichskanzler und Volksführer Adolf Hitler, ausgestattet mit allen Vollmachten der deutschen Volksvertretung gelingen möge, die deutsche Not zu wenden und das Reich zu neuer Größe zu führen. [...]“ Im Mai 1933 wurde der Friedrichsmarkt vor der Stadtpfarrkirche in Adolf-Hitler-Platz umbenannt.

Er behielt seinen Namen bis zum Ende des Krieges. Nach 1945 wurde der Platz zu Unterm Heilig Kreuz getauft. Auf dem ersten Markt der Stadt Fulda war einmal ein Kreuz als Wahrzeichen des Marktfriedens gestanden. Im Dritten Reich fanden dort regelmäßig Aufmärsche mit riesigen Hakenkreuzfahnen statt.

Platz der SA im Herzen der Stadt

Auf
Aufmarsch der SA auf dem ehemaligen Kaiserplatz. / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: unbekannt

Der Adolf-Hitler-Platz war nur der Anfang. Als Zeichen ihrer Macht nannten die Nationalsozialisten mehrere Straßen und Plätze um. Der heutige Universitätsplatz in Fulda hieß vor der „Machtergreifung“ Kaiser-Friedrich-Platz oder einfach Kaiserplatz.

1905 war dort eine Statue zu Ehren Kaiser Friedrichs III. errichtet worden, dem „99-Tage-Kaiser“, der 1888 nur wenige Monate regiert hatte und dann verstarb. Im Dritten Reich wurde der Kaiserplatz zum Platz der SA und die Kaiser-Statue 1941 eingeschmolzen.

Ausschaltung der missliebigen Presse

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Rhöner SA / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: unbekannt

Die Fuldaer Zeitung hatte sich in der Weimarer Republik klar positioniert: Sie war ein Gegner des Nationalsozialismus. Regelmäßig schrieb Chefredakteur Dr. Johannes Kramer gegen die menschenverachtende Nazi-Ideologie an.

Am 8. Juni 1929 erklärte beispielsweise Kramer: „Der Nationalsozialismus der Hitlerpartei, die Überschätzung des Nationalen, das Bekenntnis zur brutalen Gewalt und Macht, können nimmermehr in Einklang gebracht werden mit katholischer Lehre, die antisemitischen Verleumdungen und Aufforderungen zur Gewalt verletzen nicht nur die katholischen Lehrmeinungen über Staat und Gesellschaft, sondern die für die ganze Menschheit gültigen Zehn Gebote.“

Die Nazis sahen in der Fuldaer Zeitung einen Hort des Widerstands. Am 10. Dezember 1933 verwüsteten SA-Schergen die Redaktionsräume, woraufhin die Zeitung vorläufig verboten wurde. Kramer verlor seine Position als Chefredakteur, von 1935 bis 1945 stand die Zeitung unter Zensur.

Katholische Kirche stört

Fuldaer
Juni 1934: Die NSDAP Ortsgruppe Fulda feiert ihr zehnjähriges Jubiläum auf dem Domplatz. / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: unbekannt

Dem totalitären Machtanspruch der Nationalsozialisten stand auch die katholische Kirche entgegen. Die Führung betrieb zwar keinen offenen Widerstand, wollte sich aber auch nicht den neuen Machthabern unterwerfen.

Vor allem im Bereich Jugendarbeit sahen die Nazis die katholische Kirche als Rivalen. So heißt es in einem Lagebericht im März 1935: „Der Einfluss der Geistlichkeit gegenüber der schulentlassenen Jugend wirkt sich besonders in den Fortbildungsschulen aus. Dort unterrichten vielfach noch Geistliche, die dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstehen.“

Während des Dritten Reichs sprach sich die Bischofskonferenz in Eingaben und Predigten offen gegen das systematische Morden von Menschen mit Behinderung („Euthanasie“) aus. Bei der Verfolgung der jüdischen Mitbürger fand die katholische Kirche aber keine Worte – sie schwieg.

Große jüdische Gemeinde wird tyrannisiert

Synagoge
Innenansicht: Die Fuldaer Synagoge vor ihrer Zerstörung. / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: unbekannt

Im Jahr 1933 hatte Fulda eine überdurchschnittlich große jüdische Gemeinde. Von den rund 28.000 Bürgern der Stadt waren etwa 1000 jüdischen Glaubens. Mit der Machtübernahme der Nazis mussten sie um ihr Leben bangen.

Viele waren dem Terror schutzlos ausgeliefert: 1934 gab es antisemitische Übergriffe in Fulda, in den Folgejahren wurde Juden nach und nach grundsätzliche Rechte entzogen.

Bürgermeister Karl Ehser forderte Oktober 1938, dass Juden nicht mehr in den Schlosspark gehen dürfen, weil er „über das starke Überhandnehmen und Breitmachen von Juden in den städtischen Anlagen am Frauenberg und im Schlosspark höre.“ Oberbürgermeister Franz Danzebrink antwortete ihm sieben Monate später: Er habe die Feldhüter angewiesen, „dass ein sich Breitmachen von Juden in den städtischen Anlagen [...] nicht wieder vorkommt.“

Die Fuldaer Synagoge wurde in der Nacht auf den 10. November 1938 angesteckt. Zuvor waren Geschäfte, Wohnungen und der jüdische Friedhof verwüstet worden. Viele Menschen flüchteten aus ihrer Heimatstadt, Ende 1939 lebten nur noch 378 Juden in Fulda – ihnen drohte der Tod.

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Von Bekannten bespuckt, von Freunden im Stich gelassen: Ein Jude berichtet vom Pogrom in Fulda



„Fulda ist keine schwarze Stadt mehr“

Erntedankumzug
Erntedankumzug durch Johannesberg/Harmerz im Nazi-Look / Foto: Stadtarchiv Fulda, Bildarchiv, Foto: unbekannt

Viele Fuldaer arrangierten sich mit den neuen Gegebenheiten oder wurden sogar zu überzeugten Anhängern des Regimes. Am 19. Juni 1939 erklärte Gauleiter Karl Weinrich stolz in der Zeitung: „Fulda ist keine schwarze Stadt mehr.“ Der Kreistag der NSDAP habe gezeigt, „dass das Fuldaer Land heute in seiner Gesamtheit nationalsozialistisch ist.“

Der Autor des Jahresberichts des Gauschulungsamtes 1940 kommt zu einem anderen Schluss: „Im Gau Kurhessen sind nach wie vor die Kreise Fulda, Hünfeld und Fritzlar-Homburg als weltanschauliche Notstandsgebiete zu bezeichnen. Sie werden vorwiegend oder teilweise von Angehörigen der katholischen Konfession bewohnt. Fulda ist Bischofssitz.“

Hier geht es zum vorigen Teil unserer Fotoserie:
Fulda 1918 - 1933: Katholisches Bollwerk gegen Nazis

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