Wenige Meter trennten ihn vom Tod: Die beeindruckende Geschichte eines Fuldaer Weltkriegs-Überlebenden

25. April 2016
FULDA

Während drinnen die Wände bebten, machten draußen die Bomben Teile Fuldas den Erdboden gleich. Phillip Bunk hat die Fliegerangriffe der Alliierten auf wundersame Weise überlebt. Er hatte mehrfach großes Glück – beinahe hätte er zu den Toten im Grezzbachbunker gezählt.

Von unserem Redaktionsmitglied Sascha-Pascal Schimmel

Für Phillip Bunk wäre der 25. März 1945 beinahe der letzte Tag seines Lebens gewesen. An diesem Sonntag warfen die Alliierten 898 Bomben auf Fulda. Es war der letzte große Angriff auf die Barockstadt während des Zweiten Weltkrieges. 91 Menschen starben – Bunk hatte Glück, dass er nicht unter ihnen gewesen ist.

Der heute 82-jährige Fuldaer ist dem Tod während der Bombardements mehrfach entwischt. Bereits ein paar Monate vor jenem Palmsonntag entging er dank seiner Mutter der Katastrophe im Grezzbachbunker unter dem Güterbahnhof. Von 707 Fuldaern wurden nach dem 27. Dezember 1944 nur noch die Leichen aus dem Bunker geborgen.

Mutter stellt Bunk vor die Wahl

Philipp Bunk, damals zehn Jahre alt, hatte eigentlich auch dort Schutz vor den Bomben suchen wollen. „Als wir den Fliegeralarm hörten, haben Oma, meine Mutter, meine Schwester und ich unser Haus in der Moselstraße 10 verlassen“, sagt Bunk fuldaerzeitung.de. „Mein Vater war zu dieser Zeit in Gefangenschaft in Russland.“

Die Familie habe sich zu Fuß auf den Weg zu einem Luftschutzkeller in Bachrain gemacht, sagt der Fuldaer. Zwei oder drei Kilometer von ihrem Zuhause sei dieser entfernt gewesen. Der 10-jährige Bunk aber wollte lieber in den Grezzbachbunker, der auf etwa halber Strecke lag, und in dem sie zuvor zweimal untergekommen waren.

Güterbahnhof
Nach dem Bombardement waren die Gleise in Teilen nach oben gebogen. / Foto: Stadtarchiv

„Mein Opa hatte an diesem Tag Mittagsschicht im Emaillierwerk“, sagt Bunk. „Ich wusste, dass er dorthin gehen wird. Deswegen wollte ich auch in den Bunker.“ Die Mutter habe jedoch gesagt, dass sie nicht dorthin gehen würden. Wenn, dann müsse er alleine gehen. Vor diese Wahl gestellt, entschloss sich der Junge, bei Oma, Mutter und Schwester zu bleiben.

Leben am seidenen Faden

In Bachrain teilte sich die Familie den Schutzkeller mit 80 bis 100 weiteren Menschen. Als die Bomben einschlugen, die Erde beben ließen und Häuser in Schutt und Asche legten, flog der kleine Bunk wegen der Erschütterungen im Keller von einer Wand zur nächsten.

Eine der knapp 1400 Bomben dieses Tages grub sich direkt hinter dem Haus in Bachrain in den Boden. Sie hätte die Leben sämtlicher Kellerinsassen auslöschen können – explodierte jedoch nicht; ein Blindgänger.

In Schutzhaltung erstarrt

Bunks Opa hingegen hatte kein Glück. Er und hunderte andere Menschen starben im Bunker unter dem Güterbahnhof, durch den der Grezzbach floss. „Mehrere Bomben haben den Bunker getroffen“, sagt Bunk. „Einige Insassen sind praktisch im Bach ertrunken.“

Güterbahnhof
Die Kraterlandschaft um den Güterbahnhof. / Foto: Stadtarchiv

In den Tagen danach lagen die Leichen unter Tüchern nahe dem Bunker. Sie wurden später in Holzkisten gelegt, zum Friedhof in Neuenberg gebracht und dort in Reih und Glied aufgestellt. „Erst dort haben wir meinen Opa gefunden“, sagt Bunk. „Der Sargdeckel ging gar nicht zu. Wegen des bitterkalten Winters waren seine Arme gefroren. Wie zum Schutz hielt er sie angewinkelt vor seinem Gesicht.“

„Wir bekamen keine Luft mehr“

Drei Monate, nachdem sich die Familie vom Opa verabschiedet hatte, starteten die Alliierten einen letzten großen Bombenangriff auf Fulda. Ihr Ziel: die Bahnanlagen, einen knappen Kilometer vom Haus der Bunks entfernt.

