Hessischer Tierschützer im Interview: „Es gibt eine Mobbing-Kampagne gegen Waschbären“

15. April 2015
Region

Am Waschbär scheiden sich die Geister – auch nach der brutalen Tötung von Tieren in Lauterbach vergangene Woche. Die einen finden den Kleinbären niedlich oder betrachten ihn als schützenswertes Wildtier, die anderen sehen in ihm eine Bedrohung für andere Tiere. Wir haben den hessischen Waschbären-Schützer Dr. Francesco Dati mit den verschiedensten Thesen konfrontiert.

Frage: Innerhalb von nur zehn Jahren soll sich die Zahl an Waschbären zuletzt verdreißigfacht haben. Wie verbreitet sind Waschbären in der Region Fulda?

Dr. Francesco Dati: Waschbären sind dort relativ weit verbreitet. 1934 wurden sie am Edersee freigelassen und haben sich von dort ausgehend stark ausgebreitet. In Deutschland gibt es derzeit mehr als eine halbe Million Waschbären. Ich schätze, dass es Hessen ungefähr 100.000 sind.

Frage: Wie stark sind Sie in den jüngsten Fall in Lauterbach involviert, wo im Park von Schloss Sickendorf mindestens zwei Muttertiere brutal totgeschlagen wurden?

Dati: Ich bin mit Grundstücksbesitzer Harald Roth gut befreundet. Er macht enorm viel für Wildtiere und speziell für Waschbären. Wie ich, hat er anfangs verwaiste Jungtiere aufgezogen und ist dann bei ihnen hängengeblieben, weil sie so interessant und intelligent sind. Sie können ein Schloss innerhalb von zehn Versuch öffnen. Sie können eine Aufgabe, die sie vor drei Jahren mal bekommen hatten, noch einmal lösen. Im aktuellen Fall haben wir dann gemeinsam entschieden, wie wir vorgehen. Unter anderem haben wir die Tötung auch bei der Polizei angezeigt – auch im Hinblick auf mögliche Wiederholungstaten. Wahrscheinlich sind im Schlosspark schon häufiger Waschbären getötet worden. Zuvor hatte Herr Roth angenommen, dass Tiere abgewandert sind. Bei der aktuellen Tat haben die Täter wohl die Beute nur nicht mitgenommen, weil sie vielleicht gestört worden sind. Ein mit einer Nagellatte traktiertes und dann gestorbenes Tier hatte sich noch bis zum dem Baum geschleppt, wo sich seine fünf Jungtiere befanden. Nur deshalb hat Herr Roth die Jungtiere gefunden, als er auf den Baum geklettert ist.

Frage: Der Deutsche Jagdverband fordert unter anderem eine Intensivierung der Waschbären-Fallenjagd. Sie sind gegen die Bejagung der nachtaktiven Säugetiere. Warum?

Dati: Wir Tierschützer sind nicht nur gegen die Bejagung von Waschbären, sondern auch zum Beispiel auch gegen das Jagen von Füchsen. Die Bejagung bringt nichts. Sie vermehren sich dann noch schneller. Waschbären sind eine soziale Familie. Vor allem die weiblichen Jungtiere bleiben über ein Jahr bei der Mutter. Werden die Muttertiere erlegt, werden die weiblichen Jungtiere sofort empfängnisbereit und produzieren mehr Junge. Diese haben dann weniger Erfahrung, sind neugieriger und unerfahrener und richten dann wesentlich mehr Schäden an. Studien belegen, dass es hinsichtlich der Vermehrung besser ist, die Familien intakt zu lassen.

Frage: Artenschützer sagen, dass Waschbären zunehmend Nistplätze von Vögeln, wie dem Uhu oder dem Storch besetzen, und eine Gefahr für Singvögel oder auch für die ohnehin vom Aussterben bedrohte Europäische Sumpfschildkröte sind. Sehen Sie das anders?

Dati: Von der Europäischen Sumpfschildkröte gibt es Brandenburg derzeit nur noch 70 Exemplare, bundesweit maximal 100 Tiere. Es gibt da leider einfach eine Mobbing-Kampagne gegen Waschbären. Eichhörnchen sind auch eine Gefahr für Vögel. Es ist ein natürlicher Vorgang, dass ein Waschbär ein Ei frisst. Wir als Menschen essen auch alle möglichen Sorten von Eiern. Man muss auch einfach mal die Kirche im Dorf lassen. Der Anteil der Waschbär-Nahrung an tierischen Proteinen liegt übrigens nur bei etwa 15 Prozent. Der Feind Nummer eins der Europäischen Sumpfschildkröte ist vielmehr das Wildschwein. Wenn zum Beispiel gesagt wird, dass etwa ein Viertel aller potenziellen Uhu-Nistplätze in Thüringen bereits vom Waschbär besetzt ist, muss man wissen, dass es dort nur etwa 90 Uhu-Paare gibt. Es handelt sich also nur um eine relativ kleine Zahl. Viele Argumente werden seit Jahren einfach wider besseren Wissens ständig wiederholt. Die Anzahl der Uhus in Thüringen ist zuletzt gestiegen.

