„Ehrenmord“ in syrischer Familie? Schwangere 30-Jährige in Hanau durch mehrere Messerstiche getötet

08. Januar 2016
Gelnhausen/Hanau

Schreckliche Bluttat in einem Mehrfamilienhaus in Hanau: Eine 30-jährige Frau wurde am Donnerstagabend mit mehreren Messerstichen getötet. Wie die Polizei am Freitagabend mitteilte, war sie im vierten oder fünften Monat schwanger. Als dringend tatverdächtig gelten ihre Brüder. Die 26 und 21 Jahre alten Männer waren zunächst auf der Flucht, konnten am Freitagnachmittag jedoch gefasst werden.

Von unserem Mitarbeiter Andreas Ziegert

Intensiv gefahndet wurde nach den mutmaßlichen Tätern – unter anderem auch in Gelnhausen, wo der Ältere in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht war. Am Freitagnachmittag konnten die Brüder festgenommen werden. Die Polizei war Hinweisen gefolgt, dass die beiden sich in den Eifelkreis Bitburg-Prüm abgesetzt hatten. Dort wurden sie gegen 16.15 Uhr von Spezial- und Fahndungskräften der Polizei Rheinland-Pfalz in einem Taxi nahe Trier gestellt. Bei ihrer Festnahme leisteten die Verdächtigen keinen Widerstand, heißt es in einer Pressenotiz der Polizei. Noch am Freitagabend werden sie polizeilich vernommen und sollen anschließend dem Haftrichter vorgeführt werden.

Die Ermittler gehen bei der Motivsuche derzeit von einem Streit innerhalb der syrischen Flüchtlingsfamilie aus. Lesen Sie hier mehr: Zwei Männer auf der Flucht: 30-Jährige bei Streit in Hanau getötet.

Getötete erwartete Kind

Gegen 22.30 Uhr am Donnerstagabend alarmierte ein Anwohner aus der Freigerichtstraße in Hanau die Polizei, weil er auf einen lautstarken Streit aufmerksam geworden war. Die beiden Brüder klingelten vermutlich an der Wohnungstür und stachen anschließend sofort ihre Schwester nieder. Im Treppenhaus wurde die Frau beim Eintreffen der ersten Rettungskräfte noch lebend gefunden, starb aber wenig später noch am Tatort. Inzwischen wurde festgestellt, dass sie im vierten oder fünften Monat schwanger war.

Obduktionsergebnis: Sieben Einstiche

Bei der Obduktion wurden insgesamt sieben Einstiche festgestellt, zwei davon in den Hals, zwei unterhalb der Brust. Leichtere Verletzungen trug der ebenfalls 30 Jahre alte Ehemann der Getöteten davon. Laut Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze hat er umfangreich ausgesagt. Die Polizei hat ihn bislang als Zeuge vernommen, stuft seine Rolle allerdings noch als unklar ein.

Das gilt auch für das Motiv: Oberstaatsanwalt Heinze hat für die beiden Männer Haftbefehle wegen Totschlags beantragt, will allerdings nicht ausschließen, dass es sich auch um einen Ehrenmord gehandelt haben könnte. Die Ursachen für die Auseinandersetzung könnten demnach schon in der syrischen Heimat der Familie entstanden sein, die sich jetzt in Deutschland wiedergetroffen habe. „Wir müssen noch ermitteln, warum der Streit eskalierte und wie der genaue Tatablauf war“, sagte Polizeisprecher Rudolf Neu.

Spezialeinheit stürmt Wohnung

Das Opfer und ihr sechsjähriger Sohn sowie ihr Ehemann, der einen anderen Nachnamen trägt, lebten seit Mitte 2015 in der Privatwohnung in dem Mehrfamilienhaus in der Hanauer Freigerichtstraße. In einem Hochhaus direkt gegenüber ist ihr dringend tatverdächtiger 21-jähriger Bruder gemeldet. Seine Wohnung war von Polizei bereits in der Nacht gestürmt worden, der junge Mann dort allerdings nicht angetroffen worden.

Sein 26 Jahre alter Bruder war bislang in der Flüchtlingsunterkunft in der Straße „Am Schandelbach“ in Gelnhausen gemeldet. Dort suchte am Freitagmorgen eine Spezialeinheit der Polizei nach ihm. Noch vor Sonnenaufgang durchkämmten zahlreiche schwer bewaffnete Beamte die Flüchtlingsunterkunft. Die maskierten Polizisten verschreckten in den frühen Morgenstunden auch einige Pendler auf dem Weg zum Bahnhof. Rettungswagen und Notarzt hatten sich für den Notfall auf dem Parkplatz eines nahegelegenen Supermarktes in Bereitschaft gehalten.