„Als am Palmsonntag 1945 der Alarm kam, gingen wir ins Haus meiner Tante auf der anderen Straßenseite und suchten in ihrem Keller Schutz“, sagt der 82-Jährige. „Kurz nachdem wir angekommen waren, bebte die Erde. Im Keller breitete sich Staub aus, wir sahen nichts mehr, bekamen keine Luft.“

Unter dem Michaelsberg versteckt sich das wohl größte Geheimnis Fuldas

Auch über der Moselstraße hing eine große, kaum durchdringbare Staubwolke, nachdem die letzte Bombe an diesem Tag Fulda erschüttert hatte. „Draußen rief jemand ‚Bunks Haus ist getroffen worden‘“, sagt der Fuldaer. „Von unserem Zuhause war nur noch Schutt und Asche übrig.“ Aus den Trümmern hätten zwar noch ein paar Kleidungsstücke geragt – zum Beispiel eine Hose. „Sie sah aus, als könnte man sie noch tragen. Als ich sie anfasste, zerbröselte sie jedoch in meinen Händen.“

Die Gedanken kommen immer wieder

Nach dem Bombenkrieg habe er gedacht „Ja, ist passiert, jetzt geht es weiter“, sagt Bunk. Es habe ihm damals auch nichts ausgemacht, zwischen den Särgen auf dem Friedhof in Neuenberg zu gehen und die Toten zu sehen. „Als Kind nimmt man das wohl anders wahr als Erwachsene.“

Heute hingegen, 61 Jahre später, denke er jedoch häufig darüber nach, was damals passiert sei. „Die Gedanken kommen, ich träume von dieser Zeit.“ Besonders einen Gedanken habe er immer wieder. Damals, am Tag der Grezzbachbunker-Katastrophe habe seine Mutter ihm des Leben gerettet, indem sie nicht mit ihm in den Bunker habe gehen wollen.

Quiz Fulda historisch: 11 Fragen zur Vergangenheit unserer Stadt

Die Fuldaer sind zurecht stolz auf ihre Stadt. Sie bietet Zeugnisse ihrer bewegten Vergangenheit so weit das Auge reicht. Dieses Quiz stellt Ihr Wissen über die Geschichte Ihrer Heimat auf die Probe.

Wer ließ die Michaelskirche bauen?

Abt Sturmi

Abt Eigil

Abt Hatto

Was verbirgt sich unter dem Michaelsberg?

Ein Gang, der Michaelskirche und Dom verbindet.

Gebetstäume der Mönche der Abtei.

Ein Stollenbunker.

Woran starben die Kinder der Fuldaer Hexe Merga Bien?

Pest

Typhus

Pocken

Was litt in Fulda besonders unter den Bombardements während des Zweiten Weltkrieges?

Das Abwassersystem

Der Güterbahnhof

Die Stromversorgung

Aus welchem Jahr stammen die ältesten Kanäle Fuldas?

1894

1904

1914

Woher hat die Straße Am Rosengarten ihren Namen?

Dort befand sich früher ein großer Rosengarten.

Dort lebte früher eine gleichnamige Familie.

Dort weideten früher Fohlen.

Wo stand ein Denkmal zu Ehren Kaiser Friedrich III.?

Auf dem heutigen Uniplatz.

Auf dem Heinrich-von-Bibra-Platz.

Auf dem Domplatz.

Welcher Fuldaer gewann 1909 den Nobelpreis für Physik?

Ferdinand Schneider

Ferdinand Braun

Werner Jacobi

Hyperinflation: Was kostete am 30. Novomber 1923 eine Fuldaer Zeitung?

70 Milliarden Mark

85 Milliarden Mark

100 Milliarden Mark

Wo wurde Anna von Preußen 1918 beigesetzt?

In der Liobakirche.

In der Heilig-Geist-Kirche.

In St. Salvator.

Wie lautet der Name des gigantischen Vorgängers des Doms?

Ratger-Basilika

Rabanus-Maurus-Basilika

Brun-Candidus-Basilika

Oh weh, das muss besser werden.

Nun ja, es hätte immerhin schlechter laufen können ;).

Gar nicht übel, Sie sind auf dem richtigen Weg.

Sie sind ein echter Kenner der Geschichte Fuldas.

Fulda war die Müllhalde der Bomber der Alliierten im Zweiten Weltkrieg

Anzeige
Anzeige