Frage: Wie bewerten Sie in dieser Hinsicht den Umstand, dass es sich bei dem Waschbären um ein Neozoon handelt, also um ein Tier, das ursprünglich in Deutschland und Europa nicht lebte und von Menschen ausgesetzt worden ist?

Dati: Nach dem Bundesnaturschutzgesetz ist genau definiert, welche Tierarten heimisch sind. Eine heimische Art ist eine Art, die sich ohne Hilfe von außen über mehrere Generationen vermehrt hat. Der Waschbär lebt seit 1934 bei uns und ist laut Definition eine heimische Tierart. Interessant ist, dass die Europäische Sumpfschildkröte bei uns eigentlich auch schon ausgestorben war, weil die Katholiken sie während der Fastenzeit gegessen habe. Sie ist also auch nachträglich von Menschenhand wieder in Deutschland angesiedelt worden. Die Natur wird das auch mit dem Waschbär selbst regeln.

Frage: Der Waschbär hat aber keine natürlichen Feinde.

Dati: Hat der Fuchs natürliche Feinde? Hat der Dachs natürliche Feinde? Hat der Marder natürliche Feinde? Der Mensch ist der natürliche Feind des Waschbären. Der Nachwuchs der Waschbären hat aber durchaus natürliche Feinde in der Tierwelt. Sie werden zum Beispiel von Greifvögeln und Mardern gefressen.

Frage: Stimmt es, dass Jäger auch durchaus Waschbären fangen, um das Fleisch der Tiere zu essen? Bei der Tötung der Tiere in Lauterbach wird das auch vermutet.

Dati: Ja durchaus, das halte ich aber für einen natürlichen Vorgang. Wenn man für Waschbären-Fleisch eine Verwendungsmöglichkeit hat, können die Jagdverbände sagen, dass sie einen Grund zur Bejagung haben. Waschbären werden normal als Braten gegessen. Das würde ich aber nicht überbewerten, schließlich werden in anderen Ländern auch andere Tiere gegessen, als das bei uns üblich ist.

ZUR PERSON: Dr. Francesco Dati ist Biochemiker aus Marburg und hat zum Beispiel in Afrika zum Thema Parasitologie geforscht. Ehrenamtlich engagiert er sich für den Naturschutz – unter anderem beim Tierschutzverein Lich und im Verein Wildtierschutz Deutschland. Seit Jahren beschäftigt sich Dati umfassend speziell mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen zum Waschbären.

HINTERGRUND NEOZOEN: Nandu, Waschbär oder Halsbandsittich: In Deutschland leben viele Tiere im Freien, die ursprünglich hier nie vorkamen. Sie werden als Neozoen bezeichnet – das sind Tierarten, die seit der Entdeckung Amerikas 1492 durch den Einfluss des Menschen in eine für sie neue Region gelangt sind. Das kann absichtlich oder unabsichtlich geschehen, etwa wenn Tiere als “blinde Passagiere” auf Schiffen mitreisen oder aus der Gefangenschaft ausbüxen. Der Begriff “Neozoen” ist aus dem Griechischen abgeleitet und bedeutet etwa “Neu-Tiere”. Die entsprechenden Pflanzen heißen Neophyten. Besonders in zuvor isolierten Gebieten wie Inseln können fremde Arten große Schäden verursachen.

STICHWORT WASCHBÄR: Der Waschbär ist ein Allesfresser. Er frisst vor allem Schnecken, Würmer, Nüsse, Früchte und Insekten sowie kleinere Säugetiere wie Mäuse, aber auch Eier und gelegentlich Jungvögel. Das sorgfältige Abtasten der Beute, manchmal auch im Wasser, brachte den Waschbären ihren Namen ein. Die Kleinbären stammen aus Nordamerika. Hierzulande gibt es die grau-weißen Tiere mit der markanten schwarzen Gesichtsmaske seit rund 80 Jahren. Längst haben die höchst anpassungsfähigen Kulturfolger auch Parks und Gärten in den Großstädten erobert. Besonders viele tummeln sich in der Region um Kassel, wo bereits 1934 vier Tiere ausgesetzt wurden. / Mit dpa-Material

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