Unter dem Michaelsberg versteckt sich das wohl größte Geheimnis Fuldas

18. April 2016
Fulda

Es gibt in Fulda ein Geheimnis, das bis vor Kurzem nicht einmal dem Stadtarchivar und dem Kreisarchäologen bekannt gewesen ist. Mitten in der Stadt befindet sich in einem Berg ein Stollensystem – nur wenige Quellen belegen seine Existenz.

Von unserem Redaktionsmitglied Sascha-Pascal Schimmel

Während des Bombenhagels Ende des Zweiten Weltkrieges errichtet, hat er sich in eines der größten Geheimnisse Fuldas verwandelt. Weder dem Leiter des Stadtarchivs noch dem Kreisarchäologen war dessen Existenz bis vor Kurzem bekannt.

Die Rede ist von einem Stollenbunker im Michaelsberg. Einige Fuldaer hatten ihn etwa dort gegraben, wo sich nun die öffentlichen Toiletten am Domplatz befinden. Nichts deutet mehr auf seine Eingänge hin – oder darauf, dass sich die Stollen noch immer im Berg befinden.

Des Domküsters Tagebuch

Es leben nur noch wenige Menschen, die sich an den Bunker erinnern können. Und die historischen Quellen, die den Zufluchtsort erwähnen, sind rar gesät.

So schrieb zum Beispiel Domküster Josef Schrimpf am Karfreitag 1945 in sein Tagebuch: „Niemand verließ die Bunker außer ein paar Mutigen, die Proviant beischafften und mit Koltern und Bettzeug in die Stützmauer seitlich der Michaelskirche verschwanden. Dort hatte der Luftschutzwart, Bäckermeister Lorenz (Abtstor), mit Frauen und Männern Stollengänge in den Fels gegraben mit Ein- und Ausgang; Zugang hatte nur, wer bei den Ausschachtungsarbeiten geholfen hatte.“ Diese Passage zitiert Günter Sagan in „Kriegsende 1945 im Vogelsberg und in der Rhön“.

„Ein Bett habe ich damals nicht gesehen“

Eine deutlich ergiebigere Quelle als das Tagebuch des Domküsters bezüglich des Bunkers ist Michael Worringen. Der Fuldaer wuchs im Schatten des Doms auf, in der Kanalstraße nahe dem Hexenturm. Der Domplatz sei praktisch der Spielplatz von seinen Freunden und ihm gewesen, sagt der ehemalige Grafiker, der heute in Marbach lebt.

Worringen erinnert sich noch gut an den Bombenkrieg 1944/45. „Ich habe jeden Angriff auf Fulda mitbekommen“, sagt er. „Zu dieser Zeit habe ich das Bett praktisch nicht gesehen. Geschlafen habe ich auf dem Sofa im Wohnzimmer, fast komplett angezogen, einen kleinen gepackten Koffer neben mit – immer bereit, bei Bombenalarm schnellstmöglich in den nächsten Schutzkeller zu eilen.“

„Damals hat es in Fulda an geeigneten Schutzräumen gefehlt“, sagt Worringen. „Das zeigte sich spätestens bei dem verheerenden Angriff am 27. Dezember 1944 auf den Güterbahnhof, unter dem der Grezzbachbunker verlief. Dort kamen mehr als 700 Menschen ums Leben.“

Von Hand Gruben ausgehoben

Auch an den Stollenbunker im Michaelsberg erinnert sich der Fuldaer genau. Erst vor einem Dreivierteljahr hat er eine Zeichnung davon angefertigt. Dort sind die drei Eingänge zum Bunker zu sehen. „Es kann aber auch sein, dass es damals vier gewesen sind.“

Der Bunkerbau habe in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 begonnen. „Viel zu spät“, sagt Worringen. Arbeiter sowie unter anderem Hitlerjungen und Schüler hätten zwischen den langen Reihen von Kastanienbäumen vor der Mauer des Michaelsberges mit einfachsten Mitteln von Hand Gruben ausgehoben und unterhalb der Erdoberfläche Stollen durch die Mauer getrieben. „Diese sollten sternförmig unter der Michaelskirche beziehungsweise dem Bischofshaus zusammenlaufen und dort in der Mitte in einen größeren Raum münden.“

Wie weit die Gänge vorangetrieben wurden, sei ihm nicht bekannt, sagt der frühere Grafiker. „Ich bin damals jedoch einmal etwa 20 Meter in einen Stollen gegangen und habe das Ende nicht sehen können. Ich habe jedoch gesehen, dass Wände und Decken solide mit Baumstämmen abgestützt waren.“

Zugemauert und zugeschüttet

Worringen selbst und andere Kinder haben beim Bunkerbau mitangepackt – soweit das acht, neun Jahre alten Kindern möglich gewesen ist. „Mit Eimern und primitiven Flaschenzügen haben wir das Erdreich, das die Älteren aus den Stollen geholt hatten, seitlich zu Haufen aufgeschüttet.“

Nach relativ kurzer Zeit verschwand der Bunker wieder und wurde mit den Jahren aus dem Gedächtnis der Fuldaer getilgt. „Nach dem Kriegsende 1945 wurde alles, so wie es war, einfach zugemauert“, sagt Worringen. „Die Gänge wurden nicht wieder aufgefüllt, nur die Gruben wurden zugeschüttet.“

Und so ist davon auszugehen, dass sich die Stollen noch immer durch den Michaelsberg ziehen, unter den Füßen der Fuldaer – vor ihren Blicken jedoch versteckt.


Fulda im Bombenkrieg: Video und Hintergrundbericht
Online-Fundstück: Fulda nach dem Krieg - Video einer Trümmerlandschaft



Fulda war die Müllhalde der Bomber der Alliierten im Zweiten Weltkrieg